Berlin
Das Visual History Archive von Stephen Spielberg an der FU Berlin zugänglich
Am 22. Januar 2007 – wenige Tage vor dem Internationalen Holocaust-Gedenktag – lud die DIG Berlin zu einem Abend besonderer Art in die Freie Universität Berlin ein. Seit November 2006 sind dort im Visual History Archive 52 000 Video-Interviews mit Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust online verfügbar. Beeindruckt von der öffentlichen Präsentation des Projekts am 4. Dezember 2006 hatte Jochen Feilcke für die DIG Berlin noch am selben Abend eine Einladung durch die Universität arrangiert.
Als erste Universität außerhalb der USA ermöglicht die FU Studierenden, Forschern, Lehrenden und Gastwissenschaftlern direkten Zugang zu dem von Steven Spielberg nach dem Film „Schindler’s List“ ins Leben gerufenen Archiv der „Shoah-Foundation“, das inzwischen von der „University of Southern California“ (USC) übernommen wurde.
Begrüßt wurden die ca. 70 Gäste (weiteren 40 musste aus Platzgründen abgesagt werden) vom Vizekanzler der Universität, Prof. Dr. Werner Väth, der unterstrich, dass dies nach der Präsentation des Archivs die zweite öffentliche Präsentation sei. Auch Dr. Nikolas Apostolopoulos, Direktor des Centers für Digitale Systeme (CeDiS) an der FU und Leiter des Projekts, freute sich über das Interesse der DIG an ihrer Arbeit. Man zeigte sich erstaunt über die hohe Resonanz in Politik, Medien und Öffentlichkeit. Anlässlich der Präsentation dankte er auch seinem Team: Michael Baur (Systemmanagement), Verena Nägel (Wissenschaftliche Betreuung), Dr. Doris Tausendfreund (Wissenschaftliche Betreuung), Wolfram Lippert (Projektmanagement) und Katja Egli (Öffentlichkeitsarbeit) für ihren vorbildlichen Einsatz in den letzten Monaten.
Nach der Power-Point-Präsentation begann eine lebhafte Diskussion. Gefragt wurde, warum die Interviews im Jahr 1999 beendet wurden, obwohl doch auch heute noch Zeitzeugen verfügbar wären. Von Interesse war auch, ob die Interviewer ausreichend geschult und die Interviewten psychologisch betreut worden seien, ob die Interviews in irgendeiner Weise später bearbeitet oder den Interviewten die Möglichkeit eingeräumt worden sei, ihre Aussagen später zu ändern bzw. zurückzuziehen. Eine weitere Anfrage bezog sich darauf, ob es zu Missbrauch des Archivs beispielsweise durch Neonazis kommen könne.
Dr. Apostolopolous räumte ein, dass die Aufzeichnung weiterer Interviews wünschenswert wäre, doch habe Spielberg das zeitlich begrenzte Projekt bereits 150 Mio. Dollar gekostet. Nun wolle er „mal wieder Filme produzieren“. Hier müsse wohl ein zweiter Spielberg her, so eine Stimme aus dem Publikum. Die Interviewer seien auf ihre Aufgabe vorbereitet, manche aber auch abgelehnt worden. In der Tat sei nicht von Anfang an eine psychologische Betreuung von Interviewten, aber auch Interviewern vorgesehen gewesen. Sie sei aber später eingeführt worden. Die Interviews seien bewusst nicht redigiert worden, könnten aber vom Urheber jederzeit zurückgezogen werden, so Apostolopoulos. Auch sei es zu einigen zweifelhaften Anfragen gekommen, denen aber nicht entsprochen worden sei. Wer mit dem Archiv arbeiten wolle, müsse sich über die Universität anmelden, was auch eine Überprüfung von einschlägigen Personendaten ermögliche. Während man selbst um Authentizität der Interviews bemüht sei, versuchten Rechtsextreme gerade diese Objektivität für ihre dunklen Zwecke zu nutzen. Selbstverständlich könne keine Garantie gegeben werden, doch müsse jeder ein wissenschaftliches, aber auch persönliches Interesse an dem Datenmaterial glaubhaft machen. Die Befragten seien sich des Restrisikos bewusst gewesen und hätten dennoch zugestimmt.
Am Ende bot Dr. Apostolopolous auch den Mitgliedern der DIG an, ihnen auf Anfrage Zugang zum Archiv zu ermöglichen. Unter den Gästen des Abends befanden sich zwei Teilnehmer, die selbst interviewt worden waren.
Mehr dazu unter www.digberlin.de
Meggie Jahn