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DEN ARBEITSGRUPPEN: Ostfriesland
THEMA: Auricher Stühle
Zwei Stühle aus einem jüdischen ostfriesischen Haus haben eine anrührende Geschichte. Wir hätten sie wohl nie erfahren,
wäre da nicht der Wunsch einer Auricher Bürgerin gewesen, mit einer schlichten persönlichen Geste des Erinnerns eine Zeit
wieder zu beleben, als noch mehr Juden in unseren Nachbarhäusern wohnten und wir in jüdischen Geschäften unseren täglichen
Lebensbedarf kauften.
Erna Schwarze kennt diese eichenen Lehnstühle seit ihrer Kinderzeit. Ihre Mutter, Johanna Krüger, erwarb sie 1936 von ihrem
Nachbarn, dem Kaufmann Meyer Sternberg, der am Markt in Aurich ein Textilgeschäft besaß.
"Könnt Se nich wat van mien Möbels bruken?", hat er seine Kundin gefragt. Die ahnte noch nicht, dass die Sternbergs bald
nach Amerika fliehen mussten. Johanna Krüger nahm sie gerne. 100 Reichsmark bezahlte sie für ein paar praktische Teile
und eben diese Lehnstühle aus Eiche und Binsengeflecht. Abzahlen musste sie die, denn die Familie hatte acht
Kinder satt zu machen in einer schwierigen Zeit.
Ihr jüngstes nun, Tochter Erna, hat jetzt die 80 überschritten, und aus der Erkenntnis heraus, dass sie dereinst
"nichts mitnehmen" kann aus diesem Leben, beschloss sie, diese Stühle nicht als anonyme Erbstücke zu hinterlassen,
sondern ihnen ihre Geschichte zurückzugeben und sie als Zeugen einer Zeit, die sie ja selbst mit durchlitten hat, in das
Haus einer jüdischen Familie zurück zu geben. Doch wer könnte sie haben wollen? Sie kennt keine Juden mehr. Sie besprach
ihren Wunsch mit Marianne Claudi in Emden und Wolfgang Freitag in Aurich, die lange Kontakte zu ehemaligen
ostfriesischen Juden haben.
Und was dann folgte, hat Erna Schwarze in Staunen und freudige Aufregung versetzt: Im August 2004 saß Familie Sternberg
aus Houston (USA) an ihrem Teetisch in Aurich. Meyer Sternbergs Enkelin war gekommen, Irmgard Sternberg, in Amerika heißt
sie Frances Hodes und ist, wie Erna Schwarze, eine lebensvolle Achtzigerin. Ebenfalls zog es in die alte ostfriesische
Heimat: die Frau ihres Vetters, Audrey Sternberg, und deren 40-jährigen Sohn Paul, Urenkel also von Meyer Sternberg.
Mit ehrfurchtsvoller Neugier lehnten sie sich in die Stühle, diese Veteranen aus Großvaters Hausstand, hörten von ihren
guten friedlichen Zeiten, ihrem Notverkauf und dem überstandenen Bombenkrieg. Immer wieder strichen Hände über die apart
geschwungenen Lehnen, die fachmännisch restaurierten Binsensitze, und verlegen bescheiden wehrte man ab, diese
unverhofften Geschenke einfach anzunehmen.
Es war eine fröhliche Teerunde, nicht nur wehmütiges Gedenken an Vergangenes. Es gab viele Fragen nach dem alten
und neuen Leben in dieser Stadt, die dann auch von Kennern ihrer Geschichte beantwortet wurden: Wolfgang Freitag
und Günther Lübbers waren gerne als Gäste gekommen.
"Nun erzähl mir von meinem Großvater, Erna, alles, was Du noch weißt!", bittet Irmgard in ihrem schönen Deutsch.
Und Erna weiß noch ein paar vergnügliche und ernste Begebenheiten und lässt Opa sprechen in seinem schönen Auricher Platt.
Meyer Sternbergs Lehnstühle gehen nun bald auf die große Reise zu Irmgard und Paul Sternberg nach Florida und
Mississippi. Und Günther Lübbers, der für die DIG-Ostfriesland seit vielen Jahren die Kontakte zu den
amerikanischen Ex-Auricher Juden pflegt, weiß, wie man ein solches Geschenk auf den Weg bringt über den "großen Teich".
Marianne Claudi
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