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DEN ARBEITSGRUPPEN: Bielefeld
THEMA: Bielefeld feiert 70 Jahre Nahariya
Am 10. Februar 2005 erinnerte die DIG Bielefeld an die Gründung der israelischen Siedlung Nahariya
vor genau 70 Jahren. Seit 1980 sind die Städte Nahariya in Israel und Bielefeld durch eine Partnerschaft
verbunden. Am 10. Februar 1935 kamen die beiden ersten Familien nach Nahariya, die Familie Pauker und die
Familie Deutsch, beide aus Deutschland. Ihnen folgten noch etwa 200 Familien, die als Landwirte nach dem
Modell des Agronomen Dr. Selig Soskin den Boden intensiv bearbeiteten.
Dr. Klaus Kreppel, der zweite Vorsitzende der Bielefelder AG, hat aus Anlass des 70. Jahrestages der Gründung
zahlreiche Bilder aus der Frühzeit Nahariyas vorgestellt und kommentiert. Die Fotos entstammen der "Sammlung
Andreas Meyer" in Kfar Vradim (Israel), die Klaus Kreppel zusammen mit Andreas Meyer kategorisiert und für
eine Veröffentlichung in englischer und hebräischer Sprache vorbereitet hat. Kreppel selbst hat bisher zwei
Bücher über Nahariya ("Wege nach Israel" und "Israels fleißige Jeckes" im Westfalen Verlag, Bielefeld) verfasst.
Im Jubiläumsjahr erscheint ein neues Buch Klaus Kreppels in deutscher und hebräischer Sprache unter dem Titel
"Nahariya Das Dorf der Jeckes". Herausgeber ist das "Museum für deutschsprachiges Judentum" (Anschrift:
The Open Museum POB l, Migdal Tefen 24959, Israel).
Klaus Kreppels Vortrag begann mit Bildern einer Pressekonferenz des Jahres 1935, als die Gründer Nahariyas,
der Agronom Dr. Selig Soskin (1873 1959), der Ingenieur und private Bodenkäufer Joseph Loewy (1885 1949) und der
Finanzfachmann Heinrich Cohn (1895 1976) die neu entstandene Mittelstandssiedlung für deutsche Einwanderer vorstellten.
Von Anfang an gab es unterschiedliche Berechnungen für Investitionen und Gewinne durch die Gründer Soskin und Cohn.
Letzterer war der Auffassung, Soskin beschönige seine Kalkulationen, um deutsche Einwanderer mit Eigenkapital anzulocken.
In seiner Kritik wurde Cohn von Experten der "Jewish Agency" unterstützt. Da Soskin und Loewy aber ihr Lebenswerk
einer privaten Mittelstandssiedlung unter allen Umständen realisieren wollten, setzten sie sich über die
Warnungen hinweg und trennten sich von Cohn, leider mit dem Ergebnis, dass das ökonomische Modell Nahariya
scheiterte, aber das soziologische Gebilde Nahariya dank der Kreativität seiner Bewohner überlebte.
Wie das im einzelnen geschah, das belegte Kreppel ausführlicher in seinen Büchern, das veranschaulichte
er aber auch beispielhaft an den Bildern seines Vortrages. Er zeigte typische Situationen aus der Landwirtschaft.
Stolz präsentierten diese fleißigen Jeckes ihren Blumenkohl - als Qualitätsgemüse. Aber die Konsumenten des
britischen Mandatsgebietes Palästina wollten kein Qualitätsgemüse, sondern billiges Gemüse, das sie lieber bei
der arabischen Konkurrenz kauften. Viele Jeckes brachten ihre wohlbehüteten Setzlinge für die Obstplantagen mit
aus Deutschland. Nach fünf bis sechs Jahren trugen Nahariyas Obstbäume die wunderschönsten Früchte. Doch kurz
danach gingen zahlreiche Obstbäume ein, weil sie zu dicht am Meer standen und für das Klima nicht geeignet waren.
Auch die Menschen selbst verspürten, dass die Arbeit als Bauern viel zu schwer für sie war. Der Durchschnitts
Nahariyaner war der 40-jährige Akademiker aus Mitteleuropa, an landwirtschaftliche Arbeit und an die mediterranen
klimatischen Bedingungen nicht gewohnt. Also orientierten sich die meisten Siedler Nahariyas noch einmal neu und suchten neue Betätigungsfelder im Fremdenverkehr,
in der Nahrungsmittelproduktion, dem textil und metallverarbeitenden Gewerbe. Als Beispiel dafür wählte Klaus Kreppel die
Familie Meyer in Nahariya aus, die den größten Teil der Aufnahmen selbst fotografiert hat. Sie gründete neben der
Landwirtschaft eine Schlosserei, zunächst als Neben , dann als Haupterwerbsquelle und passte ihre Produkte den
Erfordernissen der Zeit an, bis hin zur Kunstschmiede und Glasproduktion in der Manufaktur "Nahariya Glass".
Vater Dr. Otto Meyer, einst Fabrikant in Rheda, starb bereits im Jahre 1954 in Nahariya. Sohn Andreas Meyer lebt
heute 84 jährig mit seiner Frau Esther in Kfar Vradim und sein Bruder Justus Meyer 92 jährig mit seiner Frau Edith
in Bielefeld. Das Bielefelder Ehepaar Meyer nahm selbstverständlich an diesem Vortragsabend teil und ergänzte aus
eigener Anschauung die vorgetragenen Informationen. Die Gebrüder Meyer waren einst die Vermittler der
Städtepartnerschaft und Klaus Kreppel, Studiendirektor am Bielefelder Gymnasium Heepen, gründete den
Schüleraustausch und die Schulpartnerschaft zwischen Nahariya und Bielefeld.
Am Beginn der Veranstaltung gedachten die Teilnehmer an einen der Väter der Partnerschaft zwischen den Städten
Nahariya und Bielefeld, dem am 4. Februar 2005 verstorbenen Sigi Keren. Dieser war viele Jahre Vizebürgermeister
der Stadt Nahariya und Vorsitzender der dortigen Arbeitsgemeinschaft der Israelisch Deutschen Gesellschaft.
Mit ihm verliert Bielefeld einen wunderbaren hoch verehrten und geliebten Freund.
Günther Tiemann
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