Hedwig Spies: Lange war es still um den Israel-Tourismus. Jetzt konnte man vor wenigen Tagen erstmals wieder ein
Inserat des Staatlichen Touristikbüros in einer Münchner Zeitung lesen: "Israel ein altes Land neu entdecken":
Kommen nach den Pilgern, die sich nie haben abschrecken lassen, auch wieder die anderen Urlauber zurück in dieses
vielseitige und beeindruckende Land?
Prof. Lahnstein: 2004 hat der Tourismusbereich in Israel ein Wachstum von über 40% erreicht (international).
Vor allem aus Frankreich, USA und Deutschland stammten die Besucher. Der Tourismus kommt wieder in Gang, vorausgesetzt,
dass die Lage ruhig bleibt.
Hedwig Spies: Frage an Daniel Wirth, Mitglied des Präsidiums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Vors. der
Arbeitsgemeinschaft München: Unter dem israelisch-palästinensischen Konflikt leidet die Begegnung zwischen
Jugendlichen in Deutschland und Israel. Zu wenige Jugend-Treffen finden derzeit in den beiden Ländern statt.
Wie will die DIG den Motor wieder anwerfen?
Daniel Wirth: Deutschland ist in Europa einer der wichtigsten Partner Israels. Dies betrifft auch das Fördern
persönlicher Begegnungen: 1 Million Jugendliche und junge Erwachsene lernten seit den 60er Jahren Menschen des
jeweils anderen Landes vor Ort kennen. Der Kontakt der DIG zu Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen
wird dabei auch weiterhin eine besondere Rolle spielen. Die persönliche Begegnung junger Leute aus beiden Ländern ist
das Kapital der Zukunft.
Prof. Lahnstein: "Junge Deutsche nach Israel zu holen, ist schwer. Israel ist ein sehr kleines Land. Umgerechnet kommt auf
15 Deutsche ein Israeli. Diese wiederum haben viel mehr internationale Kontakte. Alle Jüngeren wollen nach Asien, Indien,
Kambodscha. Aber es kommt auch eine erfreulich hohe Zahl junger Israelis hierher.
Hedwig Spies: Die Spannungen zwischen der israelischen Regierung und radikalen Siedlern überschatteten auch das Treffen Bush
Scharon. Wie erklären Sie Schülern diese Auseinandersetzungen, die leider auch in Drohungen gegen Scharon gipfeln?
Prof. Lahnstein: In Israel hat man es mit einer ungeheuer lebendigen Demokratie zu tun. Im Gazastreifen handelt es
sich in vielen Fällen schon um die Enkel, dort gibt es 35 Jahre alte Siedlungen. Der Anspruch ist hier nicht religiös definiert.
Ich kann die Position der Siedler zwar verstehen, aber nicht teilen. Der Staat Israel ist ein Rechtsstaat, die
Einspruchsmöglichkeiten sind erschöpft, der Staat muss handeln. Dass das Ganze von fanatischen Orthodoxen in
Drohungen mündet, ist schändlich.
Hedwig Spies: Der Terrorabwehrzaun zeigt Wirkung, aber die versprochene Feuerpause der anderen Seite scheint ständig
konterkariert zu werden. Dazu kommt eine neue Meldung, wonach in den Schulbüchern der Palästinenser sogar die antisemitischen
Passagen der "Protokolle der Weisen von Zion" übernommen worden sind. Wie soll in dieser propagandistischen Atmosphäre
ein friedliches Miteinander zwischen Palästinensern und Israelis wachsen?
Prof. Lahnstein: Die Lage hat sich eindeutig beruhigt, das ist auch auf den Sicherheitszaun zurückzuführen. Da wo er
erstellt ist - im Norden - ist die Zahl der Anschläge deutlich zurückgegangen. Auf der anderen Seite bemüht sich die
Palästinensische Autonomiebehörde, das Gewaltmonopol des Staates durchzusetzen, so dass auch in Zukunft hoffentlich
nicht mehr mit Anschlägen zu rechnen ist. Zur Frage nach den Schulbüchern: Es gilt für alle arabischen Länder, dass die
Schulbücher eindeutig antiisraelisch sind. Das Elaborat der "Weisen von Zion" war übrigens in der NS-Zeit 1934
Pflichtbestandteil im deutschen Unterricht - das ist ein völliger Unsinn. In der Roadmap wurden beide Seiten
verpflichtet, Aufstachelungen zum Hass zu unterlassen - auch in den Auseinandersetzungen der israelischen Medien
zu palästinensischen Themen sind Verbesserungen vorstellbar. Bis vor kurzem wurde in palästinensischen Schulen,
wo es keine eigenen Bücher gab, mit ägyptischen und jordanischen Schulbüchern gearbeitet. Das gab Aufruhr in der
EU, und daraufhin bemühte sich eine Schulbuch-Kommission um dieses Thema. Israel ist übrigens in keinem arabischen
Land auf einer Landkarte verzeichnet, selbst im moderateren Marokko nicht.
Hedwig Spies: Zusammen mit der US-Regierung wird derzeit auch überlegt, wie die
wirtschaftliche Existenz des palästinensischen Volkes gesichert werden kann. Soll auch die EU, an deren Tropf der
künftige palästinensische Staat hängt, wieder herangezogen werden?
Prof. Lahnstein: Selbstverständlich. Wir brauchen staatliche Strukturen, damit die Palästinenser nach innen und außen
Verantwortung übernehmen können. Dafür bin ich immer eingetreten. Wie will der Staat Palästina überhaupt überleben bei
einem Pro-Kopf-Einkommen von 850 Dollar im Jahr - das entspricht 600 Euro im Jahr, geteilt durch 12 sind das 50 Euro
im Monat, wobei in Israel das Pro-Kopf-Einkommen bei 15 - 16 000 Dollar im Jahr liegt. Israel kann sich selber helfen,
aber die Palästinenser haben keine Industrie, keinen Tourismus, nur wenig Landwirtschaft für den eigenen Bedarf,
nur "Köpfe". Arafat ist es gelungen, zwei Generationen aus dem Bildungssystem herauszuhalten. Zwei Generationen
lang hat dieser Staat nur mit massiver Hilfe von außen überleben können. Woher die Hilfe kommen soll? Aus den
Arabischen Staaten, müsste man sagen, aber die arabischen Brüder
halten sich merkwürdig zurück. Neben den Arabern muss auch die EU den Palästinensern über lange Zeit unter die Arme
greifen, sie wird es tun müssen, und sie sollte es auch, die USA ebenso, aber im starkem Umfang kommt es auf die
Europäer an. Nachdem die Grenzen dichtgemacht wurden, sind die Israelis bei den Arbeitskräften umgestiegen auf
andere Länder, den Balkan, die Philippinen z.B. Aber in Zukunft sollten Palästinenser wieder in größerem Umfang in
Israel arbeiten.
Dieses Interview ist eine gekürzte Fassung des im "KREISBOTEN" in Fürstenfeldbruck erschienen Beitrages.