Home Links Kontakt Impressum  
AUS DEN ARBEITSGRUPPEN: Hamburg

THEMA: Mit Georg Rössler in der Altstadt von Jerusalem

Im September besuchten wir, eine 19-köpfige Reisegruppe der DIG Hamburg, Israel. Uns erwartete ein dichtgedrängtes und vielseitiges Programm.
Nach dem Besuch der Jerusalem Foundation steuerte unser Bus das Jaffa-Tor an, den Eingang in die Jerusalemer Altstadt und in die Welt orientalischer Gerüche, Geräusche, Gemäuer und Gesichter. Durch dieses Tor - so erfuhren wir - ritt einst im Jahre 1898 der deutsche Kaiser Wilhelm II. Eigens für dieses Ereignis veranlassten die osmanischen Herrscher die Erweiterung der Toröffnung und Teile des historischen Bauwerks wurden entfernt. Ein Frevel aus nichtigem Anlass.
Der Kaiser war zur Weihe der protestantischen Erlöserkirche gekommen. Den Baugrund hatte 29 Jahre vorher der preußische Kronprinz von Sultan günstig erworben. Erste Anzeichen einer künftigen privilegierten Partnerschaft? Die erworbene Immobilie wurde dann mit der imposanten Kirche bebaut, deren Verwaltung noch heute der EKD obliegt. Vom Jaffator aus begann unsere Wanderung durch und um die Altstadt herum unter der Anleitung unseres Reiseleiters Georg Rössler. Sehr schnell stellten wir fest, dass dieser Reiseleiter, Israeli und Deutscher, ein Rheinländer mit Wohnsitz in Jerusalem, für unsere Gruppe ein Glücksfall war. Georg Rössler erwies sich als erzählfreudig und kenntnisreich, in der Antike war er genauso zu Hause wie in der Neuzeit und im aktuellen Zeitgeschehen. Vor allem aber war er niemals langweilig oder im unangenehmen Sinne belehrend oder gar gleichgültig. Er wollte mit seinen profunden Kenntnissen auch nicht glänzen, vielmehr hatte er ersichtlich Freude daran, sein Wissen mit uns zu teilen. Zunächst ging es zur Grabes- und Auferstehungskirche, einem heiligen Ort der Christenheit. Unter dem Dach dieses Gotteshauses befinden sich nach vorherrschender Auffassung in den meisten christlichen Kirchen diejenigen Örtlichkeiten, an denen sich die Schlüsselereignisse des christlichen Erlösungsglaubens zugetragen haben sollen, nämlich die Kreuzigung des Gottessohnes, seine Grablegung und seine Auferstehung.
Georg Rössler führte uns sodann zum sog. "Afrikanischen Dorf", jenem Ort auf dem Dach eines Seitentraktes der Grabes- und Auferstehungskirche, an dem seit vielen Jahrzehnten äthiopisch-koptische Mönche betend und meditierend ihren kargen Alltag verbringen. Danach ging es hinab in die erfrischende Kühle der Helenen-Sisterne und schließlich versammelten wir uns in einem kleinen arabischen Restaurant. Nachdem unser Reiseleiter seine Wasserpfeife geraucht und wir uns erfrischt hatten, ging es weiter zur Erlöserkirche. Sodann wanderten wir auf der Via Dolorosa von der Grabes- und Auferstehungskirche zum Löwentor und verließen schließlich die Altstadt. Georg Rössler gab sein Bestes und mit seinen plastischen Schilderungen zeichnete er uns lebendige Bilder vom antiken und mittelalterlichen Jerusalem, von seinen Eroberern und den eroberten Menschen, von all den Heiligen und Unheiligen, von den Grausamkeiten und der Eroberungswut der christlichen Kreuzritter und der Toleranz der Muslime und umgekehrt. Vom Löwentor wanderten wir oberhalb des Kidrontals entlang der Altstadtmauer. Vor dem Goldenen Tor stehend, genossen wir die Erläuterungen und den grandiosen Blick hinüber zur Hebräischen Universität auf dem Scopusberg über die Bingham John (Mormonen) Universität, den Ölberg bis hin zum Zionsberg; wir blickten hinab zu den antiken Grabstätten im Kidrontal und wieder hinauf zum Garten Gethsemane, zur Kirche der Nationen und schließlich zu den zahllosen Grabsteinen auf dem riesigen jüdischen Friedhof gegenüber dem Goldenen Tor. Zu allem wusste Georg Rössler etwas zu berichten und Fragen zu beantworten.
Vor uns lag noch ein Höhepunkt unserer Reise, der Besuch der Westmauer (Klagemauer). Über das Dung-Tor kehrten wir zurück in die Altstadt, und nach den notwendigen Taschenkontrollen standen wir endlich vor der Mauer. Als sollten wir auf die besondere Konfliktlage an diesem für zwei Weltreligionen so bedeutungsvollen Ort hingewiesen werden, erscholl plötzlich von der Al Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg ohrenbetäubend aus überdimensionierten Lautsprechern der Gebetsruf des Muezzin.
Wie schon so oft in früheren Jahren stand der Berichterstatter ergriffen vor der Mauer mit ihren großen Steinquadern, aus deren Fugen an einigen Stellen kleines Buschwerk sprießt und an deren Fuße fromme Menschen - Männer und Frauen streng getrennt - standen und sich dem Allmächtigen zuwandten oder nur in der Thora oder Gebetsbüchern lasen oder vortrugen. Insbesondere fielen wie eh und je die schwarz gekleideten und schwarz behüteten bärtigen Männer auf, die ihr Leben der frommen Pflichterfüllung gewidmet haben und sich um beispielhafte Gesetzestreue und Kenntnis der heiligen Schriften bemühen. Man kann über sie denken wie man will, von der Gegenwart Gottes vermitteln sie allemal einen intensiveren Eindruck als der lautsprecherverstärkte "Ruf" des Muezzin.

Wir stiegen sodann hinauf zum jüdischen Viertel, warfen einen letzten Blick auf die Westmauer, nutzten das milde Licht der Abendsonne zum Fotografieren und gingen sodann, begleitet von den fachkundigen Erläuterungen unseres Reiseleiters, vorbei an Thoraschulen, Synagogen und Wohnhäusern durch das jüdische Viertel und verließen schließlich die Altstadt durch das Zionstor. Erschöpft bestiegen wir unseren klimatisierten Bus und versuchten, die vielen eindrucksvollen Bilder und gewonnenen Erkenntnisse zu ordnen, wohl vergeblich, denn im Hotel erwartete uns bereits Gad Lior, der Chefredakteur, der über die aktuelle politische Lage in Israel berichten wollte. Das Programm forderte uns gnadenlos, aber danach beim Abendessen und beim Glas Wein, konnten wir uns über unsere Eindrücke von der Altstadt, ihren Bauwerke und ihren Menschen austauschen und dann eine ganze Nacht lang davon träumen.

Jürgen Borchardt


Mehr aus den Arbeitsgemeinschaften