Die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg hat seit dem 1. Oktober 2005 einen neuen Leiter, Prof. Dr. Alfred Bodenheimer. Der Vorsitzende der DIG-Arbeitsgemeinschaft Rhein-Neckar, Johannes Barth, sprach mit Prof. Alfred Bodenheimer über Entwicklung und Ziele der Hochschule.
Herr Professor Alfred Bodenheimer, würden Sie die Hochschule für Jüdische Studien als eine Keimzelle jüdischen Lebens bezeichnen?
Ich denke, man kann tatsächlich von einer Keimzelle sprechen. Man muss allerdings fragen, was heißt jüdisches Leben? Da ist einerseits das Leben der jüdischen Gemeinden in Deutschland, zu dem die Hochschule vieles beiträgt. Wir haben beispielsweise viele Lehrer und Kultusbeamte, also Menschen, die innerhalb der Gemeinden religiöse Aufgaben wahrnehmen, in den letzten Jahren ausgebildet. Andererseits gibt es die Außenwirkung in die nicht jüdische Gesellschaft hinein.
In den Anfangsjahren der Hochschule galt sie in einigen jüdischen Gemeinden als nicht besonders passend. Einigen war sie "zu liberal", einigen "zu fromm". Hat sich das geändert?
In erster Linie haben sich wohl die jüdischen Gemeinden verändert. Wir haben heute Zehntausende von Menschen, die aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind. Und wir haben eine Neuorientierung des Judentums. Es ist interessant, dass laut Statistik die Gruppe der 17- bis 21-Jährigen unter den Einwanderern aus den GUS-Staaten die zweitgrößte Gruppe ist. Wir haben ein großes Potenzial an jungen Menschen. Ich glaube, heutzutage ist nicht so sehr die Frage, ob wir "zu liberal" oder "zu fromm" sind, sondern man muss sich danach ausrichten, wo wir die Pflöcke einschlagen können, um eine künftige jüdische Gemeinschaft in Deutschland zu prägen.
Aber im 26. Jahr ihres Bestehens ist die Hochschule, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland getragen wird und eng mit der Heidelberger Universität zusammenarbeitet, für viele Menschen noch kein wirklicher Begriff.
Die Hochschule hat eine Konsolidierungszeit hinter sich. Sie zählt mittlerweile rund 170 Studierende. Und wir haben vor allem jetzt nach 25 beziehungsweise 26 Jahren mit den vollbesetzten 6 bis 8 Lehrstühlen ganz andere Voraussetzungen, um wirklich nachhaltig zu arbeiten.
Sie wollen als Leiter dieser Heidelberger Bildungsstätte eine europäische Dimension geben. Wie sieht Ihr Konzept hierzu aus?
Das Konzept sieht zunächst einmal vor, dass wir im deutschsprachigen Raum - das sind vor allem drei Staaten - als das wahrgenommen werden, was wir sind, nämlich ein Ort in Europa mit der maßgeblichen Kompetenz, was jüdische Studien betrifft. Mit acht Professuren können wir meines Erachtens diesen Anspruch ohne weiteres erheben. Und wenn wir "europäisch" sagen, haben wir weniger die europäischen Gemeinden in Frankreich und in England im Blick, als vielmehr das östliche Europa. Wir haben eine große jüdische Gemeinschaft in Ungarn, und in den GUS-Staaten gibt es eine große jüdische Bevölkerung. Im Osten sind die jüdischen Gemeinschaften weniger gesichert und etabliert als in Frankreich und in England. Ich denke, dass wir vor allem dort Akzente setzen können.
Den jüdischen Gemeinden in Deutschland fehlt es an Rabbinern, Vorbetern und Kantoren. Wie steht es um die Berufschancen der Absolventen Ihrer Hochschule?
Die jüdischen Absolventen der Hochschule, die als Lehrer abgeschlossen haben, sind praktisch alle beschäftigt. Durch eine Umstellung auf das Bologna-System sollen gezielt Leute für Aufgaben im Bereich von Kultusbeamten ausgebildet werden, das heißt: Wir werden ein zusätzliches Fach mit Praxisbezug auf spezifisch jüdischen Feldern einbauen, für Leute, die das wünschen. Wir überlegen uns auch, ein Nebenfachstudium einzubeziehen im Rahmen eines Bachelors einer betriebwirtschaftlichen Fachhochschule oder die Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik für Leute, die Kantoren werden wollen. Wir wollen für die jüdischen Gemeinden sozusagen maßgeschneiderte Lösungen produzieren. Dabei wollen wir uns auch mit anderen Institutionen vernetzen. Die Kontakte hierzu sind teilweise schon hergestellt.
Welchen Beitrag leistet die Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien für Deutschland und damit auch im Interesse des jüdischen Staates Israel?
Was wir bieten können, ist eine ganz spezifische Forschungsbeziehung zu Israel. Da haben wir Kontakte, auch Besuche, all das bringt uns die zeitgenössische Forschung in Israel nahe. Ob dies auch Auswirkungen auf den Staat Israel hat, weiß ich nicht. Aber ich denke, eine Tür ist offen zu dem, was israelische Forschung mitbringt und was wir dann dazu sozusagen selbst einbringen können.