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Europas
Juden im Mittelalter
Ausstellungsprojekt
des Historischen Museums der Pfalz Speyer
von
Werner Transier
Das
Historische Museum der Pfalz in Speyer zeigt vom 19. November
2004 bis zum 20. März 2005 eine Ausstellung zu dem Thema
"Europas Juden im Mittelalter". Zur Inhaltlichen
Vorbereitung veranstalteten das Arye Maimon -Instituts für
Geschichte der Juden an der Universität Trier und das
Museum vom 20.-25. Oktober 2002 in Speyer ein wissenschaftliches
Symposion zu dem gleichen Thema unter Beteiligung von Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern aus neun EU-Staaten, den USA und Israel.
Anlass des Projekts ist der 900. Jahrestag der Einweihung
der Speyerer Synagoge am 21.September 2004. Die Ruine dieses
Baus befindet sich im "Judenhof" in unmittelbarer
Nähe zum Museum. Mit den Überresten des monumentalen
Frauenbetraums aus dem 13. Jh. und dem vollständig erhaltenen
Ritualbad vom Beginn des 12. Jhs. stellt sie ein einmaliges
Ensemble eines mittelalterlichen jüdischen Kultbezirks
dar, der in die Konzeption der Ausstellung mit einbezogen
wird.
Zum ersten Mal wird mit diesem Projekt der Versuch unternommen,
mittelalterliche jüdische Kultur und Religiosität
über nationale Grenzen hinweg einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich zu machen. Im Mittelpunkt stehen die beiden
jüdischen Zentren des mittelalterlichen Europa auf der
Iberischen Halbinsel und am Rhein in der Zeit von etwa 1000
bis 1500.
In beiden Regionen erlebten die jüdischen Gemeinden vom
11. bis 13. Jh. eine Blütezeit.
Die christlichen Königreiche im Norden Spaniens eroberten
die im 8. Jh. an die Araber verlorenen Gebiete der Halbinsel
zurück. Bei der Besiedlung und der Urbarmachung der neu
gewonnenen Gebiete haben Juden wesentlichen Anteil. Eine wichtige
Rolle spielen Juden mit ihren Erfahrungen im Fernhandel und
dem Finanzwesen in den öffentlichen Verwaltungen der
christlichen Königreiche.
Zur gleichen Zeit entstanden in den Bischofsstädten am
Rhein die ersten Judengemeinden Mitteleuropas. Die rheinischen
Juden kamen aus Südfrankreich und Italien. Ihre Ansiedlung
erfolgte unter dem besonderen Schutz der Bischöfe und
bald auch des Kaisers. Als Fernkaufleute hielten sie über
ihre Glaubensbrüder in Italien und Spanien die Verbindungen
mit der islamischen Welt aufrecht, als kaum offizielle Kontakte
zwischen den islamischen Reichen und den christlichen Ländern
des Westens bestanden. Gleichzeitig verbanden sie die Gebiete
an Rhein und Donau wieder mit den Handelswegen rund um das
Mittelmeer. Sie trugen wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung
und Urbanisierung der Mitte Europas bei.
Die Religionsgelehrten der jüdischen Gemeinden von Speyer,
Worms und Mainz förderten durch Lehren, Gutachten und
literarische Tätigkeit das Entstehen einer neuen religiösen
Tradition des Judentums, die der Aschkenasen, benannt nach
Aschkenas, der hebräischen Bezeichnung für Mitteleuropa.
Durch Eigenheiten in Liturgie, Lehre und Sprache unterscheidet
sie sich von der älteren Tradition der Sefarden, benannt
nach Sefarad, der hebräischen Bezeichnung für die
Iberische Halbinsel.
Die jüdischen Gemeinden der Städte Speyer, Worms
und Mainz waren so bedeutend, dass sie nach den Anfangsbuchstaben
ihrer hebräischen Namen SCHpira, Uarmaisa und Magenza
als SchUM -Gemeinden in die Geschichte eingingen.
Vom Rhein dehnte sich der aschkenasische Traditionskreis nach
Nordfrankreich, Norditalien und in die Länder der Mitte
und des Ostens Europas aus.
Jüdische Geschichte erscheint in der öffentlichen
Wahrnehmung meist reduziert auf die Verfolgung und Vernichtung
der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten
und ihre Helfer, oder auf den israelisch- arabischen Konflikt.
Die Ausstellung will am Beispiel der Epoche von 1000-1500
auf den großen Reichtum jüdischen Lebens hinweisen.
Jüdische Menschen haben ganz wesentlich zur geistigen,
religiösen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung
der Gesellschaften jener Epoche beigetragen. Sie waren Teil
der Gesellschaft und lebten in regem Kontakt mit ihren nichtjüdischen
Nachbarn, oft Haus an Haus.
Das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden weist aber auch
Risse und Brüche auf, einerseits durch antijüdische
Maßnahmen der weltlichen Obrigkeiten, andererseits durch
religiöse Diffamierungen und Beschuldigungen seitens
Teilen der christlichen Kirche. Die weitgehend von der nichtjüdischen
Bevölkerungsmehrheit angeheizten Konflikte entluden sich
bisweilen örtlich, teils auch überregional in grausamen
und blutigen Judenverfolgungen. Erstaunlich ist, dass durch
antijüdische Hetze, Unwissenheit und Aberglauben geprägte
Verhaltensmuster und Denkweisen sich zäh vom Mittelalter
bis in unsere Tage gehalten haben und leider auch in unseren
Tagen immer wieder Anwendung finden.
Nach einer Einführung in den zeitlichen und geographischen
Rahmen des Themas bilden die "Jüdischen Gemeinden
und ihre Einrichtungen" einen ersten Schwerpunkt der
Ausstellung. Vorgestellt werden die mittelalterlichen Gemeindezentren
mit Synagoge, Ritualbad und anderen Gemeindebauten, aber auch
die Friedhöfe, die als zentrale Orte des Gedenkens und
der Erinnerung wesentlich zur Ausbildung jüdischer Zentren
beitrugen.
Ein weiterer Abschnitt ist dem religiösen Leben in den
beiden jüdischen Traditionskreisen von Aschkenas und
Sefarad gewidmet. Illustrationen hebräischer Manuskripte
vermitteln einen lebendigen Eindruck jüdischer Religiosität
des Mittelalters.
Besondere Beachtung verdient die Stellung der jüdischen
Minderheiten in den nichtjüdischen Bevölkerungsmehrheiten.
Die Ausstellung weist auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede
in den einzelnen Gesellschaften hin. Besondere Beachtung verdienen
die Bereiche, in denen Juden die Entwicklung einzelner Länder
durch ihre Aktivitäten im Geistesleben, in Wissenschaft
und Wirtschaft beeinflussten und gestalteten.
Berufliche Beschränkungen bewirkten eine Aufgeschlossenheit
für neue Tätigkeitsfelder, wie das Beispiel der
Familie Soncino zeigt. Diese zog im 15. Jh. von Speyer nach
Norditalien und betätigte sich im Buchdrucks, wo sie
über mehrere Generationen und in verschiedenen Werkstätten
in Italien und in Konstantinopel die frühesten hebräischen
Bücher Italiens und des Osmanischen Reichs herstellte.
Die negativen Seiten im Verhältnis von Juden und Nichtjuden
in den mittelalterlichen Gesellschaften kennzeichnen religiöse
und rechtliche Diskriminierungen, Verfolgungen und Vertreibungen.
Sie enden in der Vertreibung der Juden von der Iberischen
Halbinsel 1492-1498 und aus den meisten Städten des Heiligen
Römischen Reiches bis 1519.
Jüdisches Leben aber ging weiter, in anderen, vor allem
neuen Ländern oder in anderem sozialen Umfeld, etwa die
Besiedlung ländlicher Räume durch Juden. In einem
Ausblick werden diese neuen jüdischen Siedlungsstätten
vorgestellt.
Eine Präsentation des im pädagogischen Bereich sehr
erfahrenen Jungen Museums im Historischen Museum der Pfalz
wird die Besucher in die "Jüdische Religiosität
in Gemeinde und Familie" einführen.
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