Deutsch-Israelisches Sommerlager 2006
„Minderheiten und Identitäten in der israelischen und deutschen Gesellschaft – Ein Hörfunkbeitrag entsteht“
1. Teil (18. bis 29. Dezember 2006 in Jerusalem)
Nachdem das Sommerlager 2006 im Juli nur wenige Tage vor dem eigentlichen Beginn auf Grund der militärischen Eskalation zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah verschoben werden musste, gelang es glücklicherweise doch noch, die Begegnung zu realisieren. Da sich der Zeitraum über Chanukka bzw. Weihnachten letztendlich als einziger möglicher Ersatztermin erwies, reisten wir also vom 18. bis 29. Dezember nach Israel. Über Ostern, vom 2. bis 13. April 2007, werden dann die Israelis nach Berlin kommen.
Das Programm war in mehrere Teile gegliedert. Zunächst verbrachten wir vier Tage gemeinsam in Jerusalem und unternahmen viele themenspezifische Aktivitäten. Dann folgte ein Wochenende in Gastfamilien, anschließend feierten wir – alle wieder vereint – Weihnachten in Jerusalem und Bethlehem. Die restlichen vier Tage verbrachten wir wieder alle gemeinsam mit vollem Programm.
Schon am zweiten Tag hatten wir eines der eindrucksvollsten Erlebnisse auf dieser Reise: Wir trafen Schlomo, einigen wohl besser bekannt als Sally Perel. Er berichtete von seinem Leben als „Hitlerjunge Salomo“.
Sehr interessant waren auch die Gespräche mit Chava, Baruch und Irina, drei äußerst unterschiedlichen Menschen, die vor kurzem nach Israel eingewandert waren und dafür verschiedenste Motive und Beweggründe gehabt hatten, denn sie verdeutlichten uns, wie groß der Unterschied zwischen Deutschland und Israel bezüglich der Bewertung der Einwanderung ist: Während die so genannten Neu-Einwanderer in Israel größtenteils sehr willkommen sind und man sich durchaus sehr um sie kümmert, überwiegt in Deutschland meist doch die Wahrnehmung der Immigration als „Bedrohung“ oder „Problem“ Gleichzeitig traten in der anschließenden, sehr produktiven Diskussion verschiedene Sichtweisen zu Tage: Während einige Israelis die Idee einer andauernden evtl. zu forcierenden Einwanderung nach Israel vertraten, positionierten sich andere wesentlich kritischer und fragten, ob mit der Einwanderung nicht eventuell auch erhebliche Verluste (sowohl der Heimat als auch auf den Status und das Einkommen bezogen) einhergehen könnten.
Die Spannung zwischen Idee und Wirklichkeit, zwischen Idealismus und Realismus begegnete uns auch, als wir den 28jährigen Daniel, einen ursprünglich aus Äthiopien stammenden Juden trafen. Er berichtete auf spannende und eindrucksvolle Weise über die idealistische, fast naiv anmutende Motivation, mit der viele Äthiopier in den 80er nach Israel gekommen waren. Tatsächlich, so seine Erzählung, hätten viele daran geglaubt, Jerusalem sei der Ort, an dem paradiesische Zustände herrschten. Selbstverständlich liesen die Enttäuschung, die Ernüchterung nicht lange auf sich warten – zumal die meisten äthiopischen Juden nach ihrer Ankunft gar nicht in Jerusalem untergebracht wurden, sondern in so genannten Entwicklungsstädten. Das spannende an Daniel war unter anderem aber auch, dass er einen sehr handlungstheoretischen Ansatz vertrat: Gefragt, ob er sich in der israelischen Gesellschaft als Minder- oder Mehrheit fühle, betonte er in seiner Antwort, dass es in erster Linie auf einen selbst ankomme, was man daraus mache. Nur wenn man aktiv den Klischees und Stereotypen einer Gesellschaft entgegenarbeite, wenn man als vermeintliche Minderheit zeige, dass man eben nicht dem vorherrschenden Bild entspricht, könne man etwas verändern.
Das Wochenende in den Gastfamilien war, so erzählten tatsächlich alle Teilnehmer, ein weiterer Höhepunkt der Begegnung. In einem fremden Land für zwei Tage in einer unbekannten Familie zu sein, ist ebenso aufregend und spannend wie herausfordernd. Wie fühle ich mich in einer fremden Familie? Alle scheinen ein erlebnisreiches und einprägsames Wochenende verbracht zu haben.
Jan Brezger
Einen ausführlichen Bericht können sie auf der Homepage des Jugendforums lesen:
www.deutsch-israelisches-jugendforum.de/veranstaltungen.htm