Eindrücke im Jubiläumsjahr: Parallelen und Unterschiede im politischen System und besondere Normalität
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Das deutsch-israelische Verhältnis 40 Jahre nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen: Das sind politische
Parallelen, wirtschaftliche Asymmetrie und ein normaler Umgang miteinander, der etwas ganz Besonderes ist.
Eindrücke von der Delegationsreise des Jugendforums (29. September bis 8. Oktober 2005)
Spät in der Nacht kommt die Delegation des deutsch-israelischen Jugendforums in Israel an. Nicht für alle ist es der
erste Besuch in Israel, aber neu ist allen Terminal 3 des Ben-Gurion-Airports: Ein Neubau von beachtlicher Größe, dessen
Rollfeld vom wahrscheinlich größten Zierblumenbeet der Welt verschönert wird - so kann es der Einreisende empfinden.
In der warmen Nachtluft steht ein Empfangskomitee der israelischen Partnerorganisation aufgereiht, etliche Hände werden
geschüttelt. Die Verständigung erfolgt auf Deutsch, Englisch und Hebräisch gleichermaßen. Es ist ein herzlicher Empfang.
Noch müde von der nächtlichen Ankunft, geblendet von der strahlenden Sonne und begeistert von den ersten Eindrücken,
stürzt sich die deutsch-israelische Gruppe sogleich in politische Vorträge und Debatten - geführt auf Englisch. Daniel
Robinson, der unter anderem als Korrespondent für die Nachrichtenagentur AP arbeitet, gibt einen Überblick über die
Parteien in Israel und prognostiziert dabei die baldige Spaltung der Likud-Partei. Während die großen Volksparteien in
Deutschland noch ernsthaft die sogenannte israelische Lösung der Kanzlerfrage diskutieren (Wechsel in der Mitte der
Legislaturperiode), sagt Robinson: "Auch in Israel wird es bald vorgezogene Neuwahlen geben." Wegen des Machtkampfs
im Likud sei sogar denkbar, dass Ministerpräsident Ariel Scharon eine neue Partei gründen wird, der Likud damit stark
an Bedeutung verliere.
Unterschiede und Parallelen zwischen den Parteien in Deutschland und Israel stehen während der gesamten Reise im Fokus
der Vorträge und Diskussionen. Besonders impulsiv präsentiert sich Ron Levental, Tel Aviver Stadtrat der liberalen
Shinui-Partei. Er will zwar nicht am jüdischen Charakter Israels rütteln, aber dennoch fordert er strikte Säkularität.
Am Schabbat soll es auch Linienbusverkehr und Air-Condition in öffentlichen Gebäuden geben. Das Thora-Studium soll
Privatvergnügen und damit nicht mehr staatlich subventioniert werden: "Wenn ich sage, ich möchte das Leben von Fröschen
studieren, bekomme ich dafür ja auch kein Geld vom Staat oder irgendwelche Sonderrechte", so Levental. Eine Aussage,
mit der er sowohl aus der deutschen Delegation als auch aus den Reihen der israelischen Partnerorganisation
leidenschaftliche Zustimmung wie Ablehnung gleichermaßen erntet.
Wie ähnlich sich die politischen Agenden Israels und Deutschlands sind, wird beim Vortrag von Shai Golub,
Pressesprecher der israelischen Grünen-Organisation, deutlich. Umweltschutz ist in Israel zunehmend ein Thema,
in Tel Aviv beispielsweise macht sich eine Initiative für den Ausbau von Fahrradwegen stark. Dabei wird sie freilich
mit Problemen konfrontiert, die einem in Deutschland fremd sind: Etliche Kampagnen-T-Shirts der Initiative liegen
ungenutzt im Schrank - allein wegen ihrer Farbe. Sie sind orange, jener Farbe, die von den Gegnern des Gaza-Rückzugs
für sich reklamiert wird.
Neben einigen Sightseeing- und Wandertouren (u.a. auf dem Golan und in Galiläa, durch die Altstadt Jerusalems, den
Stadtkern von Tel Aviv und die Persischen Gärten in Haifa) ist die historische Entwicklung der Beziehungen zwischen
Deutschland und Israel ein wichtiges Thema. Erst recht in diesem Jahr, in dem sich die Aufnahme der diplomatischen
Beziehungen zum 40. Mal jährt. Zu den bewegendsten Momenten zählt das Gespräch mit einer Holocaust-Überlebenden.
Erst das zweite Mal in ihrem Leben spricht sie über ihre Erfahrungen: über die Deportation aus Ungarn nach Auschwitz,
über das Außenlager in der WMF-Fabrik Geisslingen, wo sie bis April 1945 Zwangsarbeit leisten musste, über ihre Aliyah,
die 1947 im britischen Internierungslager auf Zypern endete, über den Angriff der arabischen Staaten direkt nach der
israelischen Staatsgründung. "Meinen Kindern", sagt die alte Dame zum Abschluss, "konnte ich das alles nicht erzählen.
Ich wollte kein Mitleid."
Persönliche Zeugnisse und Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden sind auch zentrale Elemente in der Holocaust-Gedenkstätte
Yad Vashem. Selbst für die Israel-Kenner der Delegation birgt der Besuch Neues: Die Ausstellung ist komplett überarbeitet.
Allein die Architektur ist beeindruckend. Wer den Museumsbau verlässt, dem öffnet sich ein weiter Blick über Jerusalem.
Ein Panorama, das zum schweigenden Verarbeiten des Gesehenen einlädt - oder zur Diskussion zwischen Deutschen und Israelis.
Gad Lior von der israelischen Tageszeitung Yedioth Achronot sagt über das deutsch-israelische Verhältnis: "40 Jahre nach der
Aufnahme der diplomatischen Beziehungen ist der Umgang miteinander ganz normal". Soldaten der Bundeswehr könnten heute in
Uniform durch Tel Aviv schlendern - das sei 1965 noch undenkbar gewesen. Eine Normalität also, die etwas ganz Besonderes
ist. Aber normal heißt leider auch unspektakulär, so Lior. Das Bewusstsein für das besondere Verhältnis schwinde, das
Israelbild in deutschen Medien sei zu negativ. Liors Fazit: Israel braucht in der deutschen Öffentlichkeit mehr Unterstützung.
Auch die Bilanz Michel Weinbergs von der israelisch-deutschen Handelskammer fällt eher nüchtern aus. Deutschland ist zwar
Israels zweitgrößter Handelspartner (nach den USA). Aber die Beziehungen sind deutlich asymmetrisch: Bezieht Israel
für 2,8 Milliarden US-Dollar Güter aus Deutschland, betragen die israelischen Exporte nach Israel gerade mal die Hälfte.
Ein deutliches Defizit zu Ungunsten Israels. Oft stünden ausländische Firmen vor der Frage, ob sie in Israel oder den
arabischen Staaten investieren sollten. Dabei biete Israel beste Investitionsvoraussetzungen: gut ausgebildete
Fachkräfte, hoher technologischer Standard und eine konkurrenzlose Sprachen-Vielfalt.
Um das Handelsbilanz-Defizit auszugleichen, bleibt also noch einiges zu tun. An dem ein oder anderen Abend - nach dem
ein oder anderen Bier - wird auch schon der ein oder andere Plan geschmiedet. Geschäftsideen werden erörtert und wieder
verworfen, schließlich geht es mehr um den Spaß, gemeinsame Visionen zu entwickeln.
Wieder spät in der Nacht dann der Abflug vom Ben-Gurion-Airport. Natürlich ist ein großes Abschiedskomitee erschienen,
Telefonnummern und E-Mail-Adressen sind ausgetauscht. Die Freundschaft zur israelischen Partnerorganisation wird auch
weiterhin gepflegt. Und der Besuch einer israelischen Delegation im Oktober 2006 ist bereits konkret in Planung.
Dirk Hempel
LINKS:
www.deutsch-israelisches-jugendforum.de
www.yadvashem.org
www.shinui.org.il
www.ahkisrael.org.il
www.ynet.co.il
www.green.org.il
www.bike.org.il
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