Magdalene Krumpholz, Bonn
Kleine Schritte - große Ziele
und einen langen Atem brauchen alle, die in dem deutsch-jüdisch-arabischen Jugendprojekt ‚Begegnung’ in Bonn und Israel mitarbeiten.
In diesem Jahr fand die achte Begegnung seit 2001 statt. In den Osterferien flogen 18 Jugendliche und fünf Begleiter zum zweiten Gegenbesuch nach Israel. Sie hatten 2005 und 2006 die jüdischen und arabischen Gäste der Schulen Amakim-Tavor im Kibbuz Mizra und in Iksal in ihren Familien aufgenommen. Nicht allen, die mitfahren wollten, erlaubten die Eltern es; sie waren besorgt um die Sicherheit ihrer Kinder. Die Bonner lebten je eine Woche bei jüdischen und bei arabischen Familien.
Große Ziele haben wir uns gesetzt: die Entwicklung freundschaftlicher Kontakte zu Jugendlichen in Israel; einen Beitrag zur Verständigung zwischen den jüdischen und arabischen Schülern; das Kennenlernen der drei Kulturen und Respekt vor ihnen; Verständnis für die sensiblen Beziehungen zwischen Israelis und Deutschen.
Erste Voraussetzung ist, dass sich auf beiden Seiten Menschen für diese Ziele engagieren: Lehrer, die verantwortlich Schüler und Gastfamilien auswählen und in ihrer Freizeit an den vorbereitenden Seminaren mitarbeiten; ein Leitungsteam, das am selben Strang zieht und sich gegenseitig aufrichtet, wenn es nicht wie geplant verläuft. Wir haben das große Glück, dass Gaby Knoll in ihrer Muttersprache mit den israelischen Partnern „Tacheles“ redet, wenn Schwierigkeiten auftauchen.
Doch alles ehrenamtliche Engagement kann nur dann umgesetzt werden, wenn es auch auf einem finanziell gesicherten Boden steht. Bisher ist uns das dank der Zuschüsse von ConAct, der Stadt Bonn und anderer Zuwendungen – diesmal von der Aktion Mensch - zum Glück noch immer gelungen.
Wie sieht es mit der Verständigung zwischen unseren jüdischen und arabischen Partnern aus? Zeigen sich Fortschritte nach acht Begegnungen? Wie entwickeln sich die Beziehungen der Deutschen zu beiden Gruppen? Nach Aussagen der Beteiligten gestalten sich die Kontakte zwischen den deutschen und ihren Partnern in Israel sehr freundschaftlich. Sie waren beeindruckt von der warmherzigen und großzügigen Gastfreundschaft ihrer Familien, die kein Heimweh aufkommen ließ. Die Lehrerin Hedwig Benke erläutert: „Wir kannten unsere Gastgeber und Gastgeberinnen in Israel, da sie uns und unsere Familien im August 2005 und 2006 besucht hatten. Wir hatten immerhin 14 Tage mit ihnen verbracht und sie lieben oder schätzen oder respektieren gelernt.“ Ramona schreibt: „Man hatte nicht das Gefühl, dass Jugendliche aus drei Kulturen aufeinander trafen, sondern dass Freunde miteinander Spaß hatten.“
Jedoch war es für die Deutschen schwer zu verstehen, wie existentiell der Nahostkonflikt Juden und Araber betrifft. Das wurde in einem Seminar in Givat Haviva deutlich. Katharina berichtet in ihrem Tagebuch: „Der Interessenkonflikt zwischen jüdischen und arabischen Schülern entflammte. Beide Parteien warfen sich nur noch arabische und hebräische Wörter an den Kopf. Leider konnten wir kein Wort verstehen oder mitreden. Ich denke, wir können es nicht nachvollziehen, was sie fühlen.“ Schockiert war ein deutscher Schüler, als sein arabischer Gastvater ihn fragte, ob er wirklich glaube, dass der Holocaust stattgefunden habe.
Zu den Beziehungen zwischen Juden und Arabern gab es von der deutscher Seite kritische Stimmen. In Deutschland, als die israelischen Teilnehmer mehr aufeinander angewiesen waren, hatten sie sich weit besser entwickelt. Zuhause nahmen beide Gruppen zusammen mit den Deutschen zwar am ganzen Programm teil, blieben aber im Übrigen lieber unter sich. Eine deutsche Schülerin schlug vor, Juden und Araber sollten auch einen Familienaustausch organisieren. Nicolas fügte hinzu: „Die bereits gefestigten Meinungen über das jeweils andere Volk wurden meiner Erfahrung nach nicht verändert. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, das Projekt mit jüngeren Schülern zu machen, damit die Meinungen und Vorurteile nicht so gefestigt sind.“
„Ich bin mir nicht sicher“, meint Samuel aus Bonn, „ob die Begegnung bei dem Konflikt hilft, da sich Juden und Araber nicht treffen.“ Er glaubt, dass es noch ein paar Fahrten nach Israel geben müsse, denn es sei ein „Generationenprojekt“.
Die Frage im Auswertungsbogen, ob das Projekt weitergeführt werden solle, beantworteten alle Jugendlichen mit ja. „Das Projekt ist wichtig, weil es Juden und Araber zusammenbringt, auch wenn es nicht immer Übereinstimmungen gibt“, fasst Tomer von Amakim-Tavor die Meinungen zusammen.
Ein Schritt vorwärts war für uns der Sederabend im Kibbuz Mizra in sehr großem Kreis, zu dem alle Teilnehmer eingeladen waren. Vor allem für die Araber war dieser Abend etwas Besonderes. Ali betonte: „Das war für mich das erste Mal, dass ich einen Sederabend erlebt habe“. Und dieser Satz galt wahrscheinlich für alle arabischen Gäste.
Das Projekt hat uns verändert, nicht nur die Jugendlichen, sondern auch uns Erwachsene.
Unsere Erwartungen sind realistischer geworden. Wir freuen uns über jeden kleinen Schritt vorwärts, z.B. wenn wir sehen, dass aus den Begegnungen wirkliche Freundschaften entstehen. Gesa, eine diesjährige Abiturientin, die 2002 dabei war, pflegt bis heute die Freundschaft mit ihrer jüdischen und ihrer arabischen Austauschpartnerin. Anfang August wird sie beide Familien in Israel besuchen. Ein wichtiges Ziel ist uns auch, zu mehr Toleranz im Miteinander beizutragen. Dazu gibt Friederike aus Bonn ihre Erfahrung wider: „Dieser Austausch führt zu mehr Toleranz bei jedem Teilnehmer.“
Der Lehrer Khaled Darawshi aus Iksal spricht uns aus der Seele, wenn er schreibt: „Jedes Jahr sage ich am Ende eines Projekts: Es reicht mir, und ich bin nächstes Jahr nicht mehr dabei! Aber dann, am Anfang des neuen Schuljahres, frage ich mich: Wann werden wir mit den Vorbereitungen für die nächste Begegnung beginnen? So ist das Projekt bei mir ein sehr wichtiger und integraler Bestandteil unserer Erziehung geworden.“
Einen weiteren Schritt vorwärts sehen wir in einem neuen Vorhaben der beiden Schulen in Israel, das Khaled Darawshi so umreißt: „Die Begegnungen haben uns in Amakim-Tavor und Iksal dazu gebracht, eine gemeinsame Klasse für Juden und Araber einzurichten, mit dem Lerninhalt „Demokratie und Staatsbürgerkunde“. Wir haben vor, dieses Programm in die Vorbereitungen der nächsten Begegnungen einzubeziehen. Die neuen Pläne sind für uns eine Bestätigung unserer Bemühungen und eine große Ermutigung weiterzumachen.