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Niels Hansen

Der Zionismus setzt sich durch
Zur vorstaatlichen Geschichte Israels

Auch nach der Zerstörung des Tempels lebten im Heiligen Land immer Juden - insbesondere in Jerusalem, Hebron, Tiberias und Safed. Zu ihnen stießen seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts dann, langsam zunehmend, Glaubensgenossen aus der Diaspora - zum Teil religiös - motiviert, vor allem aber auf der Flucht vor Diskriminierungen, nicht zuletzt Pogromen im (Polen einschließenden) russischen Herrschaftsbereich. Aus Osteuropa kam 1882 die erste bedeutende Einwandererwelle (Aliya) ins Osmanische Reich, aus dem Jemen sechs Jahre später eine weitere. Als „Zionsfreunde“ und noch vor der Institutionalisierung des Zionismus durch Theodor Herzl (erster Zionistenkongress in Basel 1897). Diese gab der Einwanderung neuen Auftrieb (zweite - stark marxistisch geprägte - Aliya 1904/5 bis 1914). Während 1884 schätzungsweise 24.000 Juden dort lebten, waren es bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs bereits 85.000 (unter 426.000 bzw. 600.000 palästinensischen Arabern). Der Bevölkerungszuwachs ergab sich bei den Juden zu 75 Prozent aus der Immigration, bei den Arabern aus natürlicher Vermehrung, ein Muster, das weitgehend auch heute noch zutrifft. An die Einheimischen und die auf Dauer unvermeidlichen ethnischen und religiösen Konflikte dachte man kaum. Es war keine kolonialistische, neokolonialistische oder gar imperialistische Unternehmung. Sie hatte eine jüdische Überlebensgemeinschaft zum Ziel und trotz Herzls programmatischem Buch „Der Judenstaat“ noch keinen eigenen Staat.

II.

Die nächste, entscheidende Phase war die Herrschaft der Engländer in Palästina, zunächst, nach der Eroberung Jerusalems durch General Allenby Ende 1917, als Besatzungsmacht, ab 1922 als Mandatar des Völkerbunds. Die britische Politik -vorher und dann bis zum chaotischen Rückzug im Mai 1948 - ist kein Ruhmesblatt. Skrupellos machte London Arabern und Juden diametral entgegenlaufende Versprechungen: Im Oktober 1915 sicherte der Hochkommissar in Ägypten, MacMahon, der arabischen Haschemitendynastie die Souveränität über ein unabhängiges Arabien zu, das (obwohl später bestritten) auch Palästina umfassen sollte. Andererseits verhieß Außenminister Lord Balfour im November 1917 der zionistischen Föderation die „Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. ... Sie wird ihr Bestes tun, um das Erreichen dieses Ziels zu erleichtern, wobei unmissverständlich zu betonen ist, dass nichts getan werden darf, was die Bürgerrechte und religiösen Rechte der in Palästina lebenden nichtjüdischen Bevölkerung oder die Rechte und den politischen Status der Juden irgendeines anderen Landes nachteilig betrifft.“ Die Formulierung der berühmten Erklärung gab einen Vorgeschmack auf die vorprogrammierten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ethnien, die denn auch nicht lange auf sich warten ließen. Bereits 1921 überließen die Engländer – zur Empörung sowohl von Zionisten wie von Palästinensern („erste Teilung Palästinas“) – den Haschemiten das östlich des Jordan gelegene Transjordanien, das als Emirat indes weiterhin zum Mandatsgebiet gehörte und 1946 Königreich Jordanien wurde. Im Rumpfpalästina versuchten sie einen erträglichen Modus vivendi zu erreichen, indem sie die zwei Lager gegeneinander ausspielten.

Die Palästinenser waren bereits vorher, am ersten Jahrestag der Balfour-Deklaration, mit Übergriffen gegen die Juden brutal in die Offensive gegangen, was sie auch später - etwa mit dem berüchtigten Massaker in Hebron 1929 im Zuge eines antibritischen Aufstands - stets aufs Neue taten. Nicht zuletzt als Reaktion darauf begann nun der „Jischuw“, immer systematischer, auf einen eigenen Staat hinzuarbeiten. Das wurde dadurch erleichtert, dass ihm in Chaim Weizmann, dem in London lebenden Vorsitzenden der Zionistischen Weltorganisation, und in David Ben Gurion bedeutende Führungspersönlichkeiten beschieden waren, die dann ab 1948 als Staatspräsident bzw. Regierungschef Israels amtierten. Häufig waren sie sich zwar nicht einig, doch zogen sie im Hinblick auf die Eigenstaatlichkeit an einem Strang. Die - politischen und kulturell-zivilisatorischen - Aufbauleistungen unter mehr als schwierigen Voraussetzungen sind imponierend. Tel Aviv etwa entwickelte sich aus dem Nichts zu einer modernen Metropole, wobei der Bauhaus-Architektur ein Ehrenplatz gebührt; ihre Bevölkerung war 1939 beim 30-jährigen Gründungsjubiläum der Stadt auf rd. 200.000 angewachsen. Es gelang nach und nach, eine Art von staatlicher Struktur zu schaffen, die - im Wesentlichen sozialistisch, revisionistisch und religiös ausgerichtete - parteiartige Gruppierungen, parlamentarische und exekutive Instanzen sowie Selbstschutzkräfte (in erster Linie die der Arbeiterbewegung zugehörige Haganah mit ihrer Elitetruppe Palmach) einschloss. Die unter sich zerstrittenen Palästinenser erwiesen sich hingegen als unfähig dazu, und sie verfügten zudem über keine glaubhafte Leitfigur, denn der Mufti von Jerusalem Husseini, der im Krieg dann zeitweise in Deutschland lebte und dort 1943 mit Hitler zusammentraf, vermochte diese Rolle nicht überzeugend auszufüllen. Auffällig sind die heutigen Parallelen im Hinblick auf einen selbständigen Staat.

III.

Nach 1933 wurde die Errichtung eines eigenen Staatswesens erst recht dringlich. Dazu war es erforderlich, die jüdische Einwanderung zu verstärken. Bis zum Krieg flüchteten (ohne Österreicher) etwa 60.000 Deutsche ins Mandatsgebiet. Die „Ha’avara“-Vereinbarung mit den Berliner Stellen trug dazu bei; es ging bei der Aktion, die dann zunehmend in die Schusslinie der NSDAP geriet, um aus Emigrantenguthaben bezahlte Warenlieferungen nach Palästina, deren Gegenwert in Devisen den Auswanderern zugute kam. Schon vorher hatten sich - nach der Mandatserteilung des Völkerbunds und der darin angesprochenen Schaffung der jüdisch-nationalen Heimstätte - in verschiedenen Ländern Pro Palästina-Komitees gebildet, und dem deutschen war auch Konrad Adenauer als Oberbürgermeister von Köln und Präsident des Preußischen Staatsrats beigetreten (was seine spätere Israelpolitik erleichterte). Eine Episode am Rande war die Ermordung von Chaim Arlosoroff im Sommer 1933: Obwohl nie ganz aufgeklärt, spricht vieles dafür, dass Goebbels dahinter steckte, mit dessen Frau Magda der Vorsitzende der zionistischen Exekutive als Schüler in Berlin eng befreundet gewesen war und mit der er nach der „Machtergreifung“ in Kontakt zu treten versucht hatte. Die „Jeckes“ hatten es in der neuen Heimat schon deshalb nicht leicht, weil diese ganz überwiegend osteuropäisch geprägt war und man ihnen oft mit Misstrauen begegnete, doch wird ihre maßgebliche Rolle bei Vorbereitung, Auf- und Ausbau Israels heute uneingeschränkt positiv gewürdigt. Ganz allgemein haben sie nach der Katastrophe Deutschland gegenüber von vorneherein eine differenzierte, maßvolle und relativ nüchterne Haltung eingenommen, was z.B. für das „Mitteilungsblatt“ des Verbands der mitteleuropäischen Einwanderer und für die von Alice Schwarz-Gardos geleiteten „Israel Nachrichten“ gilt und sich auch sonst vielfach belegen lässt. Wir müssen in der Tat dankbar dafür sein, doch harrt dies leider immer noch einer vertieften wissenschaftlichen Aufarbeitung.

IV.

Der britischen Mandatspolitik fehlte von Anfang an ein schlüssiges Grundkonzept, welches zu entwickeln allerdings auch nicht einfach gewesen wäre, und viele Jahre lang wurstelte man lediglich vor sich hin. Nach endlosen Konsultationen und Verhandlungen verkündete die Regierung MacDonald im Mai 1939 schließlich trotz des Einspruchs von Weizmann, dem in London alle Türen offen standen, dass in Palästina innerhalb der nächsten zehn Jahre ein unabhängiger binationaler Staat entstehen sollte. Ein einschlägiges - schon kriegsbedingt indes nie voll umgesetztes - Weißbuch beschränkte den Verkauf arabischen Grundbesitzes an Juden und begrenzte die jüdische Einwanderung auf 75.000 Menschen, verteilt auf die nächsten fünf Jahre. Seitens des erbitterten Jischuw, der bisher grundsätzlich mit der Mandatsmacht zusammengearbeitet hatte, kam es zu Demonstrationen und Streiks, und in den Monaten von der Veröffentlichung des Dokuments bis zum Kriegsausbruch verübte die (ansonsten gegen Araber agierende) revisionistische Untergrundorganisation EZEL (Irgun) mehrere Anschläge auf britische Regierungseinheiten, sprengte Telefonzellen in die Luft und legte Bomben im Hauptpostamt Jerusalem. In London gewann bereits die Meinung Raum, dass man auf Dauer in Palästina nichts mehr zu suchen habe, welche Einsicht dann drei Jahre nach Kriegsende zur überstürzen Räumung führte. Im Krieg (bei dem es 1940 und 1941 zu italienischen Luftangriffen auf Tel Aviv mit mehr als hundert Toten kam) hatte man indes allen Grund, den Briten dankbar dafür zu sein, dass Montgomery bei El Alamein im Herbst 1942 den deutschen Vormarsch auf Kairo (und, wie zu befürchten war, weiter nach Palästina) zu stoppen vermochte. Für Geheimdienstmissionen und Sabotageakte im Libanon und in Syrien, die zeitweise unter Kontrolle der Vichy-Regierung standen, wurden palästinensische Juden eingesetzt, etwa 30.000 meldeten sich zum Dienst in der britischen Armee, gegen Kriegsende wurde die Jüdische Brigade zusammengestellt, deren Angehörige aber nur noch die letzten Gefechte erlebten.

V.

Weitere Einschränkungen der jüdischen Einwanderung, die seit jeher zum Repertoire der auf Konfliktverhütung abstellenden britischen Politik gehört hatten, waren angesichts der nationalsozialistischen Judenpolitik und insbesondere dann der Schoah wahrlich unmoralisch, und sie führten vor allem dazu, dass der gesamte Jischuw sich gegen Ende des Kriegs und nachher von der Mandatsmacht abwendete. Die meisten der von der Arbeiterbewegung gecharterten etwa sechzig Flüchtlingsschiffe starteten im rumänischen Constanza. Viele wurden von den Engländern abgefangen und die Verfolgungsopfer nach Mauritius usw. deportiert, andere, wie die “Struma“, gingen unter, doch konnten bis Kriegsende immerhin fast 20.000 geplagte Menschen unter oft dramatischen Umständen ins Mandatsgebiet eingeschmuggelt werden, weitere 40.000 kamen legal. Auch nach Kriegsende wurde die Einreise behindert, wie 1947 bei der „Exodus“ mit Tausenden von Shoah-Überlebenden und ihrer anschließenden Odyssee. Im Februar 1944 erklärte Menachem Begin mit EZEL den Briten formell den Krieg, und im Oktober 1945 wurde, obwohl die Arbeiterbewegung insoweit in sich uneinig war, die „Bewegung des hebräischen Aufstands“ gegründet, ein Bündnis zwischen EZEL, seiner radikalen Abspaltung Lechi und der Haganah, das indes nicht lange andauerte. Als im Juni 1946 die terroristischen Anschläge drastisch zunahmen, umstellten die Engländer mit mehr als 100.000 Soldaten und Polizisten Dutzende jüdischer Siedlungen, verhafteten rd. 3.000 Personen, darunter führende Mitglieder der Jewish Agency, und verhängten eine allgemeine Ausgangssperre. Vier Wochen nach diesem „Schwarzen Sabbat“ sprengten EZEL-Terroristen den Südflügel des Jerusalemer Hotels „King David“ in die Luft, wo ein Teil der Militärregierung untergebracht war - die blutigste Aktion gegen die Briten mit neunzig Toten, doch beileibe nicht die letzte. Die Haganah verurteilte den Anschlag, und die beiden zionistischen Gruppen waren immer wieder uneins darüber, wie die Auseinandersetzung mit der Mandatsmacht am wirksamsten zu führen sei. Diese hatte jetzt nur noch ein strategisches Ziel: Palästina so bald wie möglich zu verlassen.

VI.

Am 29. November befürworteten die Vereinten Nationen die Teilung Palästinas in zwei Staaten. Jerusalem sollte unter internationale Aufsicht gestellt werden. Die britische Herrschaft endete am 13. Mai 1948 um Mitternacht, und tags darauf rief Ben Gurion den Staat Israel aus. Dort lebten am Tag nach der Unabhängigkeit rund 650.000 Juden (und 156.000 Palästinenser), d.h. die jüdische Bevölkerung hatte sich seit 1914 fast verachtfacht. Die häufige Behauptung, die Staatsgründung sei eine Folge der Shoah gewesen, ist zwar falsch, doch hat die Judenverfolgung Hitlers sie gewiss beschleunigt. Die Zionisten hatten ihr ersehntes Ziel, die Schaffung eines eigenen Staatswesens, schließlich erreicht. Eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen.

 


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