Verleihung des Georg - Meistermann - Preises 2008 an Frau Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland am 1. Juni 2008 in Wittlich
Laudatio: Dr. h.c. Johannes Gerster, Präsident der Deutsch - Israelischen - Gesellschaft
Am 30. März diesen Jahres wurde in der Geburtsstadt Georg Meistermans, in Solingen, das 1. Museum der verfolgten Künste in Europa eröffnet. Das Museum umfasst mehrere Sammlungen. Darunter die Sammlung von Jürgen Serke „Himmel und Hölle zwischen 1918 und 1989 – Die verbrannten Dichter“. Jürgen Serke, Sohn eines Sparkassenleiters hier aus der Nachbarschaft, aus Speicher,musste als Schüler nach einem „ketzerischen“ Vortrag über die Mischehe die Oberschule in Bitburg verlassen. Sie, Herr Dr. Friedrich, haben damals Serke die Möglichkeit eröffnet, extern das Abitur am Kultusministerium in Mainz nachzuholen. Toleranz statt Verbohrtheit ebneten den Weg für die bedeutende Journalistenkarriere von Serke, der sein Leben der Erforschung und Darstellung der Lebensgeschichte unzähliger verbrannter Dichter durch den NS-Staat und unter dem Kommunismus widmete.
Ich durfte bei der Museumseröffnung in Solingen sprechen. Dort steht im Zentrum der Gemäldeausstellung „Verfemte Malerei“ das künstlerische Werk Georg Meistermanns. Beide, Solingen und Wittlich wetteifern also in der Erhaltung und Weitergabe des geistigen Erbes Meistermann und das ist gut so. Dieser Maler, Zeichner und Lehrer zeigte sich immun gegen den Ungeist des Nationalsozialismus und trat unerschütterlich und unerschrocken für Demokratie und Meinungsfreiheit in der Zeit der Unfreiheit ein. Wie arm wäre die Bundesrepublik Deutschland, wäre diese 2. Demokratie in Deutschland, wenn sie nicht auf Menschen wie Meistermann blicken könnte, die dem nationalsozialistischen Rassenwahn nicht verfallen waren, die Anstand und Würde bewahrten, als Nazideutschland die zivilisatorischen Grundlagen Europas zerstörte und Deutschland, ja Europa in den Abgrund menschenverachtender Ideologie trieben. Das Erinnern an Menschen wie Meistermann war der Rettungsanker, um nach der Shoa den Geist der Humanität wieder zu neuem Leben zu erwecken.
Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, hatte bereits am 27. 9. 1951 im Deutschen Bundestag erklärt, „es sei die vornehmste Pflicht des Deutschen Volkes, im Verhältnis zum Staat Israel und zum jüdischen Volk den Geist wahrer Menschlichkeit lebendig und fruchtbar werden zu lassen“. Was wären so hehre Ziele wert gewesen, wenn nicht Persönlichkeiten wie Nahum Goldmann oder David Ben- Gurion die ausgestreckte Hand des Deutschen ergriffen hätten, wenn nicht Juden in Deutschland den Mut und die menschliche Größe hätten aufbringen können, auch in Deutschland jüdisches Leben wieder aufzubauen?
Am 14. Mai diesen Jahres fand der zentrale Festakt „60 Jahre Staat Israel“ in der Paulskirche in Frankfurt am Main statt. Eingeladen hatten die Deutsch-Israelische Gesellschaft, der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Zentralrat der Juden in Deutschland. Frau Charlotte Knobloch hat in ihrer bewegenden Rede dort zu Recht daraufhingewiesen, dass die Gründung des Staates Israel vor genau 60 Jahren den Sieg jüdischer Ethik über den Rassenwahn der Nationalsozialisten symbolisiert. Ich möchte hinzufügen, dass heute jüdisches Leben in Deutschland wieder erblühen kann, ist ebenfalls diesem Sieg aber auch jüdischen Bürgern in unserem Land zu verdanken.
Liebe Frau Knobloch, Sie haben als Kind und Jugendliche die Shoa, die Massenvernichtung der Juden in Deutschland, in einem Versteck auf dem Lande überlebt. Dass Sie seit langem als Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeine Münchens und Oberbayerns wirken – die neu errichtete Synagoge in München wird im Volksmund „Charlottenburg“ genannt – und dass Sie als erste Frau den Zentralrat der Juden in Deutschland kraftvoll, prägend und glaubwürdig leiten, ist vor allem auch das Ergebnis ihrer eigenen Bereitschaft, nach 1945 am Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland mitzuwirken und an ein neues Deutschland zu glauben. Sie lebten und leben das, was Sie in der Paulskirche so formulierten: Die Nationalsozialisten mochten den Juden die Heimat, Familie, Freunde und ihre Rechte genommen haben, ihre Menschlichkeit konnte ihnen nicht genommen werden.
Europa gründet tief auf seinen jüdisch-christlichen Traditionen und auf einem Wertekodex, der aus diesen Traditionen entwickelt wurde. Deutschland braucht jüdisches Leben, das wesentlicher Teil seiner Geschichte ist.
Deutschland braucht jüdisches Gemeindeleben, das uns zur Erinnerung und an unsere politische Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk und gegenüber dem Staat Israel ermahnt.
Sie, verehrte Frau Knobloch, sind wie Ihre Vorgänger es auch waren, längst zu einer integren, moralischen Instanz geworden. Wir brauchen Sie umso mehr als Beraterin, Mahnerin und Ermahnerin,
- weil in Deutschland, das im nächsten Jahr seinen 60. Geburtstag feiern wird, Extremisten, Rassisten und Antisemiten immer noch oder wieder unterwegs sind, die zugleich Hand an unsere Demokratie legen,
- weil in Deutschland immer noch und zum Teil verstärkt Juden, Ausländer und Andersartige diskriminiert und auf offener Straße angegriffen werden,
- weil immer wieder der Versuch gemacht wird, das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen, auch in Deutschland,
- weil allzu willfährig und leichtfertig Ursachen und Wirkungen im Nahostkonflikt verdreht werden, so als ob nicht der Iran, Hamas und Hisbollah Israel zerstören wollten,
- solange demokratische Grundrechte in unserem Land oder sonst wo auf der Welt in Frage gestellt und unterdrückt werden.
Georg Meistermann blieb gegen den Zeitgeist immer er selbst, im Leben wie in der Kunst. Die Freiheit eines Christenmenschen, gepaart mit einer beneidenswerten Glaubensgewissheit wird an ihm gerühmt. Er pochte auf das Recht der freien Entfaltung und sprach von der „Kostbarkeit des Einzelnen“. Wer an Gott glaubt und in jedem Menschen ein unverwechselbares Ebenbild Gottes sieht, kann nicht dem Rassenwahn jedweder Art verfallen. So einer war Georg Meistermann. Er lebte, was unser Grundgesetz in Art 1 so postuliert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Ich füge hinzu: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar.
Die Stiftung der Stadt Wittlich hätte für die Verleihung des Georg - Meistermann - Preises keine bessere Wahl treffen können.
Frau Knobloch hat sich, den Nazi-Schergen nur knapp entronnen, für ein Leben in Deutschland und für den Neuaufbau jüdischen Lebens in Deutschland entschlossen. Den Ungeist nationalistischer Inhumanität beantwortete sie im Geiste der Humanität. Wie sagte sie in der Paulskirche: Die Nationalsozialisten konnten uns nicht die Menschlichkeit nehmen.
Frau Knobloch und der Zentralrat der Juden mahnen immer wieder zu Demokratie, Pluralismus, Toleranz und Gerechtigkeit. Sagen wir es offen: Das geht manchen Leuten und nicht nur Antisemiten manches Mal auf die Nerven. Ich finde, solange Menschen daran Anstoß nehmen, zeigen sie, dass wir die Ermahnungen des Zentralrates sehr wohl gebrauchen können.
Frau Knobloch tritt unablässig für das Lebensrecht des Staates Israel ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt, das Eintreten für Israel sei deutsche Staatsraison. Recht tun sie beide. Machen wir uns aber nichts vor: Die offiziellen deutsch - israelischen Beziehungen sind so gut wie nie, die Stimmung im Volke ist dagegen mehrheitlich eher gegen Israel. Wer für Israel eintritt, argumentiert gegen einen latenten antiisraelischen Zeitgeist an. Umso mehr braucht Israel neue Freunde. Umso mehr brauchen wir Menschen wie Charlotte Knobloch, die laut und klar gegen den Zeitgeist antreten, die falschen Zeugen und billigen Vorurteilen widersprechen.
Bei einer Ehrung werden in der Regel zwei geehrt: Die zu Ehrenden und die Ehrenden. Zuvörderst: Die Geehrte. Herzlichen Glückwunsch, Frau Charlotte Knobloch, zur Verleihung des Georg-Meistermann-Preises!
Herzlichen Glückwunsch der Stiftung und der Stadt Wittlich für diese kluge Wahl der Preisträgerin. Diese Verleihung ehrt auch die Ehrenden.
Ich fühle mich auch geehrt, dafür, dass ich diese Laudatio halten durfte. Herzlichen Dank!
Es gilt das gesprochene Wort.