* * * 60 Jahre Israel * * *
Wladimir Struminski
Wunderstaat mit wunden Stellen
Seit seiner Gründung hat Israel Enormes geleistet, doch bleibt auch für die nächsten sechzig Jahre genug zu tun
Die alten Fotos. Bilder aus den ersten Jahren der israelischen Staatlichkeit haben dieser Tage Hochkonjunktur. Augenblicke, auf Zelluloid gebannt. Junge Menschen feiern die Geburt ihres Staates mit einem Hora-Tanz in Tel-Aviv. Bewohner des belagerten Jerusalems horchen besorgt in den Kriegslärm. Neueinwanderer gehen in Haifa von Bord; Erschöpfung steht ihnen im Gesicht geschrieben. Ein kleiner Trupp von Soldaten rückt aus. Noch haftet ihnen das Ambiente einer Partisanengruppe an. Als Truppentransporter dienen in Heimarbeit gepanzerte Jeeps; die Uniformen sehen zum Teil abenteuerlich aus. Familienfotos werden hervorgekramt. Sie zeigen Menschen in der kleinen Küche, dem bescheidenen Wohnzimmer. Oder in Auffanglagern für frisch Angekommene. Ein altes Poster: „Kampf dem Schwarzmarkt“. Schließlich ist das Essen im jungen Israel knapp. Wer es gegen viel Geld am Verteilungswesen vorbeischleust, schickt vielleicht ein Kind hungrig ins Bett. Die gesamte Palette menschlichen Daseins wird auf den alten Bildern wieder lebendig. Freude und Angst, Armut und Zuversicht. In jedem Fall aber das Gefühl: Es ist ein Neuanfang. Noch ist die Zukunft ein ungeschriebenes Blatt, auf dem das alte Volk und sein neuer Staat ihr Schicksal endlich selbst entwerfen können. Das Gefühl eines Trecks, einer Wagenburg: Eingeigelt, beengt, aber doch auf dem Weg in eine bessere Zeit.
Sechzig Jahre später haben die Israelis die alte Wagenburg weit hinter sich gelassen und frönen der Modernität. Vom Armenhaus der jüdischen Welt entwickelte sich Israel zu einem der reicheren Länder der Welt. Nach jüngster verfügbarer Vergleichstatistik der Weltbank hat der Durchschnittsisraeli im Jahre 2006 nach Kaufkraftparität 25.480 US-Dollar erwirtschaftet. Damit lag der kleine Staat am Ostrand des Mittelmeeres immerhin auf Rang 38 der 209 Staaten unfassenden Wohlstandsliste – will heißen auf unterem westeuropäischem Niveau und nur elf Plätze hinter Deutschland. Zum 60. Geburtstag erhält Israel den ultimativen ökonomischen Ritterschlag. Auf Einladung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD verhandelt Israel im Jahre 2008 über einen Beitritt zu dem „Reichenklub der Erde“. Für ein Land ohne Bodenschätze – dem alten Witz zufolge wollte Moses die Juden nach Kuwait führen, weil er aber so stotterte, schickte Gott sein Volk aus Versehen nach Kanaan – nicht schlecht. Das hätten sich die Gründungsväter wohl nicht träumen lassen.
Im Alltag hat das einstige Pionierland längst auf Bequemlichkeit geschaltet. Auf technische Neuerungen stürzen sich die Verbraucher mit einer so ungehemmten Neugier, dass internationale Konzerne Israel als ein „Versuchsgelände“ für die Einführung neuer Elektronikprodukte auf dem Weltmarkt entdeckt haben. Was hier ankommt, hat auch anderswo gute Chancen. Die Zahl der Handys hat längst die Gesamteinwohnerzahl überschritten. Zwei, ja drei Mobilgeräte je Kunden sind keine Seltenheit mehr. Dafür verzichten immer mehr supermobile Quasselstrippen auf das gute alte Festnetztelefon. Anderen ist der herkömmliche Fernsehempfänger nicht gut genug. Seit vergangenem Jahr hat mehr als die Hälfe aller im Handel verkauften TV-Geräte Plasma- oder LCD-Schirme. Der Reiz der großen weiten Welt ist längst nicht mehr einigen wenigen vorbehalten. Im vergangenen Jahr sind 2,3 Millionen der 7,2 Millionen Israelis ins Auslandsgereist – wieder einmal ein neuer Rekord. Knapp 800.000 – also jeder neunte - begab sich mehr als einmal ins zeitweilige Exil. Wer am Ben-Gurion-Flughafen wegen der Riesenschlange an der Kasse beinahe seinen Flug verpasst hätte, weiß, wovon die Rede ist. Und das in einem Land, in dem jeder Auslandsreisende Freunden und Bekannten seinerzeit ausführlich von den Wundern der Fremde berichten musste.
Der Wachstumsmotor des israelischen Wirtschaftswunders heißt High-Tech. Von bescheidenen Anfängen der siebziger und achtziger Jahre hat sich Israels Elektroniksektor zu einer weltweit beachteten Großmacht entwickelt. Israelische Medizingeräte helfen bei der Heilung von Menschen rund um den Globus. Israelische Sicherheitstechnik schützt Objekte weltweit, bis hin zum Buckingham-Palast. Und selbst eingefleischte Israelhasser ahnen, dass in ihrem PC Technik von „zionistischen Feind“ steckt. Rund zweitausend Start-up-Firmen sichern den Nachschub neuer Ideen. Nach dem Silicon Valley ist Israel der weltweit zweitgrößte Standort für Start-ups, und zwar in absoluten Zahlen, nicht in Relation zur Landesgröße. Das kostet Geld. Nach den letzten verfügbaren Angaben gibt Israel rund 1.300 Dollar pro Einwohner und Jahr für zivile Forschung und Entwicklung aus. Damit liegt das Land in der engsten Weltspitze neben Schweden und Finnland, knapp vor Deutschland und deutlich vor den USA. In relativen Zahlen ausgedrückt: Viereinhalb Prozent der israelischen Wirtschaftsleistung fließen in die technologische Zukunftssicherung: deutlich mehr als in jedem anderen Land der Welt. Und das ist möglicherweise erst der Anfang. Innerhalb der kommenden fünf Jahre, kündigte im Februar dieses Jahres Ministerpräsident Ehud Olmert an, soll der Anteil der Forschungs- und Entwicklungsaushaben am Bruttoinlandsprodukt auf ein Zehntel wachsen. Damit wäre der Aufstieg zum „verlängerten Labor“ der Welt perfekt. Hochtechnologie ist auch eine Grundlage für Israels militärische Stärke. Hier treffen modernes Gerät und eine noch immer hohe Motivation der Soldaten – darüber würden sich die Staatsgründer freuen – aufeinander.
Nicht minder monumental als die Erfolge sind aber auch die ungelösten Probleme, denen sich Israel gegenübersieht. Auch sechzig Jahre nach seiner Gründung ist das physische Überleben des jüdischen Staates keine Selbstverständlichkeit. Israels Juden sahen sich noch vor der Staatsgründung vom Untergang bedroht. Wäre das deutsche Afrikakorps 1942 nicht bei El-Alamein gestoppt worden, hätte der „Jischuw“ wohl das Schicksal des europäischen Judentums geteilt. Während des Unabhängigkeitskrieges hing das Überleben des Staates am seidenen Faden. Im Sechstagekrieg konnte sich die israelische Armee überzeugend behaupten, doch machten die Drohungen arabischer Staaten, die Juden „ins Meer zu werfen“, ihren Vernichtungswillen deutlich. Heute stellt der iranische Atomwaffenbau eine existenzielle Bedrohung Israels dar. Schließlich ließe sich das kleine Israel mit einer überschaubaren Zahl von Nuklearwaffen vernichten. Bereits im kommenden Jahrzehnt könnte das iranische Regime ein bedrohliches Arsenal aufbauen. Wohl wahr: Die iranische Furcht vor einem israelischen Gegenschlag löst einen Abschreckungseffekt aus. Allerdings sind durchaus Szenarien denkbar, bei denen diese Abschreckung nicht genügt, von der Gefahr eines multinuklearen Nahen Ostens ganz zu schweigen.
Israels feindliche Nachbarn vermögen den jüdischen Staat heute nicht existentiell zu gefährden, doch lassen sie ihn nicht zur Ruhe kommen. Das zehrt, physisch wie seelisch, an den Kräften, raubt vielen Israelis ihren Glauben an die Möglichkeit eines Friedens. Dass die arabischen Akteure auf der Kampfbühne wechseln – was in früheren Jahrzehnten die PLO war, ist sind heute Hamas und Hisbollah – macht die Sache nicht besser. Da vermögen auch die Anfang des Jahres angelaufenen Friedensverhandlungen mit der palästinensischen West-Bank-Führung um Präsident Mahmoud Abbas nicht zu überzeugen. Diesen Gesprächen räumt nur eine kleine Minderheit der Israelis, wie übrigens auch der Palästinenser, die Chance ein, zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages zu führen, von dessen Verwirklichung ganz zu schweigen. Wenn nicht wenige Israelis an die Emigration denken, hat das nicht zuletzt mit der friedenspolitischen Perspektivlosigkeit zu tun.
Auch ein Blick ins Innere von Staat und Gesellschaft zeigt Strukturschwächen. Wohl wahr: Die Demokratie funktioniert. Allerdings garantiert das nur bedingt die Regierbarkeit. Eine Tatsache, die viele Israelis gern vergessen oder zumindest verdrängen, ist nämlich, dass ihrer Gesellschaft der gemeinsame Nenner fehlt. Für den Touristen mag die Menschenvielfalt faszinierend sein. Für das Land ist sie, jedenfalls unter den heute gegebenen Vorzeichen, ein Problem. Einzelne Gruppen pflegen ihren eigenen Lebenswandel, verfolgen unterschiedliche Ziele und betrachten die anderen oft genug als Feinde. Manche Partei stellt die sektoralen Interessen über das Gemeinwohl.
Die demographische Entwicklung legt nahe, dass sich die Situation in den kommenden Jahren noch verschärft. Das gilt nicht nur für das explosive Verhältnis zwischen der jüdischen Mehrheit und der arabischen Minderheit. Auch die jüdische Mehrheit bietet zunehmend ein Bild der Zwietracht. Mehr als zehn Prozent der israelischen Juden sind ultraorthodox, Tendenz schnell steigend. Als Mehrheitsbeschaffer diverser Koalitionen konnten sich die Ultras von der übrigen Gesellschaft abkoppeln und leben fast wie ein separates Volk, das mit den Anderen weder Familien bildet, noch Bildung teilt oder Freundschaften pflegt. Von einer Gefährdung des eigenen Lebens durch den Wehrdienst - sieht man von ganz wenigen Ausnahmen ab – ganz zu schweigen. Auch nationalreligiöse Juden bilden, trotz voller sozialer Integration eine in mancher Hinsicht separate Gesellschaft. Innerhalb der nichtfrommen Mehrheit ist die soziale und ideologische Schichtung groß. Bereits in zwei Jahrzehnten könnte Israel eine auch nur einigermaßen kohärente Mehrheitsgruppe fehlen – wie im Libanon.
Traurig genug: Viele Schwächen, unter denen Staat und Gesellschaft heute leiden, wurden bereits vor drei Jahrzehnten im Ansatz zu erkennen. Darunter etwa die tiefe Krise des Bildungswesens. Geschehen ist zu ihrer Abwendung wenig bis nichts, so dass die Leistungen israelischer Schüler sich inzwischen beängstigend schnell dem Standard der Dritten Welt nähern. Das ist nur ein Beispiel für auf vielen Gebieten die mangelnde Vorausschau der israelischen Politik. Wozu denn auch: Das politische System das auf kurzfristiges Überleben im Amt setzt, bestraft langfristige Planung eher als dass es sie belohnt. Daran haben wiederholte Reformversuche nichts zu ändern vermocht. Da erscheint die entschlossene Weichenstellung, die ein David Ben-Gurion und seine Generation dem neugeborenen Staat zu verordnen wussten, vielen wie ein längst verlorenes Paradies. Diese Erinnerung ist sicher stark verklärt, doch zeigt die Nostalgie nach der Wagenburg, wie dringend Israel seine Probleme anpacken muss, nachdem die Festreden zum 60. Jubiläum verklungen sind.