Home    Links    Kontakt    Impressum

Der Kibbuz – Ende einer Utopie?
Zum 100. Jubiläum der Kibbuzbewegung

Vor hundert Jahren gründeten zehn junge Menschen in Um J´uni südlich des Sees Genezareth eine Kommune und nannten sie Degania. Diese Kommune, in einer unwirtlichen Gegend voller Malaria, wurde zum Grundstein einer der wichtigsten ideologischen und politischen Kräfte, die 1948 zur Staatsgründung Israels führten – der Kibbuzbewegung.

Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts entwickelten sich die Kibbuzim zu einer faszinierenden sozial-revolutionären Bewegung: Die Mitglieder glaubten an das Prinzip der Gleichheit, an das kollektive Eigentum, an den Aufbau einer nationalen Heimstätte durch die Bestellung des Bodens. Die Ideologen und Politiker des zionistischen Siedlungswerkes sahen in den Kibbuzim das beste Potential, um Land in Besitz zu nehmen, die eingewanderten Juden zu verwurzeln und den körperlich tätigen „neuen“ Menschen, den Chaluz, zu formen. Die Kibbuzbewegung war die Avantgarde der zionistischen Revolution.

Ohne diese Bewegung ist es zweifelhaft, ob die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 Wirklichkeit geworden wäre. Für einige der wichtigsten Aufgaben auf dem Weg zur Staatsgründung waren die Kibbuzim zuständig: Die Kibbuzbewegung schickte ihre Mitglieder an die entlegensten Orte und trug so entscheidend zur Grenzlegung und Verteidigung des zukünftigen Staates bei. Die Gründung der Histadrut (Gewerkschaft), der Kupat Cholim (Krankenkasse), kurzum die Prinzipen des Sozialstaates in Israel während der ersten 30 Jahre, wären ohne den Einfluss der Kibbuzbewegung nicht umgesetzt worden. Tausende Jugendlicher traten in die Kibbuz-nahen Organisationen der Jugendbewegung ein und schlossen sich nach abgeschlossenem Militärdienst einem Kibbuz an.

50 Jahre danach existierten 300 Kibbuzim in Israel; die Kibbuzbewegung war dominierend in der Verteidigung des Landes, Pionier in der Landwirtschaft und entscheidend für das Ethos des jungen Landes. Ihre Mitglieder galten als die Elite. Golda Meir, Shimon Peres, Levi Eschkol, Yigal Alon, Teddy Kollek, Amos Oz und viele andere zählen dazu.

Doch der Schein trog. Die Kibbuzbewegung war schon mit der Staatsgründung in einer tiefen Krise. Bis 1948 war das Ziel einer Staatsgründung der Hauptfaktor des ‚Leims’, der die Kibbuzim zusammenhielt. Es war selbstverständlich, auf persönliche Ziele und Vorteile zu Gunsten der Gemeinschaft = Kibbuz, und zu Gunsten eines höheren Zieles = die Gründung eines jüdischen Staates, zu verzichten. Im jungen Israel wurden die großen Aufgaben der Kibbuzbewegung dem Staat übergeben, allenfalls waren die Kibbuzim als „Unterauftragnehmer“ am Aufbau beteiligt. Mangels eines höheren Ziels konzentrierte sich die Kibbuzbewegung hauptsächlich auf landwirtschaftliche und wirtschaftliche Ziele, schickte ihre Jugend in die Elitetruppen des Militärs, half bei der Absorbierung der vielen Neueinwanderer – und ließ es dabei bewenden. Die wirtschaftlichen Erfolge bewirkten eine Abwanderung von Mitgliedern und eine Aufweichung der Kibbuzideologie. Die Bereitschaft des Einzelnen, zu Gunsten der Gemeinschaft zu verzichten, wurde wegen des Fehlens eines übergeordneten Ziels immer kleiner. Die Schrift war an der Wand, nur wurde sie nicht beachtet.

Heute, 100 Jahre nach ihrer Gründung, wird die Kibbuzbewegung von den meisten Israelis nicht ernst genommen und als Episode der israelischen Geschichte abgetan. Die Kibbuzim stecken seit Jahren in einer tiefen Krise, die Mehrheit von ihnen hat – nach wirtschaftlichem Niedergang und Katastrophen – tiefgreifende Änderungen in Richtung Kapitalismus und Privatisierung vorgenommen. Auch die kleine Minderheit von wirtschaftlich starken Kibbuzim, die immer noch mehr oder weniger versuchen, das Ideal der Kibbuzbewegung aufrecht zu erhalten, sichert die Zukunft der Kibbuzideologie keineswegs. 100 Jahre nach ihrer Gründung und 50 Jahre nach ihrer Blüte betrachten die meisten Kibbuzmitglieder ihre Lebensform als das Aussterben einer bedrohten Art.

Sicher ist, dass die Euphorie der ersten 50 Jahre – der Kibbuz als Vorläufer des Aufbruchs in eine Utopie – schon lange vergessen ist. Heute kämpft mehr oder weniger jeder Kibbuz allein um sein Überleben, die einst so mächtige und dominante Kibbuz-Bewegung siecht dahin.

Wohl gemerkt: der Niedergang geschah und geschieht vor allem auf der ideologischen Ebene. Kibbuzim, die noch vor 10 Jahren am Rande des Konkurses standen, haben sich, dank der Privatisierung, in blühende Kommunen verwandelt, die junge Familien aus dem ganzen Land anziehen. Daneben jedoch gibt es Kibbuzim, in welchen Senioren (die Gründergeneration des Kibbuz) zur Schicht der Sozialhilfeempfänger zählen, wenn die eigene Familie sie nicht unterstützen kann.

Angesichts der Auflösung von immer mehr kollektiven Regeln in den Kibbuzim und der daraus entstehenden Frage: „Ist das noch ein Kibbuz?“ muss vorab das Phänomen Kibbuz definiert werden.

Die Diskussion darüber hat mit der Gründung von Degania, dem ersten Kibbuz, begonnen und bis heute nicht nachgelassen. Immer wieder hat diese Auseinandersetzung zu schweren Krisen, ja sogar in den 50er Jahren zu Spaltungen von Kibbuzim geführt. Die Diskussion besteht bis zum heutigen Tag – allerdings je länger desto weniger unter ideologischen Vorzeichen. Jahrzehntelange Konzentration auf praktische Aufgaben und wirtschaftlichen Fortschritt hat zu Vernachlässigung der Reflexion über die geistigen Grundlagen geführt.

Die Grundlage des Kibbuzgedankens basiert auf dem Prinzip – Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen – also ein Verzicht auf den Leistungslohn und maximaler Einsatz im Arbeitsbetrieb des Kibbuz. So bekämpfte man die gesellschaftliche Ungleichheit und versuchte gleichzeitig eine neue Gemeinschaft, die nicht durch Geld oder Besitztum beherrscht wurde, zu schaffen.

Doch der Kibbuz musste, wie viele andere Utopien vor ihm, einsehen, dass Sozialismus und Gleichheit nur in einer mehr oder weniger gleichaltrigen Generation, die über keinen nennbar eigenen Besitz verfügt, umsetzbar ist. In der heutigen Zeit der Multi-Generationen-Kibbuzim mit bis zu vier Generationen ist die Umsetzung von Gleichheit beinahe unmöglich.

Zudem war eine wichtige Tatsache übersehen worden. Die Gründer der Kibbuzim und auch ihre Nachfolger wurden auf die Aufgabe, in einem Kibbuz zu leben, gründlich ideologisch vorbereitet. Dies war die Mission der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung. Noch in den 50er und 60er Jahren rekrutierte der Kibbuz die meisten neuen Mitglieder aus den Organisationen der Jugendbewegung. Auch die eigene, im Kibbuz geborene Jugend, wurde im Rahmen der Mittelschule auf diese Aufgabe vorbereitet.

Seit den 70er Jahren sind die Neuzugänge in den meisten Kibbuzim junge Familien aus Israel und dem Ausland oder Volontäre, die eingeheiratet haben und ihm Kibbuz leben wollen, oft ohne wirkliches Wissen und Verständnis für die Kibbuzidee.

Als Mitte der 80er Jahre die israelische Wirtschaftskrise die Kibbuzim ohne Vorbereitung und mit aller Wucht traf, war ein Übergang in ein kapitalistisches System nur eine Frage der Zeit, wenigstens für die meisten Kibbuzim, die kurz vor dem Ruin standen. Die Einführung von Leistungslöhnen und individuellem Vermögen, die zunehmende Abschaffung der solidarischen Lebensfürsorge wurde beschlossen, Managergehälter wurden akzeptiert. Von einer Rotation der Ämter war keine Rede mehr.

Im 21. Jahrhundert gibt es den Kibbuz im klassischen Sinn nicht mehr. Noch vor 10 Jahren waren Gemeinsamkeiten möglich. Zwar waren die Unterschiede beträchtlich, aber eine gemeinsame sozialistische Ideologie getreu den Gründungsvätern war in jedem Kibbuz zu finden.

Heute hat sich das total geändert. Die Kibbuzbewegung ist gespalten, nicht wie in der Vergangenheit aufgrund politischer Meinungsverschiedenheiten, sondern in den genossenschaftlichen (shitufi) und den erneuerten (mitchadesch) Kibbuz.

Der genossenschaftliche Kibbuz versucht die Ideale des Kibbuzes dem 21. Jahrhundert anzupassen, ohne auf die wichtigsten Prinzipien wie Lohngleichheit, gemeinsame Verantwortung für Gesundheit und Erziehung zu verzichten. Solidarität ist das wichtigste Bindeglied der Mitglieder.

Der erneuerte Kibbuz ist voll privatisiert, mit Lohngefälle und sozialen Unterschieden zwischen arm und reich. Die meisten dieser Kibbuzim versuchen die Engpässe der minderbemittelten Mitglieder durch ein Sicherheitsnetz, das durch progressive kommunale Steuern finanziert wird, auszugleichen, was aber nur zum Teil das Problem der Armut, vor allem der Gründergeneration, löst.

Die beiden Gruppierungen – ein Drittel genossenschaftliche, zwei Drittel erneuerte Kibbuzim – kooperieren in der Vereinten Kibbuzbewegung, sind aber in der Kardinalfrage „Was ist ein Kibbuz?“ uneins.

Gibt es überhaupt noch einen Unterschied zwischen dem „erneuerten“ Kibbuz und einem normalen Dorf? Mit dieser Frage sah sich auch die israelische Regierung konfrontiert. So beschloss ein Expertenausschuss fünf Kriterien, die jeder Kibbuz erfüllen sollte: Dazu gehören Krankenversorgung, Altenpflege, Pension, Bildung und Sorge für die sozial Schwächeren. Es gibt in jedem Kibbuz einen Mindestbetrag, den jedes Mitglied monatlich erhalten soll. Liegt das jeweilige Gehalt darunter, so gibt es Zuschüsse von Staat und Kibbuz. Durch Steuern, die sich nach der Höhe der Gehälter richten, fließen immer noch bis zu 30 Prozent des Einkommens der Mitglieder in die Gemeinschaftskasse.

Ein Ausblick
Die Mehrheit der Kibbuzmitglieder aber glaubt heute, dass der Trend der Privatisierung unaufhaltbar ist und dass in 20 Jahren die meisten Kibbuzim als Kommune ohne Ideologie und wenig Solidarität existieren werden. Ganz sicher ist das der Trend bei jungen Familien. Seit 2005 ist die Zahl der Mitglieder wieder leicht angestiegen, von 115.200 auf 130.000. Vor allem für junge Familien ist der neue Kibbuz in seiner offeneren, liberaleren und zwangloseren Form wieder attraktiv. Denn immer noch bietet er einen einzigartigen Lebensstil. Seine Schulen und Kindergärten genießen hohes Ansehen. Ihre Hoffnungen setzen die Kibbuzim nun auf die Neuankömmlinge. Wenn der Trend weitergeht, wird der Kibbuz überleben, allerdings ohne die „ideologische Zwangsjacke“.

Eine kritische Analyse der gegenwärtigen Kibbuz-Situation lässt die Frage offen, ob es in der Kibbuzbewegung Kräfte gibt, vor allem seitens der genossenschaftlichen Kibbuzim, die einen strategischen Entwurf zum Aufbau von kibbuzförmigen Modellen erarbeiten.

Ansätze gab es seit den 80er Jahren bei den sogenannten Stadt-Kibbuzim (z.B. Kibbuz Migvan in der Entwicklungsstadt Sderot), die Modelle wurden aber von der Kibbuzbewegung nicht genügend weiterentwickelt, so dass sie kaum einen Einfluss auf die Kibbuzbewegung haben.

Eine Neuorientierung in Richtung Ökologie und Umweltschutz – der Kibbuz als umweltverträgliche Kommune, die sich zudem auch national für diese Ziele einsetzt – würde vielleicht einen Teil der traditionellen Kibbuzideologie ersetzen und so den Kibbuz wieder als Avantgarde rechtfertigen.

Von Danny Wieler

 


Aktuelles

Zum Seitenanfang

© Copyright 2003-2010 Deutsch-Israelische Gesellschaft * last update: 29.04.2010