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Chaim Weizmann - der erste Präsident des Staates Israel

Wie entstand das moderne Israel? Was ging seiner Staatsgründung am 15. Mai 1948 voraus? Wer waren die Frauen und Männer, die sich Theodor Herzls Idee von einem „Judenstaat“ verpflichtet fühlten und zu ihrer eigenen machten? Einer von ihnen war Chaim Weizmann – der erste Präsident des Staates Israel.

Chaim Weizmann war eine Jahrhunderterscheinung. Er wirkt wie die Fortsetzung des früh verstorbenen Theodor Herzl, als habe er dessen Fackel aufgehoben und weiter getragen.

Es gehört zum Faszinosum geschichtlicher Betrachtungen, dass am Beginn einer neuen Ära oft die richtigen Persönlichkeiten an der Spitze gestanden haben. Das war in Deutschland nach der Katastrophe der Fall mit Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Ludwig Erhard, in den USA mit George Washington und Thomas Jefferson, in Israel eben mit Weizmann und Ben Gurion, wie später in Südafrika mit Nelson Mandela – Persönlichkeiten, die ihrem Schicksal mit der Sicherheit des Auserwähltseins entgegen gelebt zu haben schienen, ohne sich dessen immer bewusst gewesen zu sein. Doch offenbar zu nichts anderem bestimmt.

So betrachtet, war auch in Weizmann von Anfang an alles angelegt, wiewohl – und das macht seinen Aufstieg so verblüffend – bei seiner Geburt 1874 nichts auf eine ungewöhnliche Karriere zu deuten schien: als eines von 15 Kindern eines Holzhändlers aus dem Dorf Motol bei Pinsk, was kaum aufregend war. Der erste ernsthafte geographische Hinweis heute ist der, dass Pinsk in Weißrussland liegt.

Und schon dort wurde der Dualismus sichtbar, der sein Leben kennzeichnete: die Neigung zur Wissenschaft, zur Chemie im Besonderen, wie die Leidenschaft für die Ideen Herzls. Zwei in ihm lodernde Feuer, die sich beinahe bedingten, statt ihn zu verbrennen, ihn jedenfalls mit nie nachlassender Kraft versahen.

Die Pogromstimmung im damaligen Russland vertrieb den Abiturienten 1892 nach Deutschland, zuerst ins Darmstädter Polytechnikum, dann nach Berlin. 1901, im Alter von 27 Jahren, wurde er Dozent an der Universität Genf, als 30jähriger Chemie-Professor in Manchester, wo er 1910 auch die Staatsbürgerschaft annahm. Parallel dazu hatten ihn längst die Ideen Herzls begeistert und 1903 stimmte er, nun schon einer der führenden Zionisten, vehement gegen den Uganda-Plan oder ähnliche Ausweichlösungen für potentielle jüdische Heimstätten wie Argentinien oder Südafrika. Für ihn, den Vertreter des „synthetischen Zionismus“, kam nur die intellektuell-pragmatische Lösung Palästina in Frage: politische Aktivität mit dem Ziel einer Staatsgründung plus gleichzeitiger praktischer Ansiedlung von Juden vor Ort. Weizmann war klar, dass es neben einem jüdischen Staat auch einen palästinensischen geben würde. Und so unterzeichnete er 1919 als Leiter der zionistischen Delegation am 3. Januar auf der Pariser Friedenskonferenz die Faisal-Weizmann-Erklärung. Sie regelte die Zunahme jüdischer Einwanderung nach Palästina und gleichzeitig die Kontrolle der heiligen moslemischen Stätten durch die Moslems. Es gehört zur Tragödie des israelisch-palästinensischen Konflikts, dass der gemäßigte Emir Faisal 1933, nur 50jährig, starb. Ausgerechnet 1933, möchte man meinen.

1919, zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses, noch ohne schwergewichtiges Amt – Präsident des Zionistischen Weltkongresses wurde er erst 1920 – agierte Weizmann bereits wie ein anerkannter Staatsmann: anerkannt nicht zuletzt deshalb, weil er sich im I. Weltkrieg als Direktor eines Munitionslabors der britischen Admiralität um England verdient gemacht hatte. Weizmann gelang es, aus dem herkömmlichen Sprengstoff TNT das hochexplosive, gefürchtete Gemisch zu entwickeln, dem nichts entgegenzusetzen war. Und im II. Weltkrieg, als Großbritannien durch Japan von alliierten Rohstoffquellen abgeschnitten war, forschte Weizmann erneute erfolgreich: diesmal auf dem Gebiet des künstlichen Gummis und hoch verdichteten Benzins. Er war ein großer Chemiker; seine zahlreichen Patente machten ihn wirtschaftlich unabhängig – nicht die schlechteste Voraussetzung für seinen Eintritt in die Londoner Gesellschaft, die er für seine Ziele nutzte. Der Höhepunkt seiner ersten Schaffensperiode war die Balfour-Erklärung vom 2. November 1917, zu der er wesentlich beigetragen hatte. Er hatte Balfour quasi praktisch bekehrt. Und so bekannte sich der britische Außenminister Arthur J. Balfour (1848 – 1930) in einem Brief an den damaligen Zionistenführer Lord Rothschild zu einer „nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina“. Sie blieb die wirkungsvollste politische Aussage in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – auch wenn sie peu à peu in den folgenden 20 Jahren unter dem Druck der Ereignisse, unter anderem von Churchill, wieder so gut wie zurückgenommen wurde. Unmittelbar nach dem II. Weltkrieg jedoch lebte sie wieder auf und führte 1948 nach dem Holocaust über die UNO zur israelischen Staatsgründung.

Weizmann muss ein Mensch von seltener Überzeugungskraft gewesen sein. Lloyd George, einer der abgeklärtesten Politiker Englands, zollte ihm schon 1933 extremes Lob: „Ach, ja, ich habe in meinem Leben eine Menge interessanter Leute getroffen, aber ich kenne niemanden, den ich mehr respektiere als Weizmann. Er ist der größte Mann, den die Juden in den letzten tausend Jahren hervorgebracht haben…“

Am 15. Mai 1948 wurde der Staat Israel ausgerufen. Am 16. stand Israel mitten im Krieg gegen die Arabische Liga, am 17. wurde der „größte Jude der letzten tausend Jahre“ wie selbstverständlich zum Präsidenten des Provisorischen Staatsrates ernannt – ehe ihn am 16. Februar 1949 die Konstituierende Versammlung zum ersten Staatspräsidenten Israels wählte. Er blieb es bis zu seinem Tod am 9. November 1952 (wieder ein 9. November!). Beigesetzt in seinem Garten in Rechovot ist sein Grab heute Teil des weltweit renommierten Weizmann-Instituts.

PS.: Von 1993 bis 2000 amtierte sein Neffe, Ezer Weizman, als 7. Staatspräsident Israels.

Von Knut Teske


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