Eine Reise wert: Das stark vergrößerte und umgestaltete Israel Museum in Jerusalem
Drei Jahre lang konnten nur das fast einen Hektar große Modell der Stadt Jerusalem aus der Zeit des Herodes und der markante Schrein des Buches mit den berühmten Schriftrollen aus Qumran besichtigt werden. Seit Sommer 2010 ist auch der Hauptteil des Museums wieder zugänglich. Hundert Millionen Dollar wurden ausgegeben. Die Ausstellungsfläche wurde verdoppelt. Von Außen ist das nicht zu sehen, denn die Architekten ließen tief in den Fels graben. So blieb der Charakter eines mediterranen Dorfes am Hang eines Hügels erhalten.
Vorbei die Zeit der ermüdenden Fülle, der wenig systematischen Anordnung der Objekte, der lieblosen Beschriftung, der bedrückenden, verstaubten Enge im Innern. In großen, hellen Räumen werden weniger, aber mit Bedacht ausgewählte Kulturschätze dargeboten. Die klare Unterscheidung in drei Sammlungsbereiche erleichtert dem Besucher die Schwerpunktbildung, vernachlässigt aber nicht die vielfältigen Berührungspunkte zwischen ihnen. Ihre Herausstellung ist Teil der neuen Gesamtkonzeption. Wie überhaupt die Hallen des Museums die Vielseitigkeit und gegenseitige Befruchtung der verschiedenen vorderasiatischen Völker und Kulturen eindrucksvoll illustrieren und ein einziges Aufbegehren gegen Ab- und Ausgrenzung darstellen.

Blick von der Carter Promenade auf den Eingangs-Pavillon des
renovierten Israel Museums mit der Plastik Cuni VI (1963) von David Smith im Vordergrund
Der umfangreiche Sammlungsbereich „Jewish Art and Life“ bietet erstaunliche Einblicke in die reiche religiöse und säkulare Kultur jüdischer Gemeinschaften weltweit, vom Mittelalter bis heute. Der Sammlungsbereich „Fine Arts“ reflektiert die weitreichende, interdisziplinäre Ausrichtung des Museums. Mit Werken aus allen Perioden und Weltgegenden, darunter auch der modernen israelischen Kunst, ist sie heute die umfassendste Kunstsammlung in Israel.
Die Vorzüge der Neugestaltung kommen im Sammlungsbereich „Archaeology“ besonders zur Geltung. Das Museum verfügt über den weltweit größten Bestand an archäologischen Funden aus der Region des antiken Israel (des „Landes“) und darüber hinaus viele Kulturzeugnisse aus angrenzenden Gebieten. Wir erinnern uns an das Gefühl der Überwältigung und Ohnmacht angesichts der Vielzahl der Objekte und des Mangels an Orientierungshilfen bei früheren Besuchen. Heute ist eine klare Linie zu erkennen. Gezeichnet wird eine Chronologie des Landes, von prähistorischen Zeiten bis zum Ende der osmanischen Herrschaft (1917).

Ost Ansicht des renovierten Israel Museums in der Dämmerung
Einzigartige und oft wunderschöne Stücke belegen das hohe künstlerische Niveau und die große historische Bedeutung der Völker des Landes. Darüber aufgeklärt wird man nicht nur durch die knappe, aber klare Einzelbeschriftung der Objekte, sondern vor allem auch durch ganz hervorragend formulierte, wissenschaftlich fundierte Schrifttafeln (in Hebräisch, Arabisch und Englisch), die jede der Sektionen einleiten und innerhalb dieser zusätzlich wichtige Einzelthemen erläutern.
Am Beginn dieser Zeitreise der materiellen Kultur steht ein Superlativ, das älteste Kunstwerk der Menschheit, eine weibliche Figur aus Vulkangestein, 233.000 Jahre alt, gefunden auf dem Golan. Eine wohl nicht jedem bekannte Nachricht ganz anderer Art ist, dass Vorfahren des anatomisch modernen Menschen (homo sapiens), aus Afrika kommend, schon im Land waren, als die Neandertaler aus Europa einwanderten – dort war es umgekehrt. In einer anderen Sektion wird das hohe zivilisatorische Niveau der vorisraelitischen, polytheistischen Kultur Kanaans, die in der Bibel nicht gut wegkommt, überzeugend dokumentiert.
Die Selbstverpflichtung des Museums zu strenger Wissenschaftlichkeit und sein Mut zum Fortschritt gehen auch aus der Art und Weise hervor, in der die Herkunft der Israeliten erklärt wird. Vor allem israelische Archäologen und Historiker haben in den letzten Jahren die These plausibel begründet, dass sich die Israeliten erstmals um 1200 v. u. Z. aus ethnisch zunächst heterogenen, sozial benachteiligten Randgruppen der kanaanäischen Stadtstaaten entwickelten, die sich in das weitgehend noch unbesiedelte westjordanische Bergland zurückgezogen hatten. Viele Forscher haben sich dieser Sichtweise inzwischen angeschlossen. Im Museumstext heißt es dann auch: „While the biblical story of the Exodus relates that the Israelites came from Egypt, many archaeologists believe that they actually originated in the Land“. Zu sehen sind die noch wenig kunstfertigen Keramiken dieser ersten, halbnomadisch lebenden Israeliten und ein Modell ihrer kleinen, einfachen Bergsiedlungen.
In einer anderen Wissenschaftsdebatte bleibt das Museum dagegen konservativ: Auch die Existenz des „vereinigten Königreichs“ unter David und Salomon im 10. Jh. v. u. Z. wird von denselben und anderen Archäologen inzwischen mit durchaus ernst zu nehmenden Argumenten in Frage gestellt. Ihnen zufolge handelt es sich um eine Rückprojektion der judäischen Könige des 8. und 7. Jh. v. u. Z., wie sie zu allen Zeiten und in allen Regionen zur Legitimation dynastischer Ansprüche vorkam. Das Museum konzediert, dass bisher keine archäologischen Belege für David und Salomon, auch nicht für dessen Tempel in Jerusalem, gefunden werden konnten. Es bleibt gleichwohl bei der biblischen Version und kann sich dabei auf ein weiteres Sensationsstück der Ausstellung beziehen, das Original einer Steininschrift aus dem 9. Jh. v. u. Z., das in Dan gefunden wurde. In ihr feiert Hazael, der König von Haram (Damaskus) seinen Sieg über Ahaziah, den König von Juda, „aus dem Hause David“.
In einem ebenfalls hochinteressanten Abschnitt geht es um die allmähliche Herausbildung des Glaubens an den e i n e n Gott (Monotheismus), die sich über viele Jahrhunderte erstreckte und in der Zeit des ersten Tempels, also vor dem babylonischen Exil, keineswegs schon abgeschlossen war. Aus dieser Periode stammen die Rekonstruktion des einzigen erhaltenen judäischen („heidnischen“) Heiligtums in Arad aus dem 8. Jh. v. u. Z. und eine Reihe von teilweise kunstvollen Kultgeräten, die der Verehrung der kanaanäischen Götter in einer Zeit dienten, in der kleinere Gruppen der Israeliten ihren Kult schon auf e i n e n Gott konzentriert hatten.
Geradezu atemberaubend sind in frühestem Hebräisch beschriebene Tonscherben mit Texten, die an Formulierungen in der Bibel erinnern und die Namen biblischer Personen enthalten, aus dem 8. bis 6. Jh. v. u. Z. , d. h. viele Jahrhunderte vor Qumran.
Mit großer Sorgfalt und Achtung werden auch Belege für den Einfluss anderer Kulturen auf die israelitisch-jüdische Entwicklung gezeigt, beginnend im 8. Jh. v. u. Z. mit der assyrischen, gefolgt von der ägyptischen, babylonischen, persischen und schließlich, mit Alexander, der makedonisch-hellenistischen Kultur, gegen die sich der Makkabäer-Aufstand richtete. Der Auseinandersetzung mit den Römern um die Zeitenwende, der sich anschließenden byzantinischen, christlichen und schließlich islamischen Periode sind ebenfalls größere, sehr informative Abschnitte gewidmet. Die gesamtkulturelle Perspektive und der Anspruch der Ausstellung, Brücken zu bauen, wird auch in der Abteilung „The Holy Land“ deutlich: In einem Raum stehen nebeneinander die Überreste einer Synagoge, einer Kirche und einer Moschee.
Wer die in Vorderasien liegenden Ursprünge und Einflussfaktoren unserer Kultur umfassender kennenlernen und besser verstehen möchte, für den dürfte das stark vergrößerte und neu gestaltete Israel Museum die ergiebigste Anlaufstelle weltweit sein.
Manfred K. Nagler
Fotos Timothy Hursley
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