Body without Body
Körperbilder in der zeitgenössischen israelischen Skulptur
Georg-Kolbe-Museum, Berlin 27. November 2011 bis 19. Februar 2012
Das von dem israelischen Künstler und Kurator Liav Kizrahi entwickelte Ausstellungskonzept bezieht sich auf den historischen und topographischen Kontext des Georg-Kolbe-Museums. Die Institution im Berliner Westend nahe des Olympiastadions ist sowohl durch ihre Sammlung als auch durch die Person Georg Kolbes (1877-1947) im besonderen Maße von der figürlichen Bildhauertradition Deutschlands geprägt. Gegen die „Fetischisierung des Körpers“, so Liav Mizrahi, in der deutschen Kunst der 1920er bis 1940er Jahre zeigen nun dort zeitgenössische israelische Künstler eine äußert gebrochene, gleichsam unsichtbare Vision des Körpers. Die Ausstellung „Body without Body“ lenkt die Aufmerksamkeit auf abstrakte Skulpturen, die vom Körper oder von den mit ihm verbundenen Gegenständen inspiriert wurden. Manchmal erscheint der Körper als Fragment, manchmal verschwindet er ganz.

Blick auf die Installationen im Georg-Kolbe-Museum,
im Vordergrund eine Arbeit der Künstlerin Varda Getzow
Beispielsweise im Werk von Avital Cnaani (*1978) aus Tel Aviv. „Tamar“, so der Titel ihrer Arbeit in der Ausstellung, ist sowohl ein in Israel gebräuchlicher weiblicher Vorname, wie er durch die Bibel überliefert ist, als auch die hebräische Bezeichnung für Dattel und Dattelpalme. In der durch diesen Titel aufgeworfenen Uneindeutigkeit von pflanzlichen und menschlichen Assoziationen hat Avital Cnaani ein Gebilde aus scharfkantigen Furnierplatten geschaffen, das in der Tradition der Minimal Art steht, aber von einer bis an die Grenze zur Figürlichkeit gesteigerten poetischen Ebene bereichert ist. Oder die Installation von Varda Getzow, einer größtenteils in Berlin lebenden israelischen Künstlerin, mit dem Titel „Tel“. Die Künstlerin verwendet Damenstrumpfhosen in Form einer gewaltigen Schichtung, deren Landschaftsbezug durch die unterschiedlichen Braun- und Grautöne visualisiert wird. Mit „Tel“ wird im Hebräischen ein besiedelter Hügel bzw. eine archäologische Erhebung genannt. Textilien sind für Varda Getzow ein ephemeres Speichermedium, das sich durch den Kontakt zum menschlichen Körper auflädt und dabei die Wärme, den Geruch und auch die Form des umhüllten Leibes aufnimmt. Varda Getzow verdichtete das Material zu einem gleichsam tellurischen Gebilde, das die an manchen Stellen noch sichtbare Stützkonstruktion aus Möbeln und anderen Gegenständen regelrecht unter sich begräbt. In dieser anonymisierten Masse sind Assoziationen an die Kleiderberge von Auschwitz kaum zu verdrängen.

Gil Yefman, Medusa
Ariel Schlesinger wiederum, der nach einem längern Berlin-Aufenthalt nun in New York lebt, transformiert Alltagsgegenstände zu seltsamen, anrührenden, mitunter surrealen Objekten. Dabei geht es ihm nicht allein um eine Kontextveränderung in der Tradition des Ready Mades, sondern um eine Übersetzung der Dinge des täglichen Gebrauchs durch intelligente Sabotageakte. Ariel Schlesinger ist ein hintergründiger Flaneur und Tüftler, der einen mitreißenden Blick für Nebensächlichkeiten entwickelt hat. Man merkt den Objekten den Aufwand und die Sorgfalt nicht an, mit denen der Künstler sie geschaffen hat. Die beiden sanft gebogenen Neonröhren bei „ Ohne Titel (Neon)“ von 2007 formen sich zu einer geradezu menschlichen Geste der Intimität ohne ihren Dingcharakter einzubüßen. Schließlich sei noch die Strick-Kunst Gil Yefmans als Beispiel angeführt. Sie ist Ausdruck einer tiefgehenden Beschäftigung mit Fragen der Transsexualität und Geschlechteridentität. Das in mühevoller Handarbeit geknüpfte Material bildet in seiner textilen Weichheit und Flexibilität einen Filter gegenüber den zum Teil viszeralen Themen, die sowohl körperlich als auch psychisch verschränkt sind. Die große Hängeskulptur „Medusa“ zeigt einen quallenartigen Organismus, dessen Körper aus einer Ansammlung von milchtropfenden Brüsten besteht, wie sie in der antiken Ikonographie auch von Artemis-Statuen überliefert ist. Die schwarz-weißen Streifen markieren, wie auch bei anderen Arbeiten des Künstlers, einen Verweis auf Gefängniskleidung bzw. die Eingesperrtheit im eigenen Körper.
Die junge israelische Kunst, deren Protagonisten zur dritten Generation nach der Gründung des Staates Israel um 1948 gehören, weist praktisch keine figurative Bildhauerei auf. Die vorherrschende Abstraktion des Körpers könnte zusammen hängen mit dem biblischen Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Doch gleichzeitig offenbaren diese ungreifbaren Körperbilder, wie sie in der Ausstellung „Body without Body“ zu sehen sind, aktuelle Kriegserfahrungen dieser Generation sowie den Nachhall der Shoa. Der Körper ist in diesem Sinn ein sich erinnerndes Organ, es ruft globale und lokale, private und kollektive Ereignisse ins Gedächtnis. Die Ausstellung eröffnet einen Raum für diese miteinander verschlungenen Körperbilder.
Marc Wellmann, November 2011
Fotos Marcus Schneider, Berlin, 2011
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