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Integration durch Literatur?

In „zersplitterten Gesellschaften“ kann die Literatur als „synthetisierende Kraft dienen,“ sagte der deutsche Journalist und Literaturwissenschaftler Hubert Winkel anlässlich der israelischen Kulturtage 2011 in Tel Aviv, und der Leiter des Tel Aviver Goethe-Instituts, Klaus Krischok, wollte „herausfinden, ob die Parallelwelten in Deutschland und Israel sich nicht doch an irgendeinem Punkt treffen.“ Parallelwelten sind immer ein spannendes Gebiet für die Literatur – und es gibt im deutschsprachigen Raum wie in Israel viele von ihnen. Natürlich erfahren wir aus Erzählungen und literarischen Texten besonders viel über die anderen. Denn Dichtung verdichtet das, was am Menschlichen allen verständlich ist, und bringt in ihren Schilderungen von kleinen und großen Begebenheiten die Gedanken- und Gefühlwelten der Menschen in eine Verbindung mit den kleinen Dingen des Alltags. Als besonders schönes Beispiel solcher literarischer Berührung mit fremden Parallelwelten, die plötzlich ganz vertraut wirken, ist mir der erste Krimi von Batya Gur in Erinnerung: „Denn am Sabbat sollst du ruhen.“ Ich las ihn in deutscher Übersetzung, hatte aber schon etwas von der deutschsprachigen Jerusalemer Parallelwelt kennenlernen dürfen. Ein psychoanalytisches Institut mitten in Westjerusalem als Schauplatz eines Krimis, das war was. Nicht nur diese Atmosphäre zwischen Menschen, die andauernd extrem genau auf die eigenen und fremden Gefühle achten, ihre Ränkespiele und Eifersüchteleien untereinander und unter dem Brennglas jener deutschjüdischsten aller Theorien. Ich sah den alten Direktor mit dem schönen Namen Hildesheimer vor mir ebenso wie seine deutsch-dauergewellte Frau, die mitten in der finalen Unterredung mit dem Polizeiinspektor ihren Kopf durch die Tür streckt und „vorwurfsvoll etwas in deutscher Sprache“ fragt.

Diese Parallelwelt hat sich wie alle anderen hier und dort in den mehr als 20 Jahren seit der Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung dieses Krimis natürlich weiter entwickelt. Die alten Einwanderer, die sich untereinander noch auf Deutsch unterhielten, werden weniger. Russisch wird man in den Straßen israelischer Städte sehr viel öfter hören als deutsch – und dafür gerate ich in Berlins Straßen immer öfter in Versuchung, mich in hebräisch geführte Gespräche einzumischen. Ich könnte ihnen doch erzählen, wie begeistert meine Töchter David Grossmanns „Wohin du mich führst“ gelesen haben oder fragen, ob sie mir nicht einen guten israelischen Roman empfehlen können, in dem das Berliner Leben aus der Sicht eines jungen Israelis geschildert wird.

Aber die literarischen Parallelwelten und ihre Berührungen sind natürlich meistens komplizierter. Meinen ersten Roman von Zeruya Shalev bekam ich von einer Freundin geschenkt, die selbst viele Jahre in Teheran gelebt hatte. Begeistert hat uns beide der Mut, mit dem diese Schriftstellerin sich zu recht an die Weltspitze geschrieben hat. Und über dieses Buch hatten wir hier in Berlin die besten Gespräche. So soll es sein: Literatur ist Literatur. Sie bringt Gedanken in Bewegung und stellt uns Menschen in einer bestimmten Welt vor Augen. Menschen, die fühlen und handeln wie wir, aber Sachen erleben, denen wir lieber nur lesend folgen. Das Schöne an der israelischen Literatur ist, dass sie eben Literatur ist: Oft großartig und Weltklasse. Wehe dem, der sie einem zu kurz gedachten Zweck unterstellt. Was sie zur Integration von Parallelwelten leisten kann, leistet sie besser, wenn man sie einfach machen lässt. Und das heißt, indem man einfach liest und auf sich wirken lässt.

Dr. Gesine Palmer

 
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