Ansichten des israelischen Gegenwartskinos
Beschreibungen eines Landes
Anfang der 60er Jahre besuchte der Filmemacher Chris Marker Israel und brachte von dort den Film Beschreibung eines Kampfes mit, der den Alltag des jungen Staates spiegelte. Der Film wurde 1961 auf der Berlinale gezeigt und gewann einen Silbernen Bären; nicht nur eine Auszeichnung für den französischen Regisseur aus dem Umfeld der Nouvelle Vague, sondern auch für das junge Filmland Israel, das zu diesem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen steckte. Heute ist die Urkunde der Filmfestspiele im Eingangsbereich der Cinematheque in Jerusalem zu bewundern.
Seit den Tagen von Markers Film hat sich vieles verändert. Israels „Kampf“ war erfolgreich. Der junge Staat feierte vor einigen Jahren sein 60jähriges Bestehen. Und aus dem kleinen Filmland ist eine der innovativsten Filmproduktionsstätten im Nahen Osten geworden. Kaum ein internationales Filmfestival, das keine israelischen Beiträge im Programm hätte. In den letzten Jahren wurden israelische Filmemacher immer wieder für begehrte Preise nominiert oder ausgezeichnet. Mit Beaufort, Waltz with Bashir und Ajami war Israel in den letzten Jahren gleich drei Mal im Rennen um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film vertreten. Dieses Jahr gewannen die Filme Hashoter und Restoration Preise auf den Filmfestivals in Locarno und Karlovy Vary.
Dieser Erfolg kam keineswegs überraschend. Er gründet auf mehreren günstigen Entwicklungen der letzten Jahre. Renommierte Filmschulen wie die Sam Spiegel Filmschool in Jerusalem, die Filmabteilung des Saphir College in Sderot oder die Filmstudiengänge an der Tel Aviv University haben in den letzten Jahrzehnten zahlreiche der heute erfolgreichen Filmemacher ausgebildet. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren die staatlichen Filmförderungsinstitutionen ausgebaut wurden. Außerdem ermöglicht die Vielschichtigkeit der in israelischen Filmen erzählten Geschichten immer wieder Anknüpfungspunkte für internationale Koproduktionen.
Vier thematische Schwerpunkte lassen sich derzeit im israelischen Kino ausmachen. Neben Filmen, die um die Auswirkungen des Nahostkonflikts kreisen und solchen, die sich mit den Spuren der Vergangenheit, besonders dem Holocaust, beschäftigen, thematisieren vermehrt Filme Fragen des religiösen Lebens oder versuchen, den israelischen Alltag und dabei insbesondere die Familie in den Blick zu nehmen.
Um sich von medial zirkulierenden Klischees abzusetzen, haben sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr Filmemacher Geschichten aus dem Alltag zugewendet, in denen der sonst omnipräsente Nahostkonflikt keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt. Broken Wings von Nir Berman, der die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Kinder in Haifa erzählt, war ein solcher Blick hinter die stereotype Wahrnehmung des Landes. In diesem und vielen nachfolgenden Filmen zeigte sich eine besondere Art des Erzählens. Fast beiläufig, immer nah an den Geschichten der Protagonisten und oft episodisch strukturiert, wird die Komplexität der israelischen Gesellschaft erzählbar. Soziale und familiäre Konflikte, die wechselhafte Geschichte des Landes, alte und neue Identitäten tauchen in diesen Filmen auf, ohne auf eine eindeutige Beschreibung hinauszulaufen.
So spielt auch in dem aktuellen Film Hashoter der Konflikt mit den Palästinensern nur am Rande eine Rolle, obwohl der Protagonist Mitglied einer für die Terrorbekämpfung ausgebildeten Spezialeinheit der Polizei ist. Aber entgegen der daraus erwachsenen Erwartungshaltung geht es um Freundschaft und Familie, um Herausforderungen, die aus Krankheit und Schwangerschaft resultieren, bis der Film sich schließlich unerwartet um 180 Grad dreht und eine Gruppe junger Politaktivisten in den Fokus rückt, die mit einer Gewalttat die Aufmerksamkeit auf soziale Ungerechtigkeiten im jüdischen Staat lenken will. Kurz vor Beginn der Zeltproteste auf dem Rothschild Boulevard in Tel Aviv kam dem Film damit eine fast prophetische Dimension zu. Auf jeden Fall zeigt er, dass das israelische Gegenwartskino mit Erwartungen zu spielen weiß und für überraschende Wendungen gut ist.
Im Vordergrund vieler Produktionen aus diesem Jahr stehen schwierige Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen, Eltern und Kindern. Die Filme stellen dabei die Frage, welche Bedeutung dem Erbe zukommt, das die Gründergeneration ihren Kindern und Enkeln hinterlassen hat. Beautiful Valley erzählt beispielsweise die Geschichte der Rentnerin Hannah, die in dem Kibbuz, den sie mit begründet hatte, aufs Altenteil geschoben wird, während ihre früheren Träume und Visionen den neuen Anforderungen der Realität preisgegeben werden. Und Restoration fasst den Konflikt zwischen alter und junger Generation in das Bild einer Restaurationswerkstatt in Jerusalem, in der eine andere Zeit zu gelten scheint, als in der übrigen, geschäftigen Welt.
Eindrucksvoll bringt auch Josef Cedar das Thema in seinem Film Footnote zur Darstellung. Über Jahrzehnte wurde der Professor für Talmudstudien Eliezer Shkolnik bei der Vergabe des renommierten Israelpreises übergangen. Als er nun endlich ausgezeichnet werden soll, unterbreitet die Kommission seinem Sohn Uriel, dass der Preis eigentlich für ihn bestimmt gewesen sei. Uriel muss sich nun entscheiden, ob er seinem Vater diese Enttäuschung zumutet oder zu dessen Gunsten auf die Ehrung verzichtet. Regisseur Cedar erzählt in seinem Film witzig und modern eine Vater-Sohn-Geschichte, die gleichzeitig Fragen der Tradition und Vermittlung aufwirft und in der besonderen Erzählstruktur des Films reflektiert.
In diesem und den anderen Filmen zeigt sich, dass das israelische Gegenwartskino längst international mithalten kann. Dabei sind es gerade die tiefen und konfliktreichen Geschichten und die Nähe zu den sehr menschlichen Charakteren, die auch Zuschauer in anderen Teilen der Welt ansprechen.
Tobias Ebbrecht
Tobias Ebbrecht ist Medienwissenschaftler an der Bauhaus-Universität
Weimar und hat zuletzt das Buch „Geschichtsbilder im medialen
Gedächtnis. Filmische Narrationen der Shoah“ veröffentlicht.
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