Ariel Scharon
Sein Leben war so kraftvoll wie seine Erscheinung. Untersetzt war er und doch nicht klein: bullig. Die einen nannten ihn daher einen „Bulldozer“, einen „rechten“ natürlich, die anderen sahen in ihm „Ariel, den König von Israel“. Beide Seiten lagen vermutlich bei der Beurteilung Ariel Scharons nicht falsch. Am Ambivalenten seiner Persönlichkeit schieden sich die Geister; die Gradlinigkeit seines Wesens vereinigte sie wieder. Er war unbestritten ein israelischer Patriot - „Bulldozer“ im Durchsetzen seiner Überzeugungen einerseits, deren Unbedingtheit Liberale verunsicherte, obwohl seine Absichten und Ziele keineswegs nur „rechts“ waren. Andererseits war er mit gleicher Kraft auch „Vater aller Schwachen“, die nichts als Israel besaßen, nichts als diesen Staat im Rücken hatten.
Das Kraftvolle seines Lebens dauerte 78 Jahre – vom 27. Februar 1928 bis zum 4. Januar 2006. An diesem Tag raffte ihn während seiner Amtszeit eine Serie von Schlaganfällen dahin; seither liegt der ehemalige Premierminister im Koma – jetzt zu Hause auf seiner Farm in der Negev-Wüste, die er so liebte.
Ariel Scharon ist ein Kind seiner Zeit mit der für einen begabten Soldaten typischen Laufbahn: Im britischen Mandatsgebiet Palästina geboren, prügelte er sich früh mit arabischen Altersgenossen. Mit 14 Jahren schloss er sich 1942 der Haganah an und bekämpfte nun die britische Mandatsmacht, die ihm 15 Jahre später am College von Camberley den militärischen Feinschliff für die Generalstabslaufbahn verpasste. Da war Scharon schon ein Kriegsheld – als unerschrockener Truppenoffizier im Suez-Krieg von 1956 gefeiert, als Vorgesetzter zugleich auch umstritten, der zwar den militärisch entscheidenden Mitla-Pass genommen hatte, doch weil das angeblich eigenmächtig geschah, auch das Leben vieler Soldaten opferte.
Scharon hat sich diese Kritik nie zueigen gemacht, widerspricht sie doch seiner Überzeugung, „alles für Israel“, diametral. Das ist und bleibt der Ariadne-Faden seines Lebens, darin kongruent mit großen Teilen der israelischen Gesellschaft. Und so fällt es dem „ehrgeizigen, jungen Offizier“ (Shimon Peres) oder „kampferprobten Helden des Krieges von 1967“ (Lea Rabin) wie vielen Spitzenpolitikern seiner Generation nicht schwer, permanent zwischen Militär und Politik zu rochieren. 1973 „steigt“ er nach Querelen als Generalmajor aus der Armee aus und gründet im Anschluss mit dem Likud-Block gleich eine neue Partei.

Dieser erste Ausflug ins politische Privatleben dauert gerade drei Monate, dann ruft ihn die Armee wegen der Heimsuchung des Jom-Kippur-Kriegs mit Ägypten zurück. Und abermals hat sein offenbar eigenmächtiges Handeln Krieg ausschlaggebende Wirkung; diesmal überquert er früher als geplant den Suez-Kanal. Seit diesem mutigen Schachzug - allerdings wie gehabt, umstritten – avanciert er in der Bevölkerung zu „Ariel, dem König von Israel“. Folgerichtig zieht er im Dezember als Vertreter des Likud in die Knesset ein, verlässt das Parlament aber, wahrscheinlich als befehlsgewohnter Ex-General unzufrieden mit der Oppositionsrolle, bereits im Jahr drauf und zieht sich auf seine Farm in den Negev zurück.
1975 übernimmt er vorübergehend die Position des Sicherheitsberaters beim Premierminister Yizchak Rabin von der Arbeiterpartei – vorübergehend, weil Rabin ihn nach Kritik aus den eigenen Reihen zum schlichten Berater degradiert. Nichts für den stolzen, von sich und seiner Mission überzeugten Likud-Mann. Die Herabstufung ist eine Sache, sachliche Differenzen mit Rabin die andere. Scharon vertritt eine kompromisslosere Absicherung Israels.
Als Verteidigungsminister entwickelt er später für sich eine viel weiter gehende „strategische Vision“, wie Peres sie in seinen „Erinnerungen“ beschreibt. So sah Scharon sein Land als „Bollwerk gegen sowjetische Pläne zur kommunistischen Weltherrschaft“. Zu den Besprechungen sei er wie gewöhnlich, so auch am Vorabend zum Libanonkrieg, mit kolorierten Landkarten der gesamten Region gekommen, die es gegen den Kommunismus zu verteidigen galt: im Norden bis Pakistan und im Süden bis Uganda. Scharon – ein blinder Scharfmacher?
Nein, allerdings kompromisslos im Sichern seines Landes. Als Landwirtschaftsminister in der ersten Likud-Regierung unter Menachem Begin stand er an der Seite seines Chefs, was die damals beginnende Kooperation mit dem „Erzfeind“ Ägypten betraf, die in den sensationellen Freundschaftsvertrag mit dem Nilstaat mündete. Dafür sicherte er mit der Gründung israelischer Siedlungen im Westjordanland sein Land umso nachdrücklicher gegen palästinensische Übergriffe. Sein Ziel blieb es, das gesamte Westjordanland (Judäa und Samaria) oder wenigstens einen Großteil dessen durch permanente Erweiterung der Siedlungen zu annektieren. Das kann man als gelungen bezeichnen. Inzwischen hat diese Verfestigung israelischer Interessen in den palästinensischen Gebieten international den Rang politischer Unauflösbarkeit erhalten, was wiederum fortwährend neue Verfestigungsakte nach sich zieht, wie den 720 Kilometer langen Trennungszaun, mehr eine Wand, entlang der palästinensischen Demarkationslinie. Es hat weltweite Empörung ausgelöst, es hat aber auch die Zahl der Opfer durch Selbstmordattentate um 95 Prozent reduziert (was mehr ist als nur ein statistisches Zahlenspiel).
Dass Israel mit dieser Wand an manchen Stellen der Einfachheit halber zugleich eine Arrondierung seiner Flächen vorgenommen habe, bleibt ein ewig erhobener, allerdings schwer nachprüfbarer Vorwurf. Aus Recht oder aus Wut geboren?

Scharon erkannte als Außenminister im ersten „Kabinett Nethanyahu“ durchaus an – auch wenn er sich bei entsprechenden Friedensgesprächen im amerikanischen Wye River weigerte, Arafat die Hand zu geben – , dass sich aus der palästinensischen Autonomie früher oder später ein souveräner Staat entwickeln würde. Dass er nicht unbedingt den Eindruck förderte, dafür alles zu tun, was in seiner Macht gestanden hätte, erklärt sich für den Soldaten mit polnischen Wurzeln aus seinem unumstößlichen Axiom: Israel first.
Diesem Gebot unterwirft er seine Entscheidungen. Allemal die harten eines Krieges. So befiehlt er 1982 den Einmarsch in den Libanon. Eine, wie kaum anders zu erwarten, in der westlichen Welt umstrittene Maßnahme aus Furcht vor Reaktionen nicht nur aus dem arabischen Raum, vor allem von der Sowjetunion. 1982 herrschte tiefster Kalter Krieg und Moskau bestimmte im Libanon mit und unterstützte die PLO Arafats, was diese ermutigte, den Norden Israels nach Belieben zu beschießen. Scharon gelingt die Vertreibung der PLO aus dem Nachbarland, wenn auch nicht deren völlige Zerschlagung. In die Kritik gerät er vollends, als christliche Milizen unter den Augen israelischer Militärs in den palästinensischen Lagern Sabra und Shatila ein Blutbad anrichten. Sabra und Shatila markieren den Tiefstpunkt seiner Karriere. Im Jahr darauf, als eine Untersuchungskommission seine Mitschuld feststellt, demissioniert er als Verteidigungsminister, bleibt aber Minister ohne Geschäftsbereich. Also eine Art Urteil, zur Bewährung ausgesetzt. Diese nutzt er politisch, bleibt aber doch angeschlagen. Noch 1991 weigert sich die US-Regierung, ihn offiziell zu empfangen. Sein orthodoxer Kurs – Forderungen nach gründlichem Siedlungsausbau, sein Vorwurf an Rabin, „jüdische Siedler an die verbrecherische PLO auszuliefern“ – vereinsamt ihn international, stärkt aber im Lande seinen Heldenstatus. Er provoziert. Im September 2000 besucht er, mitten in der „Zweiten Intifada“, offiziell den Tempelberg, indem er auf sein jüdisches Recht pocht, sich hier ebenfalls aufhalten zu dürfen. Dieser Besuch, so berechtigt er gewesen sein mag, entflammte die Empörung noch einmal. Ein taktischer Besuch? 2001 verspricht er nämlich, den Terror zu beenden und gewinnt damit die Wahl. Er wird Ministerpräsident, lässt nach 1995 wieder palästinensische Städte besetzen, reduziert dadurch die Terrorakte tatsächlich signifikant, scheitert dennoch mit seiner Regierung, wird aber 2003 erneut inthronisiert, diesmal mit großer Mehrheit.
Ariel Scharon erlebt jetzt, 75-jährig, den Höhepunkt seiner Laufbahn. Ein langer, zäher, durchaus holpriger Weg nähert sich dem Ende. Der alte Herr hat dennoch Eindruck gemacht. Dem jungen Kriegshelden begegnete man mit Respekt, dem Sieger des Jom-Kippur-Krieges mit Heilserwartungen, dem altersbedingt gehbehinderten Staatsmann nun mit Ehrfurcht. Er hat manche Schlacht verloren, nach Sabra und Shatila sogar fast seinen Namen – und ist doch ungebrochen Kämpfer geblieben. Als er sich mit seinem Scharon-Plan zum einseitigen (!) Truppenabzug aus dem Gaza-Streifen bei der eigenen Partei nicht durchsetzen konnte, gründete er eine neue: die Kadima, „Vorwärts“. Nur diese Richtung war seine. Sie endete, als ihm das Schicksal im Januar 2006 die Führung aus der Hand nimmt.
Seit fast sechs Jahren liegt er nun im Koma, seit zwei Jahren im Wachkoma und soll inzwischen sogar die Besucher an seinem Bett registrieren. Mehr zu erwarten sei allerdings ausgeschlossen, sagt sein Arzt Shlomo Segev.
Das Kabinett, das ihn am 11. April 2006 für amtuntauglich erklärte, verpflichtete sich, für die horrenden Pflegekosten aufzukommen. Sie belaufen sich auf 320.000 Euro pro Jahr. Ein letzter Dank seines Landes.
von Knut Teske
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