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„Wir müssen uns vorwärtsbewegen“

Interview mit dem israelischen Tänzer und Choreografen Nir de Volff aus Berlin

R. Robbe: Lieber Nir, Du lebst und arbeitest jetzt schon seit einigen Jahren recht erfolgreich als Künstler in Berlin. Was war der Grund damals für den Umzug von Tel Aviv nach Berlin?

Nir de Volff: Vier Tage nachdem ich mit meinem Militärdienst fertig war, nahm ich einen Flug nach Berlin, um bei einer Audition für eine Tanzkompanie mitzumachen. Das war 1995, Berlin weit davon entfernt, ein aufregender Ort zu sein. Und dann war das erste, was ich nach meiner Landung in Schönefeld sah, nicht wirklich schön: da standen deutsche Polizisten mit deutschen Schäferhunden und einem Panzer, erwarteten die Passagiere, die aus dem Flugzeug kamen... Ich brauche wohl nicht zu erklären, wie ich mich fühlte! Ich wollte im Flugzeug bleiben und zurück nach Tel Aviv fliegen, ich war beunruhigt, konnte es nicht kontrollieren.
Aber nach ein paar Tagen fühlte ich mich frei, lief durch die Straßen ohne Angst, dass jemand sich in die Luft sprengen könnte, und überhaupt konnte man feststellen, dass Deutschland sich veränderte, sechs Jahre nach dem Mauerfall war vor allem Kultur ein wichtiger Wert.
Vier Jahre später passierte es dann, nachdem ich Gasttänzer in Wuppertal gewesen war, auf ihrer Israel-Tournee mit dem Stück "Viktor", das hat mein Leben verändert. Ich verließ Israel mit 5000 D-Mark und ohne zu wissen, ob und wann ich zurückkommen würde. Ich begann in Amsterdam. Da mein Großvater Niederländer ist, wollte ich versuchen den Kreis zu schließen, indem Jahre später sein Enkel an dem selben Ort leben und Kunst schaffen würde, von dem er fliehen musste. Nach drei Jahren, Ende 2003, sagte mir mein Bauch, dass ich zurück nach Berlin gehen sollte, „das ist der Ort, wo ich hingehöre!", es war ein starkes Gefühl.

R. Robbe: Kannst Du kurz beschreiben, was Du bisher in Deutschland gemacht hast, welche Stücke Du inszeniert oder in welchen Stücken Du mitgewirkt hast?

Nir de Volff: Als Tänzer arbeitete ich an der Schaubühne und an der Volksbühne. Die Liste meiner eigenen Choreographien ist sehr lang. Ich hatte die Ehre, als erster Künstler in der Geschichte der bekannten Synagoge in der Oranienstraße in Berlin-Mitte ein spezifisches Projekt für diesen Ort zu kreieren. Ich schuf die Choreographie für „La vida breve" an der bedeutenden Oper Frankfurt und und und...

R. Robbe: Viele Israelis fühlen sich sehr wohl in Berlin. Häufig hört man das Argument, insbesondere Tel Aviv sei ganz ähnlich wie Berlin. Kannst Du das bestätigen?

Nir de Volff: Der Grund, warum sich Israelis in Berlin wohl fühlen, ist vor allem, weil die Lebenshaltungskosten so niedrig sind und in Tel Aviv extrem hoch; Berlin ist eine ruhige und sichere Stadt. Aber ich denke, es ist sehr gewagt, zu behaupten, Tel Aviv sei ganz ähnlich wie Berlin!
Tel Aviv ist eine Stadt am Meer, Berlin ist kalt und urban. In Tel Aviv kann man nach 23 Uhr alles essen, in Berlin nur Döner Kebab. In Tel Aviv ist das Konzept, an öffentlichen Plätzen Schlange zu stehen, nicht üblich, in Berlin ist die Schlange völlig logisch. Berlin hat mehr als sieben geförderte Tanztheater, Tel Aviv hat ein Zentrum mit jahrelangem Monopol, das zweite ist privat. Ja, einige Dinge sind beiden Städten gemein: jeden Tag ist eine andere Party, es gibt jede Menge Drogen, viele Künstler, die nicht von ihrer Kunst leben können, viele interessante Künstler, in Berlin sind viele davon Nicht-Deutsche, in Tel Aviv sind sie alle Israelis.

Nir de Volff

R. Robbe: War es für Dich als israelischer Künstler schwierig, in Deutschland Tritt zu fassen. Wie wurdest Du aufgenommen und empfangen von Deinen Künstlerkollegen und vom Publikum? Spielte die deutsche Vergangenheit dabei irgendeine Rolle?

Nir de Volff: Das ist ein delikates Thema, im Allgemeinen ist das Publikum in Berlin recht offen, sie sind einer großen Menge Kunst ausgesetzt, also wenn eine Aufführung gut ist, läuft sie gut. Aber natürlich betrachten mich viele Leute, besonders auch das Gremium, das „TOTAL BRUTAL“ unterstützt, als politisches Bild; mein Stück „3SOME“ handelte von der gegenwärtigen Beziehung zwischen Deutschland und Israel, das hatte eine gute Portion schwarzen Humor und brach auf der Bühne viele Tabus. Besonders das deutsche Publikum, wo auch immer auf der Welt das Stück gespielt wurde, war erleichtert und begeistert von dem Stück, und zwar ohne Spieltherapie, wie man so sagt...
Aber es wird mehr als vierzig Jahre dauern, bis die Historie nicht mehr die Gefühle der Künstler überlagert, die in Deutschland arbeiten, und mir ist bewusst, dass ich ein Botschafter Deutschlands bin; manchmal setzt mich das unter Druck. Künstlerisch betrachtet handeln meine meisten Arbeiten überhaupt nicht von der deutsch-israelischen Beziehung, wie Wassermühlen werden wir immer wieder und wieder Stücke darüber machen, wir müssen uns vorwärtsbewegen, bereit sein, einander für die Gegenwart offen zu kritisieren, aber wir dürfen NIEMALS vergessen, wie wir zu dieser Gegenwart gekommen sind, damit sich Geschichte nicht wiederholt (wenn auch in anderer Form).

R. Robbe: Wie bewertest Du die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Israel und Deutschland. Gibt es aus Deiner Sicht ein Potential für mehr Initiativen in beiden Ländern?

Nir de Volff: Ich denke, dass jede Generation neue Tiefen und Gedanken in die Beziehung der beiden Länder einbringt; wenn ich mich umsehe, gibt es heute viele israelisch-deutsche Paare und Berlin ist voll von israelischen Touristen und Leuten, die hierherziehen; manchmal, wenn ich an den Strand von Tel Aviv gehe, höre ich so viel deutsch und dann lächle ich für mich... Wer hätte das noch vor zwanzig Jahren gedacht, dass so viele Menschen ihre emotionale Mauer und den tiefen historischen Riss zwischen den beiden Ländern überwinden.
Ja, in Zukunft wird es mehr und mehr Aktivitäten und Kulturaustausch geben. Jetzt ist das alles noch frisch, und ich habe keine Zweifel, dass es weiter wachsen wird. Ich selbst bin sehr darauf erpicht, Kooperationen zwischen den beiden Ländern zu machen, und meine Erfahrungen und Kenntnisse einzubringen, die ich im Laufe der Jahre gesammelt habe. Ich habe auch konkrete Ideen dafür.

R. Robbe: Welchen Eindruck hast Du von den Deutschen mit Blick auf ihr Verhältnis zu Israel und den hier in Deutschland lebenden Israelis?

Nir de Volff: Kunst ist ein universelles Werkzeug, das die Lücke überbrücken kann zwischen Vergangenheit und Gegenwart; ein Werkzeug, das den Weg in die Zukunft weist. Wie bei allem: es hängt davon ab, wie man das Werkzeug benutzt.
Ich mische in meiner Arbeit Ernstes und Humor, einen Humor, der Gehalt und Vernunft hat, ich breche Tabus und habe keine Angst, "politically incorrect" zu sein. Wenn das Publikum lacht, entsteht ein gemeinsames Feld mit Denkanstößen.
Ich glaube, dass dies zu Veränderung und Verbesserung führt; wenn ich sehe, dass Zuschauer wiederkommen, weiß ich, dass sie mehr sehen wollen und dass sie nicht nur ein einmaliges Erlebnis hatten: es entwickelt sich ein Dialog.

(Mit dem Künstler sprach Reinhold Robbe)

 
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