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Wo samstags immer Sonntag ist:
Ein deutscher Student in Israel

Lesung mit Markus Flohr

Hamburg: Am 6. September 2011 lud die DIG Hamburg im Rahmen des Europäischen Tags der jüdischen Kultur zur Lesung von Markus Flohr „Wo samstags immer Sonntag ist“ ein. Der Autor hat über ein Jahr in Israel gelebt und seine Erfahrungen als Buch herausgebracht. Rund 60 Zuhörer durften sich auf einen unterhaltsamen Abend in der Talmud Tora Schule freuen, auf dem aber auch ernste Zwischentöne nicht fehlten.

Nach Eingangsworten von der Vorsitzenden der DIG Hamburg, Heike Grunewald, und Florence Franzen, die Mitglied im Jungen Forum der DIG Hamburg ist und selber lange in Israel gelebt hat, las Autor Markus Flohr Auszüge aus fünf Kapiteln seines Buches vor. Flohr, 1980 als Sohn eines Pastors in Hannover geboren, hat Geschichte in Hamburg und Jerusalem studiert.

„Wenn ich Jude wäre, hätte ich genug von den Deutschen“

Der erste Abschnitt stammt aus dem Kapitel „Scherut“ und handelt von seiner Ankunft in Israel und seiner Fahrt in einem Scherut, einem Großraumtaxi, nach Jerusalem. Schon diese erste Taxifahrt stellt den Hamburger Pfarrerssohn vor ungeahnte Fragen. Denn neben ihm sitzt Friedrich, ebenfalls ein Deutscher, der bereits seit einem Jahr in Israel wohnt, in einem Krankenhaus arbeitet und seine ganz eigenen Ansichten zu deutschen Israel-Besuchern hat: „Die Frage ist, warum man überhaupt nach Israel fährt (…) Es kommen viele, die glauben, es sei edel von ihnen, nach Israel zu fahren. Weil sie den Juden helfen wollen. Oder den Palästinensern. Oder den Christen. Auf jeden Fall helfen und versöhnen. (…) Jetzt kommst Du hierher, in das Land der Menschen, die unsere Großväter nicht erwischt haben.“ Und obwohl Friedrich Deutsche normalerweise meidet, will er von Markus Flohr wissen, warum er nach Israel gekommen sei. Mit der kurzen und knappen Antwort „zum Studieren“ gibt sich der Sitznachbar nicht zufrieden. Seiner Meinung nach habe jeder zwei Gründe, warum er nach Israel komme. Einen, den er zugäbe und einen, den er verschweige.

Das nächste Kapitel „Koscher wohnen“ handelt von Flohrs WG, in der sich alle an die Speisegesetze Kaschrut halten. Flohr lernt im Zusammenleben mit seinen durchaus sehr unterschiedlichen Mitbewohnern, die Küche koscher zu halten. Am Anfang wird er immer von der Angst begleitet, alles zu „entkoschern“ und seinen religiösen Mitbewohner in eine Krise mit Gott zu stürzen. Der Autor trägt humorvoll vor, wie er lernt, mit politischen Ansichten und auch mit Nazi-Witzen umzugehen.

Amüsantes und Leichtes kommt an diesem Abend ebenfalls nicht zu kurz. In dem Kapitel „A little bit lucky“ spricht er von Fußball, von Lothar Matthäus als Trainer von Maccabi Nethanya – dessen Fußball-Philosophie auf Englisch Flohr grandios nachahmt. Das Publikum ist begeistert und applaudiert. Flohr richtet die Frage an die Anwesenden, ob sie einen israelischen Spieler in der Bundesliga kennen. Für eine richtige Antwort würde er eines seiner Bücher spendieren – doch die Fußballkenner scheinen an diesem Abend nicht dabei zu sein, denn keiner weiß einen Namen.

Großartig sind auch die folgenden Schilderungen des Oktoberfest-Besuchs bei Ramallah. Die Brauerei von Taybeh braut Bier nach deutschem Reinheitsgebot und veranstaltet jährlich ein Fest nach dem Münchner Vorbild. Obwohl nicht ungefährlich, wird er von einem seiner jüdischen Mitbewohner begleitet. Denn sie müssen auf die palästinensische Seite der Mauer, wo zum Erstaunen des Autors keine eingehende Kontrolle stattfindet. Auch hier gelingt es Flohr, die Vorurteile der Palästinenser gegenüber den Israelis und auch Deutschen amüsant zu beschreiben. Wie das Taybeh-Bier geschmeckt habe, wollen die Zuhörer wissen. „Süß. Ehrlich gesagt, fürchterlich toll war es nicht“, so Flohr.

„15 Sekunden“

Der Autor spricht immer wieder auch heikle Themen an: Das Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis, Nazi-Witze, Mauerbau, seine Beziehung zu israelischen Frauen (einer im Besonderen), Geheimdienst und auch Gazakrieg. Wie z.B. in dem Kapitel „15 Sekunden“ in dem er beschreibt, wie er mit seiner israelischen Freundin Noa in den Gaza-Streifen fährt, um ihre Oma nach Raketenangriffen der Hamas aus der Sperrzone zu holen. Wie sie ihm unterwegs erklärt, dass man bei der Durchsage „Tzewa adom, tzewa adom“ nur noch 15 Sekunden Zeit hätte, einen Schutzraum aufzusuchen. Der erste Alarm lässt nicht lange auf sich warten und Flohr realisiert, wie nah Krieg und Tod sind.

In jedem Satz merkt der Zuhörer, dass Flohr sehr fein beobachtet und genau beschreibt, ohne aber den moralischen Zeigefinger zu erheben. Das Bild von Israel ist herzlich, komisch, sympathisch, absurd und traurig zugleich. Auf die Frage des Publikums, wie er sich in Israel eingelebt habe, antwortet der Autor, dass ihm Israel aus den Erzählungen anderer westlicher vorkam. Andererseits aber habe es auch vieles gegeben, woran er anknüpfen konnte, wie z.B. Fußballspielen, Partys, Konzerte. Abschließend erzählt Florence Franzen, warum ihr das Buch so gut gefallen habe und bringt es auf die kurze, treffende Formel: „Dieses Buch kennt keine Tabus.“

Keine Frage, dieser Abend hat alle Zuhörer bestens unterhalten, aber auch nachdenklich gestimmt. Genau das ist die Kunst des Autors, die sich durch sein Erstlingswerk zieht. Und das ist es auch, was Lust auf die Lektüre des gesamten Buchs macht. Heike Grunewald schließt mit dem Dank an den Autoren und fragt, ob es ein weiteres Buch geben werde. Die Antwort Flohrs: „Ein zweites Buch sehr gerne, aber ein zweites Buch über Israel eher nicht.“ Schade. Genug Stoff dafür hätte er sicher.

Melanie Kiel

Markus Flohr
Wo samstags immer Sonntag ist: Ein deutscher Student in Israel
256 Seiten erschienen bei Kindler

 
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