Festakt zur Feier "30 Jahre deutschsprachiger Schriftstellerverband in Israel" am 23. 3. 2005 in Tel Aviv
In seiner Eröffnungsansprache wendete sich der amtierende Vorsitzende, Josef Norbert Rudel, an das zahlreich
erschienene Publikum im vollbesetzten Saal des Goethe Instituts in Tel Aviv mit den Worten "Liebe Schmierfinken".
Damit erzeugte er über das Feierliche des Anlasses hinaus eine herzliche und persönliche Grundstimmung, die die gut
zweistündige Veranstaltung bis zum Ende trug. Herr Rudel stellte im folgenden die Verbindung zwischen dem 30-jährigen
Jubiläum des "Verbands deutschsprachiger Schriftsteller in Israel" mit dem zeitgleichen Jubiläum "40 Jahre
diplomatische Beziehungen Deutschland - Israel" her, das im Jahr 2005 mit zahlreichen Veranstaltungen in
beiden Ländern gefeiert wird. Er dankte in diesem Zusammenhang den Repräsentantinnen der deutschen Botschaft
in Tel Aviv, der Leiterin der Kulturabteilung, Sybille Katharina Sorg, und Sonja Gebauer für die volle
Unterstützung der Botschaft, die zu dieser Feier mit anschließendem Empfang eingeladen hatte, sowie dem
Leiter des Goethe Instituts, Hans-Jürgen Nagel, für die Bereitstellung der Räumlichkeiten. Ein weiterer Dank
erging an Christine Hasenclever-Zbeida, selbst Lyrikerin und jüngstes Verbandsmitglied, für ihren engagierten
Einsatz bei der Organisation und Moderation dieses Abends. In einem kurzen Begrüßungswort sprach Frau Sorg
bezüglich der zeitgleichen Jubiläumsfeiern von einer "Brücke der Verständigung".
Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Birgitta Hamann gab in ihrem Festvortrag "Die Bedeutung der deutschen
Sprache in der Geschichte des deutschsprachigen Schriftstellerverbandes in Israel" einen Überblick über die
Geschichte des Verbandes, beschrieb die Probleme der deutsch jüdischen Schriftstellerinnen des 20. Jh. in
Palästina/Israel und besprach ihre Literatur.
Am 24.3.75 gründete der Journalist und Schriftsteller Meir Färber den deutschsprachigen Schriftstellerverband.
Die Professorin für Germanistik, Margarita Pazi, übernahm ab 1993 den Vorsitz. Die dritte und letzte Phase
wurde durch den Journalisten und Schriftsteller Josef Norbert Rudel, einen gebürtigen Bukowiner, geprägt.
Jeder Vorsitzende drückte dem Verband seinen eigenen Stempel auf. Als wichtigstes Medium im deutschen Sprachraum
erwiesen sich die sechs vom Verband herausgegebenen Anthologien. Weitere Publikationsorgane sind verschiedene
deutsche Verlage wie der Bleicher Verlag Gerlingen, der Herder Verlag Freiburg, der Boesche Verlag Berlin sowie
der Oberbaum Verlag Berlin. Für die Lyrikgruppe "Lyris" publiziert die Leiterin, Dr. Eva Avi Yonah, im Selbstverlag.
Ein weiteres Forum bietet die deutschsprachige Zeitung "Israel Nachrichten" unter der Leitung der Chefredakteurin
Alice Schwarz Gardos. Die Zahl der Mitglieder betrug über die Jahre hinweg insgesamt ca. 93 Mitglieder.
Heute hat sich die Zahl der Schreibenden auf 10 14 reduziert. Einen umfassenden Überblick kann man
gewinnen durch die 2005 im Boesche Verlag erschienene ausführliche Dokumentation "Nicht das letzte Wort"
von Dr. Tilly Boesche Zacharow.
Eindringlich beschrieb Brigitta Hamann das Problem deutschsprachiger Einwanderer der 5. Aliyah in den
dreißiger Jahren als ein Problem der Sprache. Des Neuhebräischen überwiegend unkundig, fehlte es
einerseits an Verständigungsmöglichkeiten mit der neuen Kultur im neuen Land Palästina. Andererseits:
je mehr Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre an Informationen über das Kriegsgeschehen und die systematische
Vernichtung des europäischen Judentums durch die Nationalsozialisten bekannt wurde, um so mehr war alles Deutsche
verpönt und die deutsche Sprache erfuhr eine Ächtung. Eindrucksvoll verdeutlichte Brigitta Hamann den inneren
Zwiespalt der Immigranten, für die die deutsche Sprache zugleich Mutter bzw. Bildungs und Kultursprache als
auch die Sprache der nationalsozialistischen Mörder war. Dass für die Schriftsteller die deutsche Sprache zum
Ausdruck äußerster Zerrissenheit wurde, leuchtet unmittelbar ein, und es erstaunt nicht, dass manche sich
auf's Englische verlegten, manche sich selbst im Hebräischen versuchten und einige sogar in lähmende
Sprachlosigkeit verfielen.
Im Folgenden besprach Brigitta Hamann die Literatur der deutschsprachigen Schriftsteller und Schriftstellerinnen,
in der die literarischen Gattungen Lyrik und Prosa vorherrschten. In der Prosa überwiege die Form des Romans
sowie die autobiographische Literatur. Hauptbezugspunkte in beiden Gattungen seien "das Erlebnis Auschwitz"
und "die Gewissheit der Identität". Dr. Hamann sprach in diesem Zusammenhang unter Berufung auf den deutschen
Literaturwissenschaftler an der Hebräischen Universität in Jerusalem J. Nieraad von einer Bewältigungs und
Selbstvergewisserungsliteratur. Insbesondere in der Lyrik falle die Jerusalem Konzentrierung auf.
Die vielfältigen Jerusalemlieder seien gleichsam Sinnbild und Rückgrat für die geistig kulturelle
Aneignung der alt neuen Heimat Palästina/Israel. Sprache und Form der Prosawerke und Gedichte
bleiben überwiegend traditionell/konservativ. Die Referentin konstatierte, dass den Autoren
weitestgehend Inhalt vor Form gehe, wies als Erklärung aber auch auf das Moment der Entwurzelung und
des Abgeschnittenseins vom deutschen Kulturraum hin. Seit der Staatsgründung Israels und besonders seit der
Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, die zu vielfältigen kulturellen
Begegnungen zwischen den Ländern geführt hat, habe sich dieser Konservatismus besonders in der jüngeren
und jüngsten Autoren Generation merklich aufgelockert. Abschließend wies Dr. Hamann auf den interessanten
Umstand hin, dass die deutschsprachigen Schriftsteller Israels ihr Lesepublikum heute vor allem in der
jüngeren Generation in Deutschland suchten, zum einen, um daran zu erinnern was war, aber auch, um in der
gemeinsamen deutschen Sprache ihre "existentielle Verbundenheit" mit Israel zu vermitteln.
Brigitta Hamann schrieb ihre Dissertation über "Leben und Werk der Lola Landau (1892 1990)" und ihre
Verbindungen zum Verband bestehen seit ihrer ersten Begegnung mit dem Verbandsgründer Meir Färber bis heute.
Man merkte Brigitta Hamanns Vortrag durchgängig ein zur Deckung gebrachtes, persönlich menschliches und
professionelles Interesse an ihrem Thema an. Dies kann man wohl nur erreichen, wenn man einerseits eine
gute Germanistin ist und andererseits jahrelang von Sympathie getragene Beziehungen zu den Trägern der
deutschen Sprache und des deutschen Kulturguts in Israel eben den deutschsprachigen Schriftsteller/innen,
pflegt. Man mag ihr gerne zustimmen, wenn sie auf die Wichtigkeit hinweist, sich jetzt mit weiteren
Forschungsarbeiten dieser Literatur zuzuwenden und so ihren Wert für die Germanistik zu sichern.
Es lasen aus ihren Werken, bzw. wurde gelesen: Avital Ben Chorin, Lilit Pavell, Nora Hauben, Magali Zibaso,
Annemarie Königsberger, Norbert Josef Rudel, Shulamit Arnon, Eva Avi Yonah, Margit Bartfeld Feller,
Hanna Blitzer, Ruth Zucker, Jossie Stern, Hedwig Brenner, Ilana Shmueli, Christine Hasenclever Zbeida.
Zwei Darbietungen möchte ich an dieser Stelle besonders hervorheben: Nora Hauben, das einzige noch lebende
Gründungsmitglied des Verbands verlas eines ihrer Prosastücke, wobei sie sich erhob, um noch kraftvoller
rezitieren zu können. In einem Outfit, das einem Gary Glitter alle Ehre gemacht hätte, sprach sie mit einer
Power und mit einer Stimme, die an die Anfänge des Tonfilms erinnerten und bei mir Bilder des Berlins der
20er und 30er Jahre evozierte, die ich selbstverständlich nur aus Filmen kenne. Alles an ihr atmete die
Moderne, die manche als Projekt schon für abgeschlossen halten.
Nora Hauben, Danke für die wundervolle Performance!
Fr. Annemarie Königsberger, Gründerin/Mitglied des "Lyris" Kreises und gebürtige Berlinerin, zog mich mit ihren
stillen Erinnerungsbildern in den Bann, und ich möchte eines ihrer Gedichte in voller Länge wiedergeben:
Vergessenes Holzfeuer brennen und ihr Geruch bringt Vergessenes, ... ein Dorf im Schnee weiss unberührt unbesessen
von der Vergangenheit.
Holzfeuer brennen jung waren wir... und rannten durch Gassen ....
Heut geh ich im Regen durch die Gassen meines Alters.
Unvergessenes lastet vor der fast entschwindenden Zukunft. Holzfeuer brennen irgendwo ihr Geruch weckt
vergessene Träume, im Regen, am Ende des Weges...
Annemarie Königsberger
In ihrer Schlussmoderation bezeichnete Christine Hasenclever Zbeida diesen gelungen Abend auch als einen
historischen Abschluss und verwies auf strukturelle Veränderungen des Verbands aufgrund altersbedingter
Abnahme der Mitgliederzahlen und fehlenden Nachwuchses. Als letzte große Aufgabe beschrieb sie die Bemühungen
um Archivierung der Vor und Nachlässe, möglicherweise im Deutschen Literaturarchiv Marbach, um es weiteren
Forschungsarbeiten verfügbar zu machen.
Der abschließende Empfang bot den Teilnehmern neben einem großzügigen Büffet die Gelegenheit zu angeregten,
persönlichen Gesprächen und beendete diese würdevolle Veranstaltung.
Christine Bodanovsky
Zur Verfasserin:
Christine Bodanovky, geb. 1952 in Stuttgart, studierte Erziehungswissenschaften an der FU Berlin (Dip.Päd.). Sie ist mit einem Israeli verheiratet und lebt mit Mann und erwachsener Tochter seit 1990 in Tel Aviv. Ihre Interessenschwerpunkte sind die israelisch deutschen/jüdisch deutschen Beziehungen und die Familientherapie.