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Die europäische Rolle im israelisch-palästinensischen Konflikt:
Zukunftsmöglichkeiten?!

Im Konferenzraum der Jugendherberge "Stayokay" in Egmond, Holland, schreien 32 Israelis, Palästinenser und Europäer durcheinander. Eben noch haben sie versucht, gemeinsam eine Vision für eine bessere Zukunft zu erarbeiten. Dann hat eine junge Palästinenserin sich zu Wort gemeldet: "Ich wünsche mir, dass die Besatzung endet", sagte sie. "Was heißt hier Besatzung?", konterte aufgebracht ein Israeli. Schon kochen die Emotionen hoch. "Ihr tötet unsere Familien!", ruft eine Siedlerin unter Tränen. "Das habt ihr verdient!" ruft ein Palästinenser wütend und verlässt den Raum. Für ein paar Minuten scheint es, als würde sich alles in Chaos auflösen. Nur langsam schafft es Moderator Achmed, die Teilnehmer zu beschwichtigen.

Es ist der dritte Tag der von je einer israelischen, palästinensischen und europäischen Nichtregierungs-Organisation veranstalteten Konferenz mit dem Titel: "The European Role in the Israeli-Palestinian Conflict: Future Possibilities" (Die europäische Rolle im israelisch-palästinensischen Konflikt: Zukunftsmöglichkeiten), die im Dezember 2004 stattfindet. Zum fünften Mal haben sich junge, politisch und sozial engagierte Menschen zusammengefunden, um über den Konflikt im Nahen Osten zu diskutieren. Die erste Konferenz dieser Art hat im August 2002 in Hamburg stattgefunden und wurde von der lokalen Gruppe der europäischen Studentenorganisation AEGEE (Association des Etats Generaux des Etudiants de l'Europe) organisiert. Aufgrund des Erfolgs dieser ersten Konferenz bildete sich ein Team von europäischen, israelischen und palästinensischen Studenten, die sich das Ziel setzten, die Konferenzen fortzuführen - mit Erfolg. In der Regel kommen 32 Teilnehmer mit zum Teil sehr unterschiedlichen sozialen und politischen Hintergründen. Wichtig ist, dass sich nicht nur die friedvollen "Tauben" der Konfliktparteien treffen, sondern dass auch Meinungen der "Falken" vertreten sind. Ein Abbild der Gesellschaft also, in welche die Teilnehmer nach Ende der Konferenz zurückkehren.

Geleitet werden die Konferenzen von ehrenamtlichen Mediatoren, die zum Teil selbst ehemalige Konferenz-Teilnehmer sind. Ihre Aufgabe besteht darin, die Diskussionen zu lenken und zu verhindern, dass sie in Richtung gegenseitiger Beschuldigungen entgleisen. Wie schwierig das ist, hat sich an diesem zweiten Morgen bereits gezeigt. Damit sich solche Szenen in Grenzen halten und tatsächlich produktiv gearbeitet werden kann, gehen die Moderatoren nach einem klaren Konzept vor:
Zu Beginn der Konferenz wird gemeinsam eine praktische Vision für einen friedvollen Nahen Osten in nächster Zukunft erarbeitet. Sie soll allen klarmachen, dass neben den vorhandenen Differenzen auch Gemeinsamkeiten bestehen. Erst in kleinen Gruppen und dann in der Versammlung werden kurze und prägnante Visionen wie zum Beispiel "der Wunsch nach Frieden und Sicherheit für sich selbst und die Lieben" erstellt. Da auf jede Karte Konsens gefunden werden muss, es sich folglich um eine gemeinsame Vision handelt, erstellen die drei Parteien so eine Basis für folgende Diskussionen. In der nächsten Phase geht es um Widersprüche, die der Verwirklichung der Vision im Weg stehen. Was konkret diese Widersprüche sind, wird gruppenweise in Workshops erarbeitet, die sich in verschiedene Schwerpunkte aufteilen, wie z.B. Misstrauen und Angst, Flüchtlinge und Siedlungen, Jerusalem. Da sich die Widersprüche vor allem auf die eigene Gesellschaft beziehen, erfordert diese Phase ein gewisses Maß an Introspektion und Mut, auf eigene Schwächen zu schauen, anstatt mit dem Finger auf die anderen zu zeigen.

"Die bedeutsamsten Momente waren die persönlichen Gespräche, die ich mit Europäern und Palästinensern in der kleinen Gruppe oder eins zu eins hatte. Dann fühlte ich, dass ich die Wahrheit berührte, mir erlaubte Misstrauen zu reduzieren und konnte Empathie von der anderen Seite spüren."

Neomi, israelische Teilnehmerin
Anschließend, im dritten und vierten Teil, versuchen die Teilnehmer in den Workshops strategische Richtungen und Aktionsmöglichkeiten für die Beseitigung der Widersprüche zu finden - und zwar innerhalb der eigenen Gesellschaft. So schlägt im Workshop "Flüchtlinge und Siedlungen" eine Israelin vor, Begegnungen zwischen ihren Nachbarn in der Siedlung und Palästinensern zu organisieren. Ein Palästinenser will Flüchtlingslager besuchen, um Kinder zu unterrichten.


Abb. 1: Ablauf der Konferenzen

Und die Rolle der Europäer? Oft finden sie sich als Vermittler wieder, die schlichten, wenn die Positionen in der Diskussion zwischen den Konfliktparteien sich verhärten. Gleichzeitig lernen sie, auf welche Weise Europa sich stärker in den Konflikt einbringen könnte und was die Hindernisse dabei sind. Und nicht zuletzt entschärft die Teilnahme der Europäer ein wenig den Druck, der auf die Nahost-Teilnehmer in ihrer Heimat ausgeübt wird: Sich mit "dem Feind" zu treffen, ist häufig verpönt.

"Die Rolle der europäischen Teilnehmer war nicht offensichtlich und bestimmt ruhiger und indirekter als die der Konfliktparteien. Aber die Stärke der Rolle war genau das: zuzuhören, zu verstehen, zu strukturieren und zu moderieren. Natürlich wird der Konflikt nicht durch Europa gelöst werde. Aber wie ein nichteuropäischer Teilnehmer beeindruckend sagte: ‚Ich denke, wir können es nicht alleine tun.'"
Hendrik, deutscher Teilnehmer

Dass in diesen wenigen Tagen keine Komplettlösung für den schon lange schwelenden Konflikt gefunden werden kann, ist sowohl den Teilnehmern als auch den Organisatoren klar. Dafür sind die politischen Fronten bei vielen bereits zu verhärtet. Es geht auch gar nicht darum, eine konkrete politische Lösung zu finden. Ziel ist es, den Teilnehmern Hoffnung zu geben und sie zu ermutigen, auch nach der Rückkehr in ihre Gesellschaft den Kontakt zur anderen Partei zu halten und auszubauen. Die Konferenzen sollen eine Plattform für junge Menschen sein, die hoch motiviert sind Wege zu einer friedvollen Koexistenz zu finden. Eine israelische Teilnehmerin drückt es in der Schlussrunde so aus: "Wir können den Konflikt nicht allein lösen und wir können die Gesellschaft nicht mit einem Schlag ändern. Aber jeder von uns kann das, was er hier gelernt hat, vervielfachen, indem er es zu Hause anwendet und anderen davon erzählt".

"Ich war sehr froh, dass ich Teil der Konferenz war; ich habe eine Menge gelernt und es gab mir Hoffnung für die Zukunft, denn nun bin ich überzeugt, dass junge Menschen etwas verändern können."
Iba, palästinensische Teilnehmerin

Bei den jetzigen Organisatoren ist das Konzept aufgegangen. Sie sind allesamt ehemalige Konferenzteilnehmer, die durch die Konferenzen motiviert wurden selber mitzuhelfen, um auch anderen diese Erfahrung zu ermöglichen. Pieternel, niederländische Organisatorin sagt: "Etwas auf politischer Ebene zu erreichen scheint mir unmöglich und unerreichbar. Doch mit der Organisation der Konferenzen kann ich meinen Teil zur Verständigung beitragen. Ich bin immer wieder von der Wirkung des häufig schmerzvollen, aber ehrlichen Dialogs beeindruckt."

Weitere Informationen über die Konferenzen können auf der Webseite www.dialogue-lab.org gefunden werden (auf englisch).

Theresa Bäuerlein
Aline Rieder


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