Nicht nur im Libanon und in weiten Teilen der islamischen Welt, sondern auch bei uns im Westen lässt
sich die Hisbollah gerne als "Befreiungsbewegung" bezeichnen und feiern. Man reibt sich erstaunt die
Augen: Was soll denn da eigentlich befreit werden? Die Grenzen zwischen dem Libanon und Israel liegen
doch seit dem Waffenstillstandsabkommen von 1949 fest? Nein - hört man dann aus Kreisen, die der Hisbollah
nahe stehen, da gibt es ja noch die Sheeba - Farmen, die Israel widerrechtlich besetzt hält! Das wird dann
bereitwillig nachgebetet, und die "Gotteskrieger" Nasrallahs beziehen daraus ein wesentliches Element ihrer "Legitimität".
Wie so oft liegen Welten zwischen islamistischer Propaganda und den Tatsachen.
Das Gebiet der "Shebaa - Farmen", hoch oben am Fuße des Hermonberges gelegen, ist nach dem
Ersten Weltkrieg durch Frankreich und Großbritannien offiziell Syrien zugeschlagen worden.
Privat aber gehörte dieses Gebiet von rund 60 Quadratkilometern Größe libanesischen Bauern
aus dem Dorf Shebaa. Die zahlten denn auch ihre Steuern im Libanon, obwohl sie ihre Ernte
auf syrischem Staatsgebiet einfuhren. In den Waffenstillstandsabkommen des Jahres 1949 werden
die Farmen denn auch als Teil Syriens bezeichnet. 1960 müssen alle Einwohner ihre libanesischen
in syrische Pässe umtauschen.
Im Sechstagekrieg 1967 hat Israel mit den Golanhöhen auch die Farmen erobert.
Nach israelischer Auffassung kommt eine Rückgabe logischerweise nur als Bestandteil
eines Friedensabkommens mit Syrien infrage. Danach ist es um dieses Gebiet ruhig geworden - bis zum Jahr 2000.
Als sich im Mai jenen Jahres die israelische Armee aus dem Libanon zurückzog, übergab dieser
der UNO eine Landkarte aus dem Jahre 1966, um seine Ansprüche auf die Shebaa -
Farmen zu unterstreichen. Darauf hin hat die UNO eine Untersuchungskommission eingesetzt:
Deren klares Ergebnis: Israel hat sich vollständig aus dem Libanon zurückgezogen; die Farmen gehören nicht dazu.
Beweisstücke: zehn libanesische Landkarten aus den Jahren nach 1966 haben das Gebiet allesamt Syrien
zugeschlagen, wie auch sechs syrische Karten.
Syrien hat denn auch nie eine Verzichtserklärung ausgesprochen. Es wäre schon interessant zu wissen,
ob Damaskus auf einen Teil seines Staatsgebiets zu verzichten bereit ist. Einstweilen aber will man
dort der Hisbollah (deren Forderungen inzwischen Teil der libanesischen Regierungspolitik geworden sind)
helfen, über Wolkenkuckucksheime ihre Scheinlegitimität zu wahren.
Nun könnte es durchaus sein, dass im Zuge von Verhandlungen zwischen Beirut, Jerusalem und Damaskus
auch über die Sheeba - Farmen zu reden sein wird. Das kann man in Ruhe abwarten. Die Hisbollah hat
sich jedenfalls bereits das nächste "Befreiungsziel" ausgeguckt: Sieben ehemals von Schiiten
bewohnte Dörfer im Norden, deren Gebiete seit 1949 zu Israel gehören. Hier wird die Katze dann
endlich aus dem Sack gelassen: Es geht um nichts anderes als um die schrittweise Zerstörung Israels.
Wann endlich werden wir lernen? Wann werden vor allem diejenigen lernen, die immer wieder einen
feinsinnigen Unterschied zwischen dem "politischen" und dem "militärischen Arm" der Hisbollah
machen? Beide "Arme" suchen einen Vorwand, um ihre widerrechtliche Bewaffnung und ihren
"Staat im Staate" rechtfertigen zu können!
P.S. Einen wesentlichen Teil meiner Information habe ich einem vorzüglichen Artikel entnommen,
den Michael Borgstede in der "Frankfurter Allgemeinen" am 7. August veröffentlicht hat. Ihm sei Dank.
Übrigens: Dazu gibt es in der Zeitung ein großes Photo, dass den libanesischen Ministerpräsidenten
Siniora beim Studium von Landkarten mit den Shebaa - Farmen zeigt. Und wer sitzt daneben? Scheich
Nasrallah, der Führer der Hisbollah. Ein Schelm, der Böses dabei denkt…
Prof. Manfred Lahnstein
Präsident