Eine erstaunliche Partnerschaft
Als Konrad Adenauer und Moshe Sharett 1952 in Luxemburg das Wiedergutmachungsabkommen unterzeichneten, konnten sie
von keiner Zustimmung seitens der israelischen Bevölkerung profitieren. Ganz im Gegenteil. Der Widerstand der Israelis
war allgemein und unerbittlich. Wenn wir diese bittere Arznei schlucken müssen, sagten die Israelis, wird es auf jeden
Fall dabei bleiben: Mit den Deutschen werden wir keine unmittelbaren Beziehungen entwickeln, keine zwischenmenschlichen
Beziehungen, keine kulturellen oder wissenschaftlichen Kontakte aufnehmen. 1958 begegnete der damalige Geschäftsführer
des Weizman-Instituts, Prof. Amos de Schalit, auf einer Tagung des CERN in Genf Wissenschaftlern der Max-Planck-Gesellschaft.
Intensive Gespräche mit ihnen führten zu einer Einladung der Deutschen nach Israel.
Dort aber stieß die Initiative in anderen Forschungszentren nicht nur auf Unverständnis, sie verstärkte noch die
grundsätzliche Ablehnung jeglicher Kontakte mit deutschen Wissenschaftlern und Deutschen überhaupt. Der Streit
darüber hat noch Jahre lang intern weiter geschwelt und die Zusammenarbeit einzelner Forschungsstätten in Israel
mit deutschen Wissenschaftlern überschattet.
Auch wenn die Initiative zunächst auf Unverständnis stieß, mit seiner Pionierarbeit hat Prof. de Schalit den Kern
einer erstaunlichen Partnerschaft gepflanzt: Die Zusammenarbeit der Wissenschaftler des Weizman-Institutes mit ihren
deutschen Kollegen haben die deutsch-israelischen Beziehungen schließlich tiefer geprägt als die Arbeit der Politiker
und Diplomaten. Verträge und Abkommen zwischen Staaten, die nur deshalb ausgehandelt werden, weil sie im möglicherweise
vorübergehenden Interesse des Staates liegen, können oberflächlich und provisorisch sein. Eine alltägliche Zusammenarbeit
zwischen Menschen, die ein gemeinsames Ziel anstreben, entwickelt Beziehungen, die Weichen für eine dauerhafte
Verständigung zwischen den Völkern stellen. Allmählich haben alle Forschungsinstitutionen den Vorteil einer
Zusammenarbeit mit Deutschland begriffen und ihre Abneigung überwunden. Schnell verstanden dies auch die Behörden
auf beiden Seiten, die zunehmend die Mittel für diese Zusammenarbeit zur Verfügung stellten.
Heute bewegt sich ein beachtlicher Strom von Studenten, Doktoranden und Postdoktoranden zu Studienaufenthalten in das
jeweilige Partnerland und es gibt eine rege Zusammenarbeit von Wissenschaftlern. Und dies nicht nur im Rahmen der
offiziellen Kooperationsprogramme: Die Förderung des wissenschaftlichen Austausches zwischen Deutschland und Israel
wird auch von Freundeskreisen, Fördervereinen, Stiftungen und privaten Sponsoren betrieben. Hinzu kommen individuelle
Kooperationen, deren Ziffer unmöglich geschätzt werden kann. Eine Tendenz zur weiteren Zunahme der gemeinsamen
Aktivitäten ist deutlich. Deutschland ist nach den USA der Hauptförderer der Forschung in Israel. Was jedoch die
Anzahl von Besuchen wissenschaftlicher Einzelreisender und Delegationen in Israel angeht, so liegt Deutschland
unbestritten an der Spitze.
Der Vorteil für den kleinen und damals armen Staat Israel, von einem Land wie Deutschland wissenschaftlich und
in diesem Bereich finanziell unterstützt zu werden, lag von Anfang an auf der Hand. Schnell hat es sich aber erwiesen,
dass diese Zusammenarbeit auch für Deutschland von Vorteil ist. Aus der gemeinsamen deutsch-israelischen Erfahrung
entstand die allgemeine europäische Erkenntnis des Nutzens der Entwicklung einer Zusammenarbeit mit Israel in Sachen
Wissenschaft wie auch das israelische Verständnis der Bedeutung einer Verbindung mit der Forschungsarbeit in Europa.
1995 schloss die EU mit Israel als erstem nichteuropäischem Staat ein Abkommen, das Israel voll in die
Forschungsarbeit der Union integriert. Die Eröffnung dieses weiten Horizonts für Israel haben wir den Deutschen
und der erfolgreichen Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Bereich mit Deutschland zu verdanken.
Avi Primor
war von 1993 bis 1999 israelischer
Botschafter in Deutschland. Heute ist
er Direktor des Zentrums für Europäische
Studien am IDC Herzliya.
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