|
Israel:
Die grossen Herausforderungen
-Nach der Wahl ist vor der Wahl-
(Gekürzte
und aktualisierte Fassung eines Vortrags für das "Freitagsgespräch"
bei Bundeskanzler a.D., 14. März 2003)
Zunächst darf ein einfacher Sachverhalt nicht in Vergessenheit
geraten: Es hat in Israel freie, geheime und allgemeine Wahlen
gegeben! Ähnliches lässt sich für kein anderes
Land in der Region sagen.
Das ist mir auch deshalb wichtig, weil für mich in Israels
Demokratie und Rechtsstaat ein wesentlicher Grund für
meine Solidarität mit dem "Staat der Juden"
liegt. Und mit der häufigen Gleichsetzung von frei gewählten
Politikern mit Diktatoren aller möglichen Schattierungen
werde ich mich niemals abfinden können.
Nach
den Wahlen ist intensiv um die Regierungskoalition gerungen
worden. Dass es dabei lebhaft und kontrovers zugegangen ist,
ist im Kern Ausdruck für die ungemein schwierigen Probleme,
vor deren Lösung jede israelische Regierung, jede Knesset
steht.
Und natürlich hat auch der Irak-Konflikt in diesen Prozess
hineingewirkt.
Ende Februar ist dann eine Koalition zwischen dem Likudblock,
der Nationalreligiösen Partei NRP, der ultranationalen
"Nationalen Union" und der säkular-liberalen
Shinui zustande gekommen.
Eine
weitere Vorbemerkung, die die Komplexität der jetzt erneut
anstehenden Probleme verdeutlicht.
Auch in Israel geht es um all diejenigen Fragen, an denen
sich bei uns in Deutschland Wahlen entscheiden: Wirtschaftswachstum,
Arbeitslosigkeit, Inflation, die Systeme der sozialen Sicherung
oder die Umweltpolitik. Das alleine wäre schon eine gewaltige
Agenda für jede Regierung.
Hinzu kommen aber zwei weitere Problembereiche, die bei uns
keine irgendwie wesentliche Rolle spielen. Da ist zum einen
die äußere Sicherheit oder ganz einfach die Frage,
wie das Überleben Israels und seiner Menschen gesichert
werden kann.
Zum anderen wird israelische Politik nicht länger der
Frage ausweichen können, wie der jüdische Charakter
des Staates langfristig ebenso gewahrt werden kann wie eine
stabile rechtsstaatliche und demokratische Zukunft.
Mit welchen Schwierigkeiten muss sich die neue Koalition auseinandersetzen?
Ich
möchte zunächst auf die wirtschaftlichen und sozialen
Probleme eingehen, schon deshalb, weil sie in der deutschen
Betrachtung Israels so gut wie nie ins Blickfeld geraten.
Das
Land ist in einer ungemein schwierigen Gesamtlage. Hierzu
nur wenige Zahlen:
- Die israelische Wirtschaft schrumpft seit 2001 auf Jahresbasis
mit etwa 1%. Für die industrielle Produktion liegt die
Schrumpfungsrate auf Jahresbasis mittlerweile bei 4%. Und
auch die Pro-Kopf-Einkommen sind im vergangenen Jahr um mehr
als 1% zurückgegangen.
- Einige Branchen sind nicht mehr weit vom Zusammenbruch entfernt.
So ist die Zahl der Hotelgäste in den beiden letzten
Jahren um mehr als 70% zurückgegangen, eine dramatische
Entwicklung, wenn man die große Bedeutung der Tourismusbranche
für das Land kennt
- Die Arbeitslosenquote liegt heute bei rund 11%, und das
in einem Land, das in einer Weise Vollbeschäftigung realisiert
hatte, von der wir bei uns nur träumen konnten
- Gleichzeitig beträgt die Inflationsrate etwa 6 ½
%. Bei Sharons Amtsantritt hat sie unter 3% gelegen.
- Mehr als 1 Million Israelis leben an oder unter der Armutsgrenze
- Der Schekel hat nach einer langen Phase der Stabilität
in den letzten 12 Monaten gegenüber dem Euro um gut 8%
abgewertet
- Schließlich gibt es auch die ersten Anzeichen für
eine Netto - Emigration bei den jüngeren, mobilen, leistungsfähigen
Bevölkerungsgruppen
All
das bedeutet, dass herkömmliche Finanz- und monetäre
Politik kaum noch Bewegungsmöglichkeit verloren haben.
Auch deshalb führt eine Diskussion von Lösungskonzepten,
wie sie etwa derzeit in Deutschland stattfindet, nicht weiter
(wenn man von einem harten Sparkurs einmal absieht). Es gibt
nämlich einen einfachen, aber gleichzeitig bedrückenden
Nenner für die erwähnten ökonomischen und sozialen
Schwierigkeiten: Jede relevante wirtschaftliche Entscheidung
ist ein Akt des Vertrauens!
Und dieses Vertrauen ist in Israel schmerzhaft verloren gegangen
- bei den Verbrauchern, auf den Kapitalmärkten und bei
den Investoren, insbesondere bei den ausländischen Investoren.
Hinzu kommt die allgemeine, weltweite Wirtschaftsflaute.
Spätestens
an dieser Stelle wird die zwingende und direkte Querverbindung
zwischen Ökonomie und äußerer Sicherheit sichtbar.
Auch dies erklärt, warum der Zusammenhang zwischen Terror,
Sicherheit und Frieden im Mittelpunkt der Wahlauseinandersetzung
gestanden hat.
Was
zunächst den islamistischen Terror angeht, so müssen
wir verstehen, dass die direkt betroffenen Israelis sich hier
keinerlei Illusionen machen. Und auch wir dürfen das
nicht tun, aus scheinbar sicherer Entfernung und von den Höhen
unserer "moralischen Weltsicht" herab.
Die
eigentlichen Wurzeln dieses Terrors liegen in religiösen
Wahnvorstellungen, in einer verwirrt eschatologischen Variante
des islamischen Fundamentalismus.
Die mehr als 100.000 Terroropfer in Algerien, die mehr als
40.000 Opfer im Sudan oder mehr als 20.000 in Ägypten,
niedergebrannte Kirchen in Nigeria, Pakistan oder Indonesien,
Al Qaida und Taliban, Djerba, Bali und das World Trade Center
- all das hat mit Israel oder gar mit Ariel Sharon nicht das
Geringste zu tun, auch wenn es im arabischen Lager immer wieder
behauptet und dann in Deutschland nachgebetet wird!
Religiöse, hassverzerrte Wahnvorstellungen aber werden
jeden Freitag in vielen Moscheen verkündet - nicht nur
in Peshawar, sondern auch im Gazastreifen.
Hinzu kommen politisch - historische Grundüberzeugungen
einer islamischen und arabischen Welt, die auch ansatzweise
nicht über ein ausbalanciertes Selbstverständnis
verfügt, keine Kraft für eine innere Entwicklung
aufbringt und stattdessen Sündenböcke sucht.
Hierzu ein Zitat des iranischen Außenministers vom 21.12.2002
aus einem Interview mit einer iranischen Wochenzeitung. Nach
einer Zwei-Staaten-Lösung für Palästina (also
Israel und Palästina im engeren Sinne) gefragt, erklärt
er dort wörtlich:
"Eine derartige Lösung wird unsere grundsätzliche
Ablehnung der Existenz des zionistischen Gebildes nicht beeinflussen."
Machen
wir uns nichts vor, Millionen Araber denken genau so wie der
Iraner .
Dass Israel auf diese existenzielle Bedrohung mit einer Sicherheitspolitik
reagiert, die vielen Menschen in Deutschland als völlig
überzogen vorkommt, kann man vor diesem Hintergrund vielleicht
besser verstehen.
Andererseits
hat der Terror aber auch mächtige Wurzeln in der ganz
spezifischen Lage der Palästinenser. Da sind die "Täter
von der Kanzel", da spielt Eigendynamik in Terrorgruppen
hinein. Da wirken sich aber auch die demütigenden Effekte
aus, die eine Zeit der Besetzung immer und unausweichlich
mit sich bringt.
Und auch die miserablen wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen
in den palästinensischen Autonomiegebieten bilden einen
ganz eigenen Nährboden - wer oder was auch immer diese
Lage verursacht haben mag.
Auf
diese, die spezifisch palästinensischen Wurzeln wird
sich israelische Politik in den nächsten Jahren konzentrieren
müssen. Sie sind nicht Schicksal, sondern durch eine
geeignete Sicherheits- und Friedenspolitik zu beeinflussen.
Vor
diesem Hintergrund ist vielleicht auch verständlich,
warum der Irak-Konflikt in Israel häufig anders beurteilt
wird als bei uns. Die Israelis werten das Geschehen in erster
Linie danach, wie es die eigene Sicherheitslage beeinflusst.
Und da die dramatisch ist, kann es nach Ansicht vieler Israelis
nach einem bewaffneten Konflikt im Irak nur besser werden.
Ob das richtig oder falsch ist, weiß ich nicht. Ich
gebe nur wieder. Immerhin: Es war der Golfkrieg , der die
Prozesse von Oslo und Madrid erst möglich gemacht hat.
Und es kommt vielleicht nicht von ungefähr, dass Mubarak,
dieser große Politiker und erstklassige Taktiker, Sharon
zum Wahlsieg gratuliert und nach Ägypten eingeladen hat,
dass die mörderische Hamas jetzt auf einmal eine zeitlich
begrenzte "Waffenruhe" anbietet, in der Zwischenzeit
allerdings wieder mehrere Mordanschläge auf ihrem Konto
hat.
Nun
wird jede Friedenspolitik von zwei ganz einfachen Erkenntnissen
ausgehen müssen. Die eine hat Bill Clinton so formuliert:
"Es gibt keinen Frieden ohne Sicherheit, es gibt aber
auch keine Sicherheit ohne Frieden". Die andere verdanke
ich meinem Freund Amos Oz. Sie lautet:"Frieden muss zwischen
Feinden geschlossen werden; zwischen Freunden besteht er bereits".
Eine
dritte Erkenntnis ist ebenso einfach: So wie bisher kann es
nicht weitergehen! Leider wird sie in der israelischen und
palästinensischen Politik der letzten Jahre nicht ausreichend
sichtbar. Vielleicht ein Hinweis an dieser Stelle: Palästinensischer
Terror hatte in Israel bis zum Ausbruch der "Al Aqsa
Intifada" rund 50 Opfer gefordert. In der kurzen Zeit
seither sind es mehr als 700 gewesen. Bei einer Umrechnung
auf Deutschland würden dies knapp 10.000 sein!
Bleibt
alles im wesentlichen wie bisher, dann sind die Folgen für
alle Beteiligten furchtbar:
1. In Israel und den immer wieder besetzten Autonomiegebieten
werden am Ende dieses Jahrzehnts mehr Araber als Juden leben.
Wie will israelische Politik dann darauf reagieren, wie den
jüdischen Charakter des Staates wahren? Eine Pseudo-
Autonomie der Palästinenser auf einem zerstückelten
Terrain oder, wie es Avi Primor ausdrückt, ein "Bantustan"
nach dem Vorbild des Apartheid - Regimes unseligen Angedenkens
löst keines der anstehenden Probleme und verschärft
jedes von ihnen. Dies wäre wohl auch das Ende der israelischen
Demokratie, wie wir sie heute kennen. Eine groß angelegte
Vertreibung der Palästinenser ist so aberwitzig, dass
sie ernsthaft nicht in Betracht zu ziehen ist. Eine Gleichstellung
der Palästinenser mit den in Israel lebenden Arabern
aber müsste den jüdischen Charakter des Staates
zerstören.
2. Es wäre eine Illusion darauf zu hoffen, dass die israelischen
Araber (über eine Million!) einer Perpetuierung des gegenwärtigen
Zustandes gleichmütig zusehen würden. Bereits jetzt
mehrt sich dort die Unruhe.
3. Die Rückwirkungen einer dem Grunde nach fortbestehenden
Unsicherheit, Terrorattentate inklusive, auf die wirtschaftliche
und soziale Lage in Israel würden verheerend sein.
Alle
israelischen Politiker und Beobachter wissen also, dass sich
etwas ändern muss.
Dabei müssen wir wissen, dass der sogenannte "Oslo
- Prozess" nicht wieder aufgenommen werden wird. Auch
hierfür gibt es mehrere Gründe:
1. Das vom damaligen Premierminister Barak 2000 in Camp David
auf den Tisch gelegte Gesamtangebot für eine Friedenslösung
geht nicht nur Sharon, sondern auch den allermeisten Israelis
heute eindeutig zu weit. Es wird nicht wiederholt werden.
2. Die verantwortungslose Ablehnung der Barak'schen Vorschläge
durch Arafat ist nirgendwo vergessen. Ich sehe in Israel niemanden,
der Arafat als Partner auf der palästinensischen Seite
weiter anerkennen würde. Angesichts der schändlichen
Haltung dieses Mannes in der Terrorfrage kann ich diese Ablehnung
sehr gut verstehen.
3. Der Oslo - Prozess, mutig und klug wie er war, hat eine
wesentliche Lücke gehabt. Er hat nicht genügend
Wert auf die Umgestaltung Palästinas in einen demokratischen
Rechtsstaat gelegt. Davon später mehr.
4. Von Oslo wird im wesentlichen der Friedensvertrag mit Jordanien
übrig bleiben, was ja auch nicht gerade wenig ist und
deshalb nicht vergessen werden sollte.
Für
eine neue Verhandlungslösung hat Premierminister Sharon
- unter Berufung auf eine Rede des amerikanischen Präsidenten
aus dem letzten Juni - seine Vorstellungen am 4.Dezember 2002
vor dem Institute of Policy and Strategy in Herzliya präzisiert.
Da dies genauer ist als all seine Äußerungen nach
den Wahlen, will ich daraus zitieren:
1."
Der einzige Weg zu einem wirklichen Friedensabkommen mit den
Palästinensern liegt in einem schrittweisen Vorgehen,
wobei der erste Schritt in einer völligen Beendigung
des Terrors liegen muss. Erst dann wird der Beginn von politischen
Friedensverhandlungen möglich sein."
2." Zudem setzen politische Zugeständnisse auf unserer
Seite Regierungsreformen in Palästina voraus." Zu
diesen Reformen zählt Sharon:
- Eine Ablösung der gegenwärtigen Palästinenserführung
unter Arafat, für den man sich allenfalls eine symbolische
Rolle vorstellen kann
- Die Ernennung eines "Chief Executive Officer for Reforms",
dem die Rolle eines Premierministers mit wirklichen Zuständigkeiten
zukäme.
- Wahlen sollten erst dann stattfinden, wenn der administrative
Reformprozess abgeschlossen ist
- Parallel zu diesem Reformprozess muss eine Reform des Sicherheitsapparats
erfolgen. Über sie müssen alle existierenden Sicherheitskräfte
aufgelöst und durch einen einheitlichen Polizeiapparat
unter ebenso einheitlicher Führung abgelöst werden
- Ein Innenminister muss ernannt werden, der das "Gewaltmonopol
des Staates" in jeder Richtung durchsetzt
- Die Finanzen der Palästinenserbehörden müssen
sauber und transparent gemanagt werden, was auch den Kampf
gegen jedwede Korruption einschließt. Deshalb muss die
Kontrolle in die Hände eines Finanzministers gelegt werden,
der wiederum durch einen Rechnungshof zu kontrollieren ist.
Übrigens - der vor einigen Monaten eingesetzte Finanzminister
Salam Fayad genießt auch in Israel und im Westen hohe
Reputation
- Außerdem werden Reformen in den Bereichen Erziehung,
Medien und Information angemahnt, ohne die sich Frieden und
Koexistenz nicht herstellen lassen
- Schließlich müssen Strafverfolgung und Justiz
den Anforderungen einer "good governance" entsprechen.
4. Parallel zu diesen Schritten würde Israel seinen militärischen
Druck zurücknehmen, das tägliche Leben der palästinensischen
Bevölkerung wesentlich erleichtern und territoriale Kontinuität
zwischen den einzelnen Siedlungsgebieten herstellen
5. In einer zweiten Phase würde es zur Errichtung eines
Palästinenserstaates mit vorläufigen Grenzen kommen.
Dieser Staat müsste demilitarisiert sein (bis auf leicht
bewaffnete Polizeikräfte). Israel würde weiterhin
alle Zugänge zu diesem Staatsgebiet kontrollieren
6. In einer dritten Phase dann würden der endgültige
Charakter und die endgültigen Grenzen dieses Staates
festgelegt werden
Ich bin sicher, dass auch Sharon Frieden will. Ich bin mir
aber leider auch sicher, dass er ihn so nicht erreichen wird.
In seinen Vorschlägen steckt ungemein viel Vernünftiges,
es fehlen aber auch entscheidende Dinge wie etwa das Flüchtlingsproblem,
die Siedlungsfrage, der Status Jerusalems oder die Wasserproblematik.
Und was die Siedlungsfrage angeht, so ist Sharon an zukunftsweisenden
Lösungen kaum mehr interessiert als sein Koalitionspartner
NRP, der Räumungen rundheraus ablehnt. Eher, so steht
zu befürchten wird es zum Ausbau bestehender Siedlungen
kommen.
Aber auch dem Sharon - Konzept liegt die Einsicht zugrunde,
dass ein Palästinenserstaat konzediert werden muss!
Das ist nicht nur politisch klug, es ist auch von tiefer historischer
Logik. Ich erinnere:
Als die UNO 1947 ihren Beschluss zur Aufteilung des britischen
Mandatsgebietes "Palästina" gefällt hat,
hat sie von der Errichtung eines "jüdischen"
und eines "arabischen" Staates auf eben diesem Gebiet
gesprochen. Dass es dazu nicht gekommen ist, haben allein
die arabischen Staaten zu verantworten. Sie haben diesen UNO
- Beschluss nie akzeptiert. Und so hat sich Jordanien nach
dem Überfall auf den jungen Staat Israel das Territorium
einverleibt, das an sich für die Errichtung eben dieses
"arabischen Staates" vorgesehen war. 1974 hat Jordanien
dann jede weitere Verantwortung für dieses Gebiet abgelehnt
und es in völkerrechtliches Niemandsland entlassen.
Übrigens - man muss das Ganze auch andersherum formulieren:
Wer einen Palästinenserstaat will, muss Israel anerkennen!
Dies aber haben bislang nur Ägypten und Jordanien getan.
Zudem
besteht außerhalb des arabisch - islamischen Lagers
völliges internationales Einvernehmen darüber, dass
dieser Palästinenserstaat rechtsstaatlich und demokratisch
verfasst sein muss. Hier hat auch Sharon völlig Recht.
Von beidem kann aber derzeit nur in ersten Ansätzen die
Rede sein.
Das arabisch - islamische Lager schweigt sich zu diesen zentralen
Punkten hartnäckig aus. Das darf nicht verwundern, müssten
doch Rückwirkungen auf die eigenen inneren Verhältnisse
befürchtet werden.
Nun
werde ich immer wieder gefragt, ob die Forderung nach einem
rechtsstaatlichen und demokratischen Palästina nicht
völlig unrealistisch sei. Angesichts der Lage dort und
in der islamischen Welt insgesamt ist diese Frage ebenso berechtigt
wie verständlich.
Meine vorsichtige Antwort ist die:
Wenn irgendwo im arabischen Lager Hoffnung besteht, dann bei
den Palästinensern.
Es gibt nämlich dort eine erhebliche Zahl von Menschen,
die nichts dringender herbeisehnen als Rechtsstaat, Demokratie
und eine gedeihliche gesellschaftliche Entwicklung. Viele
Palästinenser haben sich intensiv im Ausland umgesehen,
alle sehen israelisches Fernsehen oder CNN und viele haben
Verwandte oder Freunde unter den israelischen Arabern.
Derzeit können sich diese Gruppen nicht ausreichend artikulieren,
weil sie schlimmste Repressalien befürchten müssen.
Aber immerhin ist es bemerkenswert, mit welchem Realismus
sich zum Beispiel Arafats Stellvertreter Abu Mazen mittlerweile
äußert. In der in London erscheinenden arabischen
Zeitung Al Hayat wird er am 27.11.2002 wie folgt zitiert:
"Die Intifada hat jede Aussicht auf palästinensische
Unabhängigkeit in naher Zukunft zerstört, unsere
Wirtschaft in ein Trümmerfeld verwandelt und zu der Wiederbesetzung
der meisten Westbank - Städte durch israelische Truppen
geführt".
Was nun die "Intifada" angeht, so unterscheidet
allerdings auch er zwischen Gewalttaten innerhalb der Autonomiegebiete
(die er für gerechtfertigt hält) und solchen in
Israel selbst (die er ablehnt).
Übrigens: Es ist dieser Abu Mazen, mit bürgerlichem
Namen Mahmud Abbas, der als erster Ministerpräsident
Palästinas von Arafat ausersehen worden ist. Sharon hat
diese Wahl mit den Worten "Ein fähiger Mann"
kommentiert. Nun wird man sehen (sobald das Kabinett zusammengestellt
sein wird), mit welcher Unabhängigkeit Arafat gegenüber
der neue Ministerpräsident arbeiten wird.
Das
bringt mich zurück auf die Frage, wie es nun weitergehen
soll. Ich bin der festen Überzeugung, dass es ohne internationalen
Druck nicht gehen wird. Ohne diesen Druck werden weder Sharon
noch die Palästinenser ihre Maximalpositionen räumen,
wird das Problem Arafat nicht vernünftig zu lösen
sein, werden die Drahtzieher des Terrors weiterhin ihr mörderisches
Unwesen treiben können, wird sich Israel weiterhin in
gefährlicher Weise auf die "normative Kraft des
Faktischen" verlassen.
Internationaler
Druck aber ist durchaus vorstellbar. Seit dem September des
vergangenen Jahres sind die Vorschläge des "Quartetts",
gebildet aus der UNO, der EU, den USA und Russland ausgearbeitet
und inoffiziell bekannt. Sie werden auch als "roadmap"
bezeichnet, und genau das wollen sie sein. Dieses Papier beinhaltet
präzise Vorschläge für die Beendigung des Terrors,
die Errichtung von Demokratie und Rechtsstaat in den Autonomiegebieten,
die Errichtung eines Palästinenserstaates und den schrittweisen
Rückzug Israels auf Grenzen, die in etwa denen von 1967
entsprechen.
Eine breitere Allianz für eine umfassende Verhandlungs-
und Friedenslösung lässt sich nicht denken, zumal
das "Quartett" ausdrücklich auf Vorschläge
der Arabischen Liga verweist.
Israel
hat gegen diesen Vorschlag Vorbehalte, wie Ende Februar bei
einer zweitägigen Regierungskonferenz in London deutlich
geworden ist. Einige sind eher technisch-taktischer Natur,
andere gehen ins Grundsätzliche.
Sharon setzt wohl eher auf Präsident Bush als auf das
"Quartett" (und damit auch auf das State Department).
In dem bereits erwähnten Herzliya - Vortrag hat er das
so formuliert:
"From the first days of the establishment of the State
of Israel our bond with the United States has been a supreme
strategic asset
.Israel has in the United States true
friends who genuinely and honestly care for our security."
Nun
haben der Kampf gegen den internationalen Terror, die zwischenzeitlichen
Wahlen in den USA und in Israel, und natürlich der Irakkrieg
die Umsetzung dieser Vorschläge des "Quartetts"
bislang verhindert. Ob und wann es dazu kommt, wird entscheidend
von Präsident Bush abhängen. Wird er die Zeit und
die Kraft finden, sich dem Thema entschlossen zuzuwenden -
mit all den damit verbundenen Risiken und negativen Rückwirkungen
auf Teile seiner Wählerschaft? Schließlich übernimmt
ab Ende dieses Jahres in den USA der Wahlkampf die Herrschaft.
Wie
dem auch sei: Nach meiner festen Überzeugung steht ohne
ein rasches Umsetzen der "road map" - und zwar entschlossen
gegenüber beiden Konfliktparteien! -die Zementierung
der gegenwärtigen Verhältnisse zu befürchten,
mit all den schlimmen Konsequenzen, die ich eingangs geschildert
habe.
Ich
möchte nun noch ganz kurz auf drei Fragen eingehen, um
das Bild zu komplettieren:
Das
Ringen um das israelische Selbstverständnis.
Es
bedarf in diesem Kreise keiner weiteren Erläuterung,
dass der Zionismus an der Wiege Israels steht. Nur - der Zionismus
selbst hat über die Jahrzehnte mehrere Ausprägungen
erfahren.
Für Theodor Herzl ging es um eine "Heimstätte
für die Juden". Völkerrechtlich präzisiert
war diese Idee kaum. Erst kurz vor seinem Tode beugte Herzl
sich dem Willen der zionistischen Mehrheit und erklärte
die Heimstätte in Palästina als das Endziel der
zionistischen Bewegung.
Die Balfour - Erklärung von 1917 spricht dann auch folgerichtig
von der Errichtung einer "nationalen Heimstätte
für das jüdische Volk in Palästina". Und
auf dieser Grundlage ist es schlussendlich zu der bereits
erwähnten Entscheidung der Uno 1947 gekommen. Dies war
dann auch die Zeit, in der die Erfahrung des Holocaust dem
Zionismus neue und mächtige Antriebe verschafft hat.
Dieser
Staat Israel war und ist als säkulare Heimat für
alle Juden konzipiert, hat aber bis heute keine Verfassung
im eigentlichen Sinne, behilft sich stattdessen mit der Unabhängigkeitserklärung
und der Rechtsprechung des Obersten Gerichtshofes.
Deshalb ist es auch nie zu einer eindeutigen Trennung zwischen
Staat und Synagoge gekommen, was auf den Gebieten des Familienrechts
und der schulischen Erziehung besonders deutlich wird.
Dies
war so lange kein Riesenproblem, wie die Ultraorthodoxen eine
kleine Minderheit waren und sich politisch nicht organisiert
hatten. Heute ist das anders, wie jeder weiß. Hinzu
kommen die Ultranationalen, wie sie sich auch im Likud versammelt
haben. Sie reden nicht von den "Autonomiegebieten"
oder von der Westbank, sondern von "Judäa und Samaria"
als Teilen des von Gott verheißenen Landes.
Es
muss also im Lauf der nächsten Jahre in den hier angesprochenen
Fragen zur Nagelprobe kommen, zumindest der Richtung nach.
Der Wahlerfolg von Shinui ist ja auch nicht von ungefähr
entstanden.
Parallel
dazu bedarf auch das Verhältnis der jüdischen zu
den arabischen Israelis einer vertieften Diskussion.
Die Unabhängigkeitserklärung ist eindeutig: Allen
in Israel lebenden Arabern werden die vollen Bürgerrechte
sowie eine angemessene Vertretung in allen staatlichen Institutionen
zugesagt. Im Bezug auf Bürgerrechte sowie auf die wirtschaftliche
und soziale Realität sind die israelischen Araber in
einer Situation, die ganz unvergleichlich viel besser ist
als die in jedem arabischen Land. Alle Meinungsumfragen der
letzten Jahre sagen aus, dass fast 80% dieser Bevölkerungsgruppe
nicht in einem Palästinenserstaat leben möchten.
Andererseits
ist eine gewisse Diskriminierung der arabischen Minderheit
nicht zu übersehen. Sie geht über verständliche
Sicherheitsbelange des Staates hinaus. Die hier latent vorhandenen
Gefahren liegen so sehr auf der Hand, dass ich sie nicht zu
erläutern brauche. Frustration ist kein Kompass für
eine gedeihliche Zukunft.
Nun
einige Anmerkungen zur Überlebensfähigkeit eines
Palästinenserstaates.
Stellen wir uns einmal den typischen "morning after"
nach den überschäumenden Feierlichkeiten zur Staatsgründung
vor. Ein nüchterner Blick würde zeigen: Palästina
wäre aus eigener Kraft niemals zu überleben in der
Lage. Es gibt dort keine natürlichen Ressourcen, keine
wirklichen Absatzmärkte ringsum, keine Systeme der beruflichen
Bildung, keine Verwaltungssicherheit usw.usf. Die Armut grassiert
überall; das jährliche Pro-Kopf-Einkommen der Palästinenser
liegt bei durchschnittlich 850 $; in Israel liegt es bei 15.000
$ und für die israelischen Araber immerhin noch bei gut
11.000 $!
Sehr erschwerend gibt es einen ganz wesentlichen Unterschied
zu den Juden: Es gibt keine palästinensische Diaspora,
die bereit und in der Lage wäre zu helfen. Die Überweisungen
palästinensischer Gastarbeiter aus Israel, aber auch
aus mehreren arabischen Staaten fallen weitestgehend aus -
Konsequenz der Fehlleistungen Arafats im Golfkrieg und der
Intifada. Die reichen Auslands-Palästinenser aber denken
derzeit nicht daran, in ein Palästina zu investieren,
das durch Korruption zerfressen ist.
Konsequenz:
Wer A sagt, der muss auch B sagen! Wer ein selbständiges
Palästina befürwortet, der muss auch bereit sein,
dieses Palästina über weit mehr als eine Generation
hinweg durchzufüttern. Dies ist eine lösbare Aufgabe,
man darf aber vor ihr nicht die Augen verschließen.
Eine
letzte Bemerkung zur Rolle Deutschlands.
Ausgehend von der weitsichtigen Politik Ben Gurions und Konrad
Adenauers hat sich das Verhältnis zwischen beiden Staaten
stetig und ohne größere Reibungsverluste entwickelt.
Dabei sind sich alle Verantwortlichen des Umstandes bewusst
geblieben, dass dieses Verhältnis zwar gut, wegen der
gemeinsamen Geschichte aber niemals normal sein kann. Ob es
nun die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen, die Zusammenarbeit
in Wissenschaft und Forschung oder die kulturellen Kontakte
sind - Deutschland nimmt hier hinter den USA den zweiten Rang
ein.
Auf
dieser sicheren Grundlage hat sich dann Helmut Kohl aktiv
sowohl in den Oslo- als auch in den multilateralen Madridprozess
eingeschaltet. Und in den letzten Jahren hatte Joschka Fischer
ernsthafte und durchaus nicht erfolglose Versuche unternommen,
zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Dass alle verantwortlichen
deutschen Politiker im Verhältnis zu Israel mit besonderer
Behutsamkeit vorgegangen sind, versteht sich von selbst.
Heute ist diese segensreiche Politik weitgehend zum Stillstand
gekommen, wobei die Kontakte auf Nicht-Regierungsebene Gott
sei Dank weiter gut funktionieren.
Die Ursachen für diesen betrüblichen Zustand liegen
auf beiden Seiten. Auf israelischer Seite gibt es ein beträchtliches
Misstrauen gegenüber den Europäern, meines Erachtens
nur in Teilen berechtigt. Sharon seinerseits ist für
viele Europäer so eine Art "persona non grata"
geworden, was ebenfalls nicht zu rechtfertigen ist.
Die Deutschen aber haben sich meines Erachtens durch Fehleinschätzungen
der Regierung Schröder im Irak - Zusammenhang auf einige
Zeit um fast alle bilaterale Einflussmöglichkeiten gebracht.
Uns bleibt also gar nichts anderes übrig, als im EU-Kontext
oder indirekt über das "Quartett" zu wirken.
Ob und wie das geht, werden wir abzuwarten haben.
Ich
habe versucht, ein möglichst realistisches Bild Israels
nach den Wahlen zu zeichnen. Rosig ist das nicht gerade, aber
für Optimismus gibt es auch kaum Anlass. Bleibt zu hoffen,
dass wenigstens die beschränkten Handlungsmöglichkeiten
genutzt werden.
Manfred
Lahnstein, im März 2003
Zu den
Editorials
Zum
Seitenanfang
|