Fährt sie nach Athen oder bleibt sie zu Hause? Diese Frage wurde im israelischen
Sommerloch kurz vor den olympischen Spielen immer wieder hin- und hergewendet. Dabei
war doch Anna Smashnova für Olympia längst qualifiziert! Als 18-Jährige befand sie sich
bereits auf Platz 42 der ATP-Skala, der Rangliste für die weltbesten Tennisspielerinnen.
Zwar hatte sie zwischenzeitlich ein ziemliches Formtief zu beklagen und war fast von der
Bildfläche verschwunden. Aber zurückgemeldet als Frau Smashnova-Pistolesi spielte sie
wieder ganz oben mit und erklomm Platz 38 der ATP-Skala.
Ihre Teilnahme an den olympischen Spielen hätte also eigentlich kein Thema sein sollen, wäre da
nicht die Geschichte mit dem Logo gewesen. Der Bademodenproduzent "Speedo" sponserte die gesamte
israelische Olympiamannschaft und wollte sein Logo auf der Wettkampfkleidung sehen. Nun verfügt
aber Frau Smashnova-Pistolesi über einen eigenen Sponsor, den Modefabrikanten "Lotto", der natürlich
für sein Markenzeichen das Gleiche verlangte wie "Speedo". "Speedo" hatte daraufhin Verzicht
signalisiert unter der Voraussetzung, dass auch "Lotto" verzichtete und einen anständigen
Geldbetrag überwies.
Dass "Lotto" unter diesen Umständen die Motivation für das Sponsoring abhanden kam, ist
nachvollziehbar. Dass aber die Teilnahme von Frau Smashnova-Pistolesi an den olympischen
Spielen dann auch in den Sternen stehen sollte, war nicht ohne weiteres einleuchtend.
Aber so ist das nun einmal. Teilnehmen ist schon längst nicht mehr alles. Die geschäftlichen
Interessen bestimmen die Gangart. Sport ist eben auch in Israel das große Geschäft.
Fast die Hälfte aller Israelis betätigt sich nämlich mehr oder weniger regelmäßig sportlich.
Es gibt eigentlich keine Sportart, die nicht ihre Anhänger fände wie Tennis, Squash, Fußball,
Basketball oder der Wassersport mit Schwimmen, Tauchen, Segeln oder Surfen. Exemplarisch sei
der Tauchsport genannt. In Israel gibt es sage und schreibe 40.000 ausgebildete Tauchlehrer.
Damit ist die Dichte dieser Lehrer bezogen auf die Gesamtbevölkerung nirgends sonst auf der
Erde so hoch. Scheinbar ausgefallene Sportarten finden aber auch ihre Fans wie z.B. der
Abfahrtslauf. Schnee am Mount Hermon lockt ganze Heerscharen von Ski-Begeisterten mit
Ausrüstungen, die manchen Alpinisten erblassen lassen.
Sehr beliebt sind sportliche Großveranstaltungen. Jedes Jahr beteiligen sich Tausende
von Israelis und Besuchern aus dem Ausland an dem Jerusalem-Marsch, dem Genezareth-Schwimmen,
bei dem der See Genezareth durchquert wird, und verschiedenen Marathonläufen. Volksläufe im
Begleitprogramm mit geringeren Anforderungen bringen Zehntausende von Läufern an den Start.
Ausdrücklich ermuntert von der Presseabteilung der Israelischen Botschaft (Berlin) dürfen
wir deren Webseiten und Bookmarks zur Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung heranziehen.
Danach passen historisch betrachtet Judentum und Sport eigentlich gar nicht zusammen.
Damals, unter griechischer Herrschaft, kam für Juden eine Teilnahme an den olympischen
Spielen überhaupt nicht in Frage. Sie hätten nämlich, um sich zu qualifizieren, dem Gott
Herkules Geschenke und Opfergaben darbringen müssen.
Unter römischer Besatzung galt Sport als grausamer und gewalttätiger Gladiatorenkampf.
Immerhin ließ schon Herodes der Große Stadien im Land errichten, in denen Boxkämpfe,
Schießübungen mit Pfeil und Bogen und Wettrennen veranstaltet werden sollten. Dennoch
galt Juden über Jahrhunderte hinweg Sport als ein "hellenistisches" Übel, das es abzulehnen galt.
Im Mittelalter gewannen Ballspiele zunehmendes Interesse. Dokumente sind überliefert, die von
einer engagierten Diskussion unter Rabbinern zeugen, ob sportliche Tätigkeit die Pflichten des
Sabbat verletzt. Der hervorragendste jüdische Denker des Mittelalters und Arzt Rabbi Moses
Maimonides lehrte, dass nur der gesunde Körper einen gesunden Verstand und die gesunde Seele
beherberge und dementsprechend zu pflegen sei. Diese Überzeugung setzte sich aber erst Anfang
des 20. Jahrhunderts mit Nachdruck durch den damaligen Oberrabbiner von Palästina Abraham Isaac Kook durch.
Die europäische Makkabi-Bewegung begann Anfang des 20. Jahrhunderts, jüdische Sportaktivitäten
in größerem Stil zu organisieren. 1914 zählte man mehr als 100 Makkabi-Vereine in ganz Europa.
Die bekanntesten von ihnen waren Hakoah Wien, Bar Kochba Berlin, M.T.K. Budapest oder Hagibor
Prague, deren Fußballmannschaften in den jeweiligen nationalen Ligen vertreten waren.
An der ersten Makkabiade von 1932, dem ersten internationalen jüdischen Sportwettkampf,
nahmen im damaligen Palästina rund 500 jüdische Sportler aus 23 Ländern teil. Nach der zweiten
Makkabiade im Jahr 1935 blieben viele Sportler im Land, um nicht in das vom
Nationalsozialismus bedrohte Europa zurückkehren zu müssen. Zur Makkabiade im Jahr 1997
kamen über 5500 Sportlerinnen und Sportler aus mehr als 50 Ländern in Israel zusammen.
Die Makkabiade ist heute weltweit das drittgrößte Sportereignis nach den Olympischen Spielen
und den Weltstudentenspielen. Bekannt wurde der amerikanische Schwimmer Marc Spitz, der 1965
bereits bei einer Makkabiade sechs Goldmedaillen gewann, um 1968 bei den Olympischen Spielen
in Mexiko viermal Gold und 1972 in München gar achtmal Gold zu gewinnen.
Mit einer eigenen Olympiamannschaft war Israel erstmals 1952 in Helsinki vertreten.
Allerdings musste das Land bis 1992 warten, ehe in Barcelona Frau Yael Arad beim Judo für
Israel eine erste Medaille (Silber) und Herr Oren Smadja eine weitere (Bronze) gewannen.
Tragischerweise hatte man ausgerechnet der Olympiamannschaft von 1972 in München die
bislang größten Erfolgschancen zugetraut, bevor sie 11 Athleten und Betreuer infolge des
Angriffs von PLO-Terroristen verlor.
Die Gründung der jüdischen Sportverbände in Palästina erfolgte aus unterschiedlichen
politischen Richtungen heraus. Die Makkabi-Sportbewegung (gegründet 1911) war zunächst
mit der Allgemeinen Zionistischen Bewegung verbunden - der Vorläuferin der liberalen Partei,
die schließlich im Likud-Block aufging. Der Sportverein Hapoel (gegründet 1924) war mit dem
von der Arbeitspartei dominierten israelischen Gewerkschaftsverband Histadrut verknüpft.
Ebenfalls im Jahr 1924 wurde die Betar-Sportbewegung gegründet, die der Revisionistischen
Bewegung im Zionismus nahestand. Und schließlich rief der religiöse Hapoel Misrachi im Jahr
1939 die Elizur-Sportbewegung ins Leben. Erst nach der Staatsgründung lockerten sich diese
Verknüpfungen allmählich. Die meisten Spitzenteams werden inzwischen von privaten Unternehmen
gesponsert oder befinden sich sogar in deren Besitz. Elitzur ist noch verhältnismäßig stark
verwurzelt in seinem religiösen Umfeld. Zwar ist Elitzur Netanya ein erfolgreiches
Basketball-Team. Beim Fußball allerdings tut sich nichts von Bedeutung. Profi-Fußball
wird in Israel am Sabbat ausgetragen!
Basketball und Fußball sind die Publikumsmagneten. Maccabi Tel Aviv gewann zweimal
den Europa-Cup 1977 und 1981. Der Ruhm ist verblichen, inzwischen scheiden die Israelis
meist schon im Viertelfinale aus. Bei den Basketball-Europameisterschaften von 1979
scheiterte das israelische Nationalteam erst im Finale an der Mannschaft der Sowjetunion
und kürzlich wieder im Finale mit einer knappen Niederlage gegen die Mannschaft aus Slowenien.
Israels beeindruckendste Leistung im Fußball war die erste und bisher einzige Qualifikation
für die Weltmeisterschaft in Mexiko 1970, wo die Nationalmannschaft jedoch in der ersten Runde
schon ausschied. In der aktuellen FIFA-Weltrangliste wird Israel dennoch auf einem guten Rang
22 geführt, resultierend aus den guten Ergebnissen bei der Qualifikation für die
Europameisterschaft 2000. Unvergessen für die Fans bleiben das 5:0 gegen Österreich
von 1999 und ein 3:1-Sieg über Argentinien - der allerdings in einem Freundschaftsspiel,
aber was macht das schon!
Die arabische Bevölkerung spielt mit im israelischen Sport. Bekannte Fußballer aus den
80er Jahren sind z. B. Rifat Turk von Hapoel Tel Aviv oder Zahi Armeli von Maccabi Haifa.
Zur Zeit sind herausragend Walid Badir von Hapoel Petah Tikvah oder Nejwan Grayev von
Hapoel Haifa, der vor einigen Jahren zum englischen Klub Tottenham Hotspurs wechselte.
Der Nationalligist Hapoel Taibe ist sogar vollständig in arabischem Besitz.
Ein wichtiger Gesichtspunkt für breitgefächerte sportliche Aktivität in Israel ist,
dass Sport als Mittel der Rehabilitation von Verwundeten eingesetzt wird. Sportvereine
im Netzwerk "Beit Halochem" helfen Behinderten, ihre Handikaps und ihre Depressionen zu
überwinden, indem sie fit gemacht werden für internationale Wettspiele. "Beit Halochem"
Clubs gibt es in Jerusalem, Tel Aviv, Haifa, Nahariya und in Ramat Gan. Dem Besucher
erscheinen sie erst bei näherer Betrachtung der vielen Innen- und Außenpools, Turnhallen,
Geschäften und Cafes als eine besondere Lokalität. Vielen Schwimmern fehlen Gliedmaße, oder
beim Basketball sitzen die Spieler in Rollstühlen . "Die Leute sollen sich bei uns wie zu
Hause fühlen", sagt Josef Luttenberg, Leiter von "Beit Halochem" in Tel Aviv. Dieses Gefühl
sei ganz entscheidend. Menschen mit fehlenden Gliedmaßen oder narbigen Entstellungen nach
Verbrennungen schämten sich auszugehen. Sie fürchteten das Angestarrt-werden. In den Clubs
lernten sie wieder, sich frei zu bewegen und frei zu fühlen. Israelische Sportler sind dank
dieser Förderungen regelmäßige, teils erfolgreiche Teilnehmer an den Paralympics
(Olympische Spiele für Behinderte).
Ob sich der Sport wirklich und endgültig von der Politik emanzipierte, wer weiß das schon?
Jedenfalls gibt es neue Abhängigkeiten, und die können durchaus zu wettkampfentscheidenden
Situationen führen, wie man im Fall Smashnova sieht. Allerdings war der Streit um das Logo
wohl nicht verantwortlich für die Niederlage von Frau Smashnova-Pistolesi gegen die
italienische Außenseiterin Tathiana Garbin schon in der ersten Runde während der olympischen
Spiele. Im übrigen fand der Leiter des israelischen olympischen Komitees Zvi Varshaviak den
Streit um seine Tennisspielerin nie schlimm. Immerhin, da war er sich von Anfang an sicher,
werde "Lotto" gar nicht anders können, als der Mannschaft 50.000 $ zur Verfügung zu stellen,
damit der Mitbewerber beschwichtigt ist. Sport ist eben ein großes Geschäft, in Israel wie überall!
Werner Loock
Teilnehmer
| ARUSI Maya
|
Taekwando |
| AVERBUKH Aleksander
|
Leichtathletik |
| AVRAMSKI Nili
|
Leichtathletik |
| AYALON Shilo
|
Schwimmen |
| BIMRO Asaf
|
Leichtathletik |
| BOROCHOVSKI Vered
|
Schwimmen |
| BUSKILA Vered
|
Segeln |
| DANILOV Alexander
|
Schießen |
| ERLICH Jonathan
|
Tennis |
| FEINBLAT Michal
|
Judo |
| FRIDMAN Gal
|
Segeln (Goldmedaille) |
| GAL Udi
|
Segeln |
| GLOUSHKOV Anastasia
|
Synchronspringen |
| GNEZDILOV Svetlana
|
Leichtathletik |
| GOFMAN Pavel
|
Kunstturnen |
| GOSTOMELSKY Anna
|
Schwimmen |
| HALIKA Michael
|
Schwimmen |
| KLIGER Gideon
|
Segeln |
| KOLGANOV Michael
|
Kanu |
| KORNECKI Nike
|
Segeln |
| KORZITS Lee
|
Segeln |
| KRAVCHENKO Marina
|
Tischtennis |
| LENSKIY Irina
|
Leichtathletik |
| LIVNAT Shai
|
Schwimmen |
| MANASHEROV Yasha
|
Ringen |
| MATUSEVICH Konstantin
|
Leichtathletik |
| OHAYON Ayelet
|
Fechten |
| PEISAKHOVITCH Larissa
|
Kanu |
| PISETSKY Katerina
|
Kunstturnen |
| RAM Andi
|
Tennis |
| RAZVOZOV Yoel
|
Judo
|
| SATAYIN Haile
|
Leichtathletik |
| SHIMONI Oded
|
Reiter |
| SMASHNOVA-PISTOLESI Anna
|
Tennis |
| STARIK Guy
|
Schießen |
| TKACH Anna
|
Leichtathletik |
| TSITSIASHVILY Gotsha
|
Ringen |
| VAKS Ehud
|
Judo |
| YEKUTIEL Gal
|
Judo |
| YELLIN Roei
|
Kanu |
| YEVSEYCHYK Yuriy
|
Ringen |
| YOFFE Inna
|
Synchronspringen |
| ZEEVI Ariel
|
Judo (Bronzemedaille) |