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Tel Aviv: Das Open-Air-Museum des Bauhauses

Vor über neunzig Jahren wurde Tel Aviv gegründet. Heute entdeckt Israel sein Bauhauserbe. Und die UNESCO erklärt große Teile der Stadt zum Weltkulturerbe.

„Tausend weiße Villen tauchten auf, leuchteten aus dem Grün üppiger Gärten heraus. Von Akko bis an den Carmel schien da ein großer Garten angelegt zu sein, du der Berg selbst war gekrönt mit schimmernden Bauten.“ So umschrieb 1902 Theodor Herzl seine städtebauliche Vision vom Judenstaat. Doch genauso wenig wie das Leben im heutigen Israel etwas mit der Wiener Kaffeehausatmosphäre gemein hat, die Herzl in den Orient „umzutopfen“ plante, gleicht der visuelle Eindruck der Architektur des Landes einem Beverly Hills in der Levante. Die nüchternen Realitäten der Aufbaujahre ließen wenig Spielraum für idyllische Utopien. Ein Dach über dem Kopf für Millionen Einwanderer hatte einfach einen höheren Stellenwert als Ästhetik – ein Umstand, der Israel so manche architektonische Monstrosität bescherte, die einen noch heute erschaudern lässt. Doch neben unzähligen Bausünden finden sich in Israel auch Zeugnisse des Besten, was moderne Baukunst zu bieten hat. Gerade in Deutschland und Österreich ausgebildete Architekten hatten daran seit den Kindertagen des Zionismus einen entscheidenden Anteil. Sie waren es, die im britisch verwalteten Palästina und dem späteren Israel der architektonischen Moderne wie sonst nirgendwo zum Durchbruch verhalfen. Die Knesset etwa, das israelische Parlament, basiert auf Entwürfen des auf der Technischen Hochschule in München ausgebildeten Architekten Joseph Klarwein, der lange Jahre auch in Hamburg gearbeitet hat. Wenn, wie am 6. Juli vergangenen Jahres geschehen, große Teile des Stadtzentrums von Tel Aviv von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt werden, dann ist dies auch eine späte Würdigung der Leistungen all jener Baumeister, die während der britischen Mandatszeit eingewandert waren. Vor dem Kriegsausbruch 1939 zählte man in Palästina mehr als 130 tätige Architekten, die an einer deutschen Hochschule ihre Ausbildung erhalten hatten. Ihr „Urvater“ war Alex Baerwald aus Berlin. 1909 kam Baerwald nach Haifa, wo er die Pläne für das spätere Technion, Israels international renommierte Forschungsschmiede, entwarf. Stilistisch pflegte Baerwald eine gewagte Mischung aus orientalischen und deutschen Elementen. Auf Rundbögen setzte er Giebeldächer mit Ziegeln, das Ganze umschrieb er als ein „Zusammenwirken morgenländischer Bauweise mit den Errungenschaften deutscher Technik“. In den zwanziger Jahren hatte sich Deutschland zum Geburtsort einer modernen Architektur entwickelt, die, von der Lehre des Funktionalismus beherrscht, völlig neue Wege beschritt. Eine ganze Generation jüdischer Architekten aus Mittel- und Osteuropa wurde von den Impulsen inspiriert, die vom Bauhaus in Dessau ausgingen. Die Architekturforscherin Myra Warhaftig erklärt dieses Phänomen damit, dass die traditionellen Ausdrucksformen in der Baukunst oft Assoziationen mit antisemitischen Einstellungen weckten, während die neue, auf klare Linien und Sachlichkeit ausgerichtete Handschrift des Bauhauses die Schaffung einer grundlegend anderen und besseren Welt versprach. Diese Architektur, die wegen der vielfältigen Herkunft ihrer Vertreter auch „Internationaler Stil“ genannt wird, verkörperte eine Art „Architektur der Hoffnung“. Für den sowjetischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg war nach einem Besuch in Dessau klar, dass hier „die Welt einen Kult schlichter Vernunft erblickt hat“. Den Nazis hingegen galten diese Konzeptionen als Ausgeburt eines „jüdischen Kulturbolschewismus“. Besonders die 1927 im Stile der neuen Sachlichkeit errichtete Weißendorfsiedlung in Stuttgart erregte ihren Unmut. Um den „undeutschen“ Charakter des weltweit hoch gelobten Projekts zu betonen, bevölkerten ihre Protagonisten die Siedlung auf Fotomontagen mit Orientalen und Kamelen. So nahm 1933 die Entwicklung der modernen Architektur ein abruptes Ende, um – Ironie der Geschichte – genau dort, wo es Orientalen und Kamele zuhauf gab, neue Wurzeln zu schlagen. Die vom Bauhaus ins Leben gerufene neue Sachlichkeit mit ihren von horizontalen Fensterbändern gegliederten Baukörpern, ihren streng geometrischen Grundformen und den Glas- und Terrassendächern wurde den klimatischen Bedingungen in Palästina angepasst und entwickelte hier eine ganz eigene Formensprache. Auf Ornamentik oder monumentale Protzigkeit verzichtete man ganz bewusst. Typisch für die Adaption an lokale Begebenheiten: Die Häuser wurden auf Säulen, so genannte Pilotis, gebaut, um auf diese Weise für eine regelmäßige Belüftung zu sorgen. Sonst übliche großzügige Fensterfronten wurden wegen der intensiven Sonneneinstrahlung verkleinert. Das 1909 gegründete Tel Aviv sollte zum Experimentierfeld der Bauhausjünger werden. In den dreißiger Jahren verdreifachte sich die Einwohnerzahl in kürzester Zeit auf 150.000 – eine Herausforderung für Stadtplaner und Architekten. Praktische und bezahlbare Lösungsansätze waren gefragt. Beispielhaft die Arbeitersiedlung Meonot Ovdim des sozial engagierten Bauhausschülers Arieh Scharon, die er in Anlehnung an das Dessauer Studentenwohnheim konzipiert hatte. Oder sein Kollege Carl Rubin, der mehrere Häuser am Rothschild-Boulevard konzipierte, deren Wohnungen allesamt Zugänge zu Balkons erhielten – was angesichts der in Tel Aviv vorherrschenden Temperaturen von den Bewohnern dankbar angenommen wurde. Lotte Cohn, eine der wenigen Architektinnen ihrer Zeit, warnte ihre Kollegen vor Einfamilienhäusern nach deutschem Muster, da diese zu einer „bürgerlichen Lebensweise“ verführten. „Für viele war Berlin das Vorbild“, so Myra Warhaftig. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges galt Tel Aviv wegen seiner konsequenten Bauhausbebauung als eine der modernsten Städte der Welt, als „weiße Stadt“ am Rande des östlichen Mittelmeers. Heute ist davon wenig zu spüren. Die horrende Luftverschmutzung und die Luftfeuchtigkeit haben den Gebäuden arg zugesetzt und lassen alles einheitlich graubräunlich erscheinen. Auch war den meisten Bewohnern lange nicht bewusst, in welch architektonischen Perlen sie lebten. Klimaanlagen an den Fassaden, zugemauerte Balkone oder nachträglich aufgestockte Etagen mindern den optischen Reiz vieler Gebäude. Die zentrale Lage der meisten Grundstücke verführte zusätzlich dazu, durch den Abriss und die Umwandlung in einen Parkplatz den schnellen Schekel zu machen. Erst in den neunziger Jahren begann man allmählich so etwas wie ein Bewusstsein für Denkmalschutz in Tel Aviv zu entwickeln. Kein leichtes Unterfangen in einer Stadt, in der das Konservieren der Vergangenheit eigentlich nie auf der Tagesordnung stand. Laut Arieh Sabinsky, einem der Pioniere im Kampf um den Erhalt dieser Gebäude, eine Sisyphusarbeit: Rund 1.500 denkmalgeschützte Häuser gibt es in Tel Aviv, 900 fallen unter die Kategorie Bauhausarchitektur. Wenn man bedenkt, dass aufgrund begrenzter öffentlicher Mittel nur rund fünfzig pro Jahr restauriert werden, lässt sich leicht ausrechnen, dass ein Großteil dieser architektonischen Schätze im Wettrennen gegen die Zeit unwiederbringlich verloren zu gehen droht. „Tel Aviv ist ein offenes Bauhausmuseum“, schwärmt Sabinsky. Für ihn ist die Ernennung großer Teile der Innenstadt zum Weltkulturerbe ein wichtiges Signal. Zwar bedauert auch er, dass dadurch keine zusätzlichen Mittel für die Restaurierung zur Verfügung stehen, doch trägt die UNESCO-Entscheidung maßgeblich dazu bei, ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung dieser Gebäude zu schaffen. Außerdem kann sich die Stadt dadurch zum Magnet für Architekturenthusiasten aus aller Welt entwickeln. Und: Die UNESCO-Entscheidung verhindert, dass Stadtplaner und Architekten Politik mit der Abrissbirne betreiben oder monströse Hochhäuser den Gesamteindruck zerstören. Schließlich lässt sich der Status als Weltkulturerbe auch wieder rückgängig machen.

Ralf Balke

 


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