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Und wieder deine Augen einer Reise entgegen
Über den deutsch-hebräischen Übersetzungsworkshop in der Literaturwerkstatt Berlin vom 15.-20. April 2005

Und wieder die unausweichliche Verführung / der Echos aus den Fernen, / das Sich-Hinwenden zum Unbekannten, / Wünsche, in der Hose zusammengefaltet wie ein Tuch.

Aus dem Gedicht Glücks-Törtchen von Asher Reich, aus dem Hebräischen übersetzt von Paulus Böhmer

Gute Gedichtübersetzungen sind "Echos aus den Fernen", die unausweichlich verführen. Sie beweisen, dass ein Gedicht auch in einer anderen Sprache funktionieren, seine poetische Kraft entfalten kann. Zwar, wie man in einen fremden Sprachraum hineinruft, so schallt es nicht heraus, sondern in anderen Lauten, Rhythmen und mit versetzter Bedeutung; aber das gerade ist das poetisch Packende daran.
Anlässlich des 40. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik lud die Literaturwerkstatt Berlin vom 15. bis 20. April drei israelische und drei deutsche Lyriker zu einem Übersetzungsworkshop nach Berlin ein. Aus Israel reisten Asher Reich, Ronny Someck und Shimon Adaf an, aus Deutschland Paulus Böhmer, Frank Schablewski und Marion Poschmann. Je ein israelischer und ein deutscher Autor bildeten vor Ort ein Paar, um ihre Gedichte wechselseitig zu übersetzen. Zur Seite standen ihnen dabei Dolmetscher, einfache "Wort-für-Wort"-Übersetzungen (sogenannte Interlinearübersetzungen) der Gedichte und jede Menge Wörterbücher. Das Besondere dieser Arbeitsweise ist, dass Autoren übersetzen - die dabei meist freier, ungezwungener verfahren als professionelle Übersetzer - und dass jeder Autor auch an der Übertragung seiner eigenen Gedichte Anteil hat, auf diese Einfluss nimmt. Ziel war es, die Gedichte des Partners nicht nur "sachlich richtig" zu übersetzen, sondern neue poetische Fassungen in der je eigenen Sprache zu schaffen - eine Gratwanderung, poetisch hochrangige, aber dennoch dem Original entsprechende Bilder, Rhythmen oder gar Reime zu finden.
Am 19. April wurden die poetischen Resultate des Workshops im Rahmen einer Lesung der Öffentlichkeit präsentiert, moderiert von Thomas Sparr, früher Chef-Lektor des Jüdischen Verlags, heute Pressechef bei Suhrkamp. Paarweise betraten die Autoren die Bühne der Literaturwerkstatt im Prenzlauer Berg und lasen ihre eigenen Originaltexte sowie die neuen poetischen Fassungen der Gedichte ihres Partners. Dem Publikum offerierten die sechs Autoren dabei nicht nur eine ungewöhnliche Bandbreite an Gedichtformen, sondern auch an Übersetzungstypen.
Wie spannungsreich es ist, wenn zwei Autoren, die sich gegenseitig übersetzen, in ihren Schreibweisen extrem voneinander abweichen, zeigte das Paar Ronny Someck und Frank Schablewski: Während die Gedichte des ersteren sehr sinnlich, direkt, ja nahezu handgreiflich sind - was Titel wie 30 Sekunden, eine Brustwarze zu stürmen andeuten -, bleiben die des letzteren in permanenter Schwebe und sind weder ding- noch bedeutungsfest zu machen. In der anschließenden Diskussion erzählte Markus Lemke, der Dolmetscher dieses Paares, dass sich Someck während der Übersetzungsarbeit oft versucht sah, die Komplexität der Gedichte Schablewskis herunterzubrechen, während dieser die klaren poetischen Aussagen seines Partners vielfältig ausdeuten wollte. Die Übersetzungen zeigen, dass ihnen eine gegenseitige Annäherung und damit auch Beeinflussung gelungen ist.
Spannend war auch der unterschiedliche Umgang mit den Interlinearübersetzungen: Während sich etwa Frank Schablewski stark von Lydia Böhmers wortgetreuen Versionen entfernt hat, hielt sich die junge Berliner Lyrikerin Marion Poschmann an diese sehr eng. Dennoch zeigen Poschmanns Übertragungen - wie die von Shimon Adafs Ars Poetika - sehr klar, dass erst die freieren, poetischen Fassungen die "unausweichliche Verführung" bieten: Wenn ich schreibe, / verdiene ich alle Verachtung. / Denn was schreibe ich. / Ich schreibe: / Mutter schläft, / auf ihrer Stirn Schweißknospen, / kein behütender Engel. Dass Verse wie diese ohne den Dolmetscher Michael Sternheimer nicht zustande gekommen wären, braucht kaum erwähnt werden. Im Herbst diesen Jahres werden die Originale und Übersetzungen des Workshops auf der internationalen Website für Poesie, www.lyrikline.org, einem großen Publikum präsentiert.
Der Vorschlag für diesen Workshop kam von der Botschaft von Israel, die ihn, gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt, unterstützt hat. Seit Frühjahr 2004 schon waren die Kulturrätin der Botschaft, Dvora Ben David, und Dr. Thomas Wohlfahrt, Direktor der Literaturwerkstatt Berlin, über dieses poetische Projekt im Gespräch. Ein Übersetzungsworkshop ist nicht nur eine gute Möglichkeit, erstklassige Übersetzungen aus dem hebräischen ins Deutsche und vice versa zu schaffen, sondern auch, um Lyrik aus Israel hier und deutschsprachige Lyrik in Israel bekannt zu machen - und damit umfassender als Möglichkeit, den Kulturaustausch zwischen Israel und Deutschland weiterzuentwickeln. Für die Literaturwerkstatt Berlin, die sich auf die Vermittlung von internationaler Lyrik konzentriert, war der Workshop auch der Grundstein einer dauerhaften Zusammenarbeit mit literaturfördernden Institutionen in Israel. Ein Gegenbesuch der deutschen Lyriker in Israel ist geplant, was allen Beteiligten zu wünschen ist. Und deshalb - und auch, weil Asher Reichs Gedichte so verführerisch und Paulus Böhmers Übertragungen so ebenbürtig sind - bilden die ersten Zeilen des oben zitierten Gedichtes die letzten dieses Artikels: Und wieder deine Augen einer Reise entgegen: / Ein fernes Licht hat sie angezündet.

Ella Carina Werner

 


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