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Wissensgemeinschaft in einem zerrissenen Land
Engagement der ZEIT-Stiftung für die Universität Haifa

Imposanter Mount Carmel
Das dreißigstöckige Universitätsgebäude auf dem Mount Carmel beherbergt die Universität Haifa, die stolz darauf verweist, die pluralistischste des Landes zu sein. Und sie wächst: In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl ihrer Studierenden ebenso verdoppelt wie ihre Fläche. Sechs Fakultäten hat die Universität, 48 Forschungsinstitute und 65 Labors. Dass Joschka Fischer hier kürzlich einen Ehrendoktor bekam, dass auch Hans Koschnick, Johannes Rau, Henry Kissinger und Martha C. Nussbaum zu den Ausgezeichneten gehören, zeigt, wie geschickt diese israelische Hochschule ihre Freunde und Unterstützer an sich zu binden weiß. Prof. Manfred Lahnstein, Präsident der DIG, steht dem Board of Governors der Universität vor - eine einmalige Konstellation. Und so verdankt sich auch das Engagement der ZEIT-Stiftung, deren Vorstandsvorsitzender Prof. Lahnstein ist, seiner genauen Kenntnis einer außergewöhnlichen Universität. Sie fördert das Zusammenleben und -lernen von jüdischen und arabischen Studierenden, ein eindrucksvolles Modell für gedeihliches Miteinander. Rund zwanzig Prozent der 16.000 Studierenden gehören der arabischen, drusischen oder einer anderen Minorität an. In Israel, diesem zerrissenen Land, bildet die Universität Haifa eine einmalige Wissensgemeinschaft.

Israel-Engagement der ZEIT-Stiftung
Zu Füßen des Eschkolturms der Universität Haifa erstreckt sich das IBM Research Center, in dem auch das Bucerius Institute for Research of Contemporary German History and Society untergebracht ist. Seit fünf Jahren wird hier zu sozialen und historischen Themen des zeitgenössischen Deutschlands geforscht. Das Institut setzt auf intensiven Wissenschaftlerkontakt, es vergibt Doktorandenstipendien sowie Fellowships für Habilitanden und Professoren. Die Zielsetzung ist klar: Der Aufenthalt wissenschaftlicher Nachwuchskräfte in Israel wie in Deutschland soll den fachlichen Austausch über die akademische Sphäre hinaus befördern. Damit stärkt die Institutsarbeit das israelische Verständnis für Deutschlands jüngste Geschichte und Gegenwart - und leistet selbst eine wichtige Brückenfunktion.

Beispiel Bucerius-Institut
Seit 1996 engagiert sich die ZEIT-Stiftung in Israel, das 2001 gegründete Bucerius Institute bildet das Zentrum ihrer Aktivitäten. Schon der Name des Instituts markiert, dass die produktive Unruhe des Juristen, Politikers und ZEIT-Verlegers Gerd Bucerius (1906-1995) hier Programm ist. Die Historikerin und Institutsleiterin Yfaat Weiss ist überzeugt: "Hier Tagungen und Kongresse mit ausländischen Kollegen zu veranstalten, setzt ein Versöhnungszeichen. Ich sehe unsere Arbeit als Teil des notwendigen Verständigungsprozesses." Aus den vergangenen Jahren seien einige Aktivitäten vorgestellt, zumeist in Kooperation mit internationalen Partnern veranstaltet: Konferenzen über Germans-Jews-Czechs: The Case of the Czech Lands in Kooperation mit und an der Universität München, über Antisemitismus in Europa in Haifa, über Russian Jews in Germany in the 20th and 21st Centuries zusammen mit der University of Sussex in Brighton, über kollektive Gewalt in Haifa mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung. Vortragsreihen zu Eliteforschung und Elitentransformation wie auch zu Antisemitismus in Deutschland heute sowie zu Hannah Arendt und Leo Löwenthal belegen - das Institut hat sich erfolgreich etabliert und strahlt wissenschaftlich aus. Die 5-Jahres Bilanz im Mai 2005 fiel denn auch beeindruckend aus: Derzeit erarbeitet das Institut eine auf drei Bände angelegte Buchreihe mit Grundlagentexten wichtiger deutscher Theoretiker, die in Israel bisher kaum zugänglich sind (Hannah Ahrend, Karl Jaspers, Georg Simmel). Erstmalig waren im Frühjahr 2005 junge Wissenschaftler der Universität Bremen in Haifa - sie haben ihre aktuellen Projekte vorgestellt und mit israelischen Wissenschaftlern diskutiert. Und anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel fand die Konferenz "Encounters: Germans between the Holy and the Land" statt.

Anlässlich des Jubiläums sprach Prof. Dr. Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina (Frankfurt/O.), vor geladenen Gästen. Bridge to Europe - entsprechend diesem Selbstverständnis des Instituts wurde die 5-Jahr-Feier begangen, und so lautet denn auch der Titel der englischsprachigen Broschüre, die die Arbeit des Instituts porträtiert. Manfred Lahnstein unterstreicht: "Das Institut hat sich als eine Brücke nach Europa erwiesen. Seine klare Orientierung hin zu aktuellen, zeitgenössischen Themen und zugleich sein intellektuell stets anregendes Programm machen das Zentrum zu der Informationsquelle in Bezug auf die Entwicklungen in Nachkriegsdeutschland als auch in Europa generell."

Förderengagement der ZEIT-Stiftung für innovative Forschungsprojekte
Eine Reihe weiterer Forschungsvorhaben an der Universität Haifa sind der ZEIT-Stiftung wichtig, gerade wegen ihrer innovativen Dimension:

- In Israel gibt es bislang vier bilinguale Schulen, die bei den landesweiten Prüfungen sehr gut abschneiden.
   Eine Pilotstudie von Dr. Faisal Azaiza soll prüfen, welche Modelle bilingualen Unterrichts denkbar und
   erprobt sind. Zusammen mit Lehrern und Eltern werden anschließend die Stärken und Schwächen der
   verschiedenen Konzepte geprüft und angemessene Curricula erarbeitet.

- Im Grenzbereich zwischen Neurowissenschaft und Psychologie untersucht die junge Forscherin
   Mouna Maroun Ratten auf Lern- und Gedächtnisvorgänge in der Hirnrinde - sie kann daraus
   Schlussfolgerungen auf menschliches Verhalten hinsichtlich posttraumatischer Reaktionen ziehen.

- Prof. Zvia Breznitz hat Trainingsprogramme entwickelt, die die Lesefähigkeit von Erwachsenen
   mit Dyslexie steigern. Wie ihre Ergebnisse zeigen, verstetigt sich der Lernerfolg bereits nach
   12 Trainingstagen. Mit der Humboldt-Universität Berlin kooperiert Breznitz, um die Leseschwierigkeiten
   vergleichend zwischen der hebräischen und deutschen Sprache zu beobachten und möglichst optimal an
   deren Behebung zu arbeiten.

- Majid Al-Haj, einer von drei arabischen Professoren und Vizepräsident, erforscht im Center for
   Multiculturalism and Educational Research Einwanderer und ihr Integrationsverhalten. Gemeinsam mit
   Kollegen von der Universität Hamburg untersucht er länderübergreifend den Stand der multikulturellen Bildung.

- Prof. Ron Robin hat ein stark nachgefragtes, erfolgreiches Qualifizierungsprogramm für
   arabische Studierende angeboten - neben dem Studium konnten sie in Sozial- und Bildungseinrichtungen
   verschiedener Kommunen aktiv sein und sich so für berufliche Führungsaufgaben qualifizieren.

Aktiv für wachsendes Vertrauen
Am 1. Juni 2005 startete die ZEIT-Stiftung in Jerusalem mit den Bucerius Lectures, einer Vortragsreihe, die einmal im Jahr Intellektuelle ins Konferenzzentrum Mishkenot Sha'ananim führen wird. Zum Auftakt sprach Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder über Europa. Schwans Rede provozierte eine rege Diskussion. Die Bucerius Lecture markiert die Intention der Stiftung, für Meinungsaustausch und Verständigung zu wirken. Manfred Lahnstein zu den Motiven für das Stiftungsengagement in Israel: "Dass Vertrauen gewachsen sei zwischen Israel und Deutschland, hat Bundespräsident Horst Köhler bei seiner Knesset-Rede im Februar 2005 betont. Dieses wertvolle Vertrauen setzt Wissen und Kenntnisse voraus. Wechselseitige Informationen über Vergangenheit und Gegenwart beider Länder allein gewährleisten eine Zukunft, die auf Frieden, Toleranz und Zusammenarbeit gegründet ist."

Frauke Hamann

 


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