Leben im Dialog
Die politischen Entwicklungen im israelisch-palästinensischen Konflikt in den Jahren seit der Zweiten Intifada haben vor allem solche Israelis zutiefst erschüttert, die sich stets für die jüdisch-arabische Verständigung engagiert haben. Zu ihnen gehört in vorderster Linie Professor Dr. Kalman Yaron, der von 1965 – 1993 das Martin-Buber-Institut der Hebräischen Universität Jerusalem geleitet hat. Als Schüler Martin Bubers fühlte er sich dessen Erbe verpflichtet und pflegte den „Dialog als Hinwendung zum Anderen“ in der Erwachsenenbildung und vor allem mit arabischen Studenten. Entsprechend seinem Grundsatz „Vorbild für die Praxis des dialogischen Lebens ist ein gemeinsames Lernen“ gründete er einen hebräisch-arabischen Ulpan (Sprachkurs) in der Jerusalemer Altstadt. Dies gehört zu seinen beglückenden Erfahrungen; umso mehr schmerzt ihn später der eskalierende Konflikt.
Franz Pöggeler hat 2006 Kalman Yaron zu seinem 80. Geburtstag eine Festgabe mit Aufsätzen aus 40 Jahren gewidmet.
Der Herausgeber hat Yarons Beiträge aus vier Jahrzehnten in sechs Kapitel gegliedert, die zugleich die geistigen Grundlagen und die thematischen Schwerpunkte seines Denkens und Lehrens umschreiben.
Der erste Abschnitt ist den Einflüssen von Martin Buber, seinem Lehrer und väterlichen Freund gewidmet, dessen Philosophie, Pädagogik und Politik Kalman Yaron geprägt haben und die er interpretiert und vermittelt hat. Das Dilemma des einen Landes und der zwei Völker verurteilt sie zum Zusammenleben und zum Dialog, den religiöse Extremisten auf beiden Seiten immer wieder torpedieren.
Daraus folgt zwangsläufig – darum geht es im zweiten Kapitel -, dass auf beiden Seiten zur jüdisch-arabischen Koexistenz erzogen werden muss. Yaron hat dazu konstruktive Beiträge geleistet, die Gertrud Luckner als Versuche mit dem „kleinen Frieden“ charakterisiert hat.
In einem dritten Abschnitt sind Aufsätze zum historischen Rückblick auf das Verhältnis von Israelis und Palästinensern zusammengestellt. Darin beschreibt Yaron u.a. das „Absurdum des Nahost-Konflikts“ und er untersucht bei beiden Partnern „Trauma, Identität und Nationalismus“.
In drei weiteren Kapiteln sind Beiträge gesammelt, die Kalman Yaron mit seinem langjährigen Freund Horst Dahlhaus in mehreren deutschen Periodika geschrieben hat. Sie behandeln politische Aspekte des israelisch-palästinensischen Konfliktes, den Fundamentalismus in Islam und Judentum sowie die Herausforderungen an das Judentum und die israelische Gesellschaft.
Der 1925 in Beuthen geborene und 1934 nach Israel ausgewanderte Yaron, der seine Heimat mit seinen Eltern in Zorn und Scham verließ, hat lange nur hebräisch gesprochen und englisch geschrieben. Aus seinem von Buber motivierten neuen Kontakt mit Deutschland ist jedoch eine enge Verbindung gewachsen. Er hat vielen Besuchergruppen beim Zugang zum Judentum und zu Israel geholfen und in Veranstaltungen der DIG-Arbeitsgemeinschaften die Politik seines Landes erläutert. Die enge Kooperation mit Franz Pöggeler, Horst Dahlhaus und dem kürzlich verstorbenen Dieter Vetter bekunden seine gewachsene Freundschaft zu diesem Land. Aber seine neue Beziehung kommt vor allem darin zum Ausdruck, dass er zu seinen Reisen nicht nur seine geschätzte Frau Elisheva sondern nach und nach auch seine Enkelkinder einlädt.
Die Sammlung von Dokumenten seines Denkens und Wirkens vermittelt dem Leser ein umfassendes Bild von der im Geiste des Buberschen Humanismus geprägten Dialog- und Friedensfähigkeit Kalman Yarons, zu der er auch seine Landsleute und Nachbarn nachdrücklich einladen will. Damit wird dem Jubilar noch einmal tröstlich bewusst werden, dass seine jahrelangen Bemühungen, Erfahrungen und Einsichten gewiss auch die gegenwärtige Krise überdauern und nachhaltig weiter wirken werden.
Inge Dahl
Vorgestellt wurde:
Kalman Yaron, Geistige Welten, Aufsätze aus vierzig Jahren.
Hg. von Franz Pöggeler, Verlag Peter Lang, Frankfurt/Main 2006; 320 S., € 56,50