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Ein normales Leben in einer anormalen Zeit
Ein lehrreiches Panorama der israelischen Gesellschaft

Donna Rosenthal, US-amerikanische Journalistin und TV-Produzentin, hat lange in Israel gelebt und gearbeitet. Sie hat ein Buch „über normale Menschen geschrieben, die sich bemühen, in einer anormalen Zeit ein normales Leben zu führen.“ Dabei verfolgt sie einen umfassenden Ansatz, der sich nicht auf einzelne gesellschaftliche oder religiöse Aspekte beschränkt. Mit dieser klug gewählten Herangehensweise, die die Vorstellungen und Lebensweisen des Einzelnen in den Mittelpunkt rückt, versucht die Autorin zu erklären, was soziologisch der Grund dafür ist, dass ein derart kleines Land mit nur sieben Millionen Einwohnern einen großen Teil der Schlagzeilen in der Weltpresse ausmacht.

Im ersten Abschnitt – missverständlich „Israeli werden“ betitelt – beschreibt Rosenthal anhand persönlicher Schicksale ausschnittweise die israelische Gegenwartsgesellschaft. So skizziert sie zunächst den israelischen Alltag mit der ständigen Bedrohung durch Terroranschläge. Danach werden die Strategien bei der Partnersuche und das Paarungsverhalten der Israelis unter die Lupe genommen. Dann wendet sie sich dem israelischen Militär zu. Die „Armee des Volkes“ integriert durch den langen, verpflichtenden Wehrdienst junge Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten und Herkunftsländern. Nachgerade paradox mutet es an, dass die Verweigerung des Militärdienstes allen ultra-orthodoxen Männern zusteht, wenn diese es wünschen. Damit verweigern sich diejenigen der profanen Landesverteidigung, die sich selbst als religiöses Zentrum des Judentums verstehen. Schließlich wird auch das Business- und Hightechland Israel („Schwerter in Wertpapiere“) anschaulich porträtiert.

Der nächste Abschnitt „Eine Nation, viele Stämme“ widmet sich unter diesem individuell ausgerichteten Blickwinkel en détail den Ashkenasim und Mizrahim, den Russen und den afrikanischen Juden. Besonders die massenhafte Einwanderung russischer Juden in den 90er Jahren bewirkte tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, die sich nicht auf demographische Umwälzungen reduzierten, sondern dazu führten, dass man sich mitunter an ein ans Mittelmeer versetztes Moskau erinnert fühlt: „Hunderte nichtkoschere Supermärkte verkaufen Schweinswürstchen, russische Brotsorten, georgischen Wein, gesalzenen Fisch und Dutzende verschiedene Wodka-Marken.“ Die Belastbarkeit der israelischen Gesellschaft zeigt sich auch und gerade in der Fähigkeit, diese kulturell wie religiös eher fremde Bevölkerungsgruppe zu integrieren. Wie sich dies einschließlich der Irrungen und Wirrungen vollzieht, zeichnet Rosenthal höchst anschaulich und teilweise auch amüsant nach. Mittlerweile ist der Strom der Einwanderer aus der früheren Sowjetunion fast vollständig versiegt. Unmittelbare Folge hiervon ist, dass erstmalig seit Jahrzehnten weniger Juden nach Israel ein- als auswandern. Die Konsequenzen einer solchen auf Dauer bedrohlichen Entwicklung bleiben einer späteren Neuauflage vorbehalten.

Spannbreite und Vielschichtigkeit der israelischen Bevölkerung zeigen sich bei den radikal Säkularen, traditionellen und ultraorthodoxen Juden, Drusen, Muslimen, Beduinen und Christen. Allen ist jeweils ein Kapitel gewidmet, das ihren Alltag und ihre soziale Situation aufdeckt. Israel ist in vielerlei Hinsicht ein Land der kollidierenden Welten: Radikale bedingungslose Modernität trifft auf gleichermaßen hingebungsvollen wie kompromisslosen Traditionalismus. Mannigfache Konflikte und Widersprüchlichkeiten sind die unabwendbare Folge. Israel ist „Multikulti“ in Reinkultur. Ohne Übertreibung lässt sich behaupten, dass es eines der spannendsten und gegensätzlichsten Länder überhaupt ist.

Das Buch kann und will keine Patentrezepte für die Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes liefern, es hegt aber offenkundig Sympathie für eine zweistaatlichkeitsorientierte Zukunft. Die hier virulente Siedlungsproblematik wird erfreulich neutral und gelassen erörtert. Den Palästinensern schlägt kein Hass entgegen, auch wenn sie naturgemäß nur am Rande behandelt werden.

Ein Manko des Werkes ist es, dass die Autorin keinerlei Belege für ihre exemplifizierte Sichtweise liefert. Auch sonstige weiterführende Hinweise sucht man leider vergeblich. Ferner ist es bedauerlich, dass rechtliche Parameter, die für den gesellschaftlichen Status quo (mit) ursächlich sind, nur mehr angedeutet werden. Einige Ausführungen, wie z.B. solche über die Ehe, sind ohne diesen Kontext nur schwer verständlich.

Insgesamt aber gelingt es Rosenthal, ein facettenreiches und zudem aktuelles Bild der israelischen Gesellschaft zu entwerfen; hochkomplexe Zusammenhänge werden plausibel und begreifbar gemacht. Das Buch ist durchweg gut lesbar und lehrreich, ohne belehrend daherzukommen. Es kann all’ jenen nachdrücklich ans Herz gelegt werden, die den Staat Israel und seine höchst heterogene Bevölkerung besser verstehen wollen.

Dr. iur. Norbert Janz

Vorgestellt wurde:
Donna Rosenthal: Die Israelis. Leben in einem außergewöhnlichen Land. Aus dem Englischen von Karl Heinz Silber, 409 S., Verlag C.H. Beck, München 2007

 


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