Gebranntes Kind sucht Feuer
Ralph Giordanos „Erinnerungen eines Davongekommenen“
Ralph Giordano, Sohn einer jüdischen Mutter und eines italienischen Vaters, wurde 1923 in Hamburg geboren, fühlte sich zunächst nicht anders als die Kinder ringsum und war doch ein früh Gezeichneter. Jugend in der Nazi-Zeit, Verfolgung, Gestapo-Verhör, Versteck. Nach dem Krieg Liebesaffäre und baldiger Bruch mit dem Kommunismus. Die Partei hat immer Recht, hieß das Buch, in dem er sich von seinem Jugendirrtum lossagte. Dann, im Westen, die journalistische Karriere. Erfolge beim Fernsehen, Bekanntheit, wachsender Einfluss. Aus seiner unerschütterlichen Menschlichkeit heraus hatte Giordano das richtige Gespür für die kommenden Themen: „Hunger, Slums, Folter, Flüchtlinge“, wie er selbst summiert, all dies schon in den Sechziger Jahren.
Hier wäre mancher stehen geblieben, ein Klassiker des Betroffenheits-Fernsehens. Doch Giordano, mitten in der begeisterten Schilderung seiner Fernseherfolge, seiner wachsenden Popularität, setzt dem Wunderglauben an die Wirksamkeit der eigenen Arbeit“ ein skeptisches Nein entgegen. Das populäre Medium hat ihn nicht verführt, nicht verschlungen. Bücher wollte er schreiben, unbequeme Bücher, und damit beginnt er nun, nicht mehr der Jüngste, in seinen Fünfzigern, Sechzigern und später, wieder mit großer Wirkung.
Giordano ist eine Symbolfigur, von Jugend an. Im Laufe seines langen Lebens hat er dem Symbolischen seiner Existenz immer neue Facetten hinzugefügt. Zunächst ist er der Überlebende, ein deutscher Jude, dem Holocaust entronnen. Dann, indem er sich entschließt, trotzdem in Deutschland zu bleiben, symbolisiert er die Hoffnung auf Deutschlands Wandel: „Ja, ich bin (...) in Deutschland geblieben(...) Weil ich inzwischen herausgefunden hatte, dass es Millionen von Deutschen gab, die in den elementaren politischen und moralischen Grundfragen so dachten wie ich oder ich wie sie. Da war etwas aufgekommen, was vorher nicht da war, eine Ahnung von Zugehörigkeit, (...) eine am Horizont lichternde Hoffnung.“
Er wirkt tatkräftig bei diesem Wandel mit, indem er sich als Fernsehjournalist den Schmerzthemen seiner Tage widmet, Symbol einer neuen Lebenshaltung in einer Nation der Verdränger und Mitläufer. Er erweist sich als gebranntes Kind, das Feuer nicht flieht, sondern sucht.
„Die Empörung war groß, ich hatte mir das neuralgischste Thema ausgesucht, die empfindlichste, weil schmerzlichste Stelle im Gemütshaushalt der Nation (...) Mein Gefühl, schreiben zu können und zu dürfen, was mir auf der Seele lag, war unbeschreiblich.“ (S.274)
Giordano ist ein Mann von beispielhafter Zivilcourage, die er auch heute zeigt, wenn er gegen den zunehmenden Einfluss des Islamismus in Europa protestiert. Er fürchtet jede Art von Totalitarismus, und die Furcht vor einem erneuten Verlust der Freiheit ist bei ihm stärker ausgeprägt als die Furcht vor einer erneuten Bedrohung. Das Schlüsselerlebnis seines Lebens bleibt die Befreiung aus seinem Versteck nach dem Ende des Hitlerreiches. Er hat tiefer gefühlt als die meisten Menschen, welch ein Segen die Freiheit ist: „Ich ging nicht, ich schwebte; ich atmete nicht, ich trank die Luft wie Nektar; ich dehnte mich, bis der Brustkorb zu zerspringen drohte – Freiheit, Freiheit! Und da war vor allem die Freiheit von Angst. Das Erstaunen, nein, das überglückliche Entzücken darüber hat mich nie verlassen, bis in die Gegenwart. Wenn ich heute, im neunten Lebensjahrzehnt, morgens die Augen aufschlage, frage ich mich verwundert und ungläubig: Bist du wirklich da? Hast du das tatsächlich überstanden?“
Chaim Noll
Vorgestellt wurde:
Ralph Giordano: Erinnerungen eines Davongekommenen. Kiepenheuer und Witsch, Köln, 2007, 551 S.