| Neu alter Judenhass
Das Herausgebergremium an diesem Sammelband ist beachtlich: ein Bildungspolitiker, mit vielfältigen Empfehlungen,
der Leiter des Moses-Mendelsohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, der historische
Formen des Antisemitismus und jüdisches Leben der Vergangenheit untersucht, und schließlich ein Medienbeobachter,
der mit dem Pressedienst Honestly-Concerned in den vergangenen Jahren Meriten in der Beobachtung des alltäglich in
den deutschen Medien verbreiteten Antisemitismus und 'Antizionismus' gesammelt hat. Dieses Herausgebergremium hat
unterschiedliche Beiträge israelsolidarischer Nachwuchswissenschaftler und altgedienter Experten versammelt.
Das theoretische und empirische Niveau der Beiträge ist hoch und stammt aus dem Spektrum jüngerer Forschungen
zum Nahostkonflikt bis hin zu Beobachtungen von Medienprofis.
Man kann im ersten Teil in den Medienanalysen von Rolf Behrens zum Thema nachlesen, dass die Berichterstattung über
Israel in den deutschen Medien das in Festreden immer wieder herbeizitierte "besondere Verhältnis" Deutschlands zu Israel
bedroht; dazu kann man in der Darstellung Sacha Stawskis herausragende Beispiele stereotyper Zeichnungen der israelischen
Politik nachlesen. Tobias Kaufmann betont, dass Journalisten und Politiker durch "Fahrlässigkeit, Unterlassung und Vorsatz
die israelfeindliche Haltung deutscher Medienkonsumenten" fördern, eine Beobachtung, die man während des vergangenen
Libanonkonflikts auch in Trier anhand der Berichterstattung und der Leserbriefreaktionen im Trierischen Volksfreund,
machen konnte.
Neben diesen medienpolitischen Betrachtungen enthält der Band zweitens eine Reihe von Analysen des islamischen
Antisemitismus von Bassam Tibi, der sich der "Mär von der jüdischen und kreuzzüglerischen Weltverschwörung gegen
den Islam" in der islamistischen Propaganda zuwendet; Wahied Whadat-Hagh von Memri untersucht gemeinsam mit Mohammed
Schams den khomeinistischen Antisemitismus als kulturelle Quelle des aktuellen iranischen Antisemitismus. Cem Özdemir
und Philipp Gessler wenden sich dem Antisemitismus unter muslimischen Migranten zu, während Matthias Küntzel die
spezifische Gefahr, die für Israel vom Handeln deutscher Eliten ausgeht, am Beispiel des als israelfreundlich und
bekehrter Altlinker geltenden Joschka Fischer nachgeht. In einem dritten Abschnitt entwerfen verschiedene Akteure
Perspektiven einer Politik, die sich aktiv gegen den Antisemitismus unter Migranten, Deutschen und Eliten wendet.
Eine junge Stimme in diesem Reigen ist die ehemalige grüne Europaabgeordnete Ilka Schröder, die sich im Europäischen
Parlament Verdienste durch die Kritik der antiisraelischen Politik von EU-Institutionen erworben hat. Sie schildert
das Verhältnis der EU zu Israel und charakterisiert diese Politik als Destabilisierungspolitik.
Der Band wird durch einen Anhang ergänzt, in dem - für den deutschen Fall ist das wichtig, weil es außer Auszügen,
die Matthias Küntzel für die linke Wochenzeitung 'Jungle World' übersetzt hat, keine deutsche Übersetzung gibt -
die Charta der Hamas in englischer Sprache vollständig dokumentiert wird. Die Lektüre dieses Dokuments zur
Zeitgeschichte sei jedem nur empfohlen. Insgesamt ist der Sammelband ein nützliches Buch, das viele Denkanregungen
gibt und das den Beitrag des einen oder anderen Experten enthält, den es sich einmal genauer anzuschauen und vielleicht
in Zukunft auch vor einem breiteren Publikum einzuladen lohnt.
Hannes Platz
Klaus Faber, Julius H. Schoeps, Sacha Stawski (Hg.): Neu alter Judenhass. Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik. Berlin, Verlag für Berlin-Brandenburg 2006
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