„THE PASSION OF CHRIST“ - EINE NACHLESE
Rechtzeitig vor Ostern 2004 ist Mel Gibson’s „The Passion of Christ“ in den europäischen Kinos angelaufen.
Die Verleihfirma hatte mächtig die Werbetrommel gerührt; noch verkaufsfördernder aber ist die Aufregung gewesen,
die dieser Film bereits verursacht hatte, als er in den USA in den so genannten „previews“ vorgeführt wurde.
Mel Gibson selbst hat ungerührt behauptet, er habe sich strikt an die Evangelien gehalten. Das ist irreführend
und falsch. Irreführend ist es, weil die historische Exaktheit der Evangelien selbst mit guten Gründen in Zweifel
gezogen werden kann. Sie sind nämlich erst in den letzten Jahrzehnten des ersten Jahrhunderts verfasst worden,
also Jahrzehnte nach dem tatsächlichen Geschehen und mit klar erkennbarer „pädagogischer“ Zielsetzung.
Und falsch ist die Behauptung deshalb, weil Gibson weit über die Schilderungen im Neuen Testament hinausgeht.
Nun entspricht es traditioneller christlicher Glaubensauffassung, die Evangelien als „Gottes Wort“ anzusehen,
also sie wörtlich zu nehmen. Aber auch christliche Geschichtswissenschaftler sind nicht immer bereit, die
objektiven historischen Quellen einfach beiseite zu schieben.
Diese Quellen hat Prof. Dr. Alexander Demandt in einem Beitrag mit dem Titel „Der Prozess Jesu“
(„Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 8.4.2004) ausgezeichnet zusammengefasst. Die zentralen
Feststellungen kurz zusammengefasst:
- Jesus hat
gelebt, da wir über seinen Tod verlässliche Nachrichten
besitzen. Der berühmte Tacitus schreibt
in seinem Bericht über die Christenverfolgung des Kaisers Nero nach dem Brande Roms im
Jahre 64: „Der Urheber dieser Sekte ist Christus, der unter Tiberius durch den Prokurator Pontius
Pilatus hingerichtet worden war“. Es ist also der Römer Pilatus, der Jesus hat hinrichten lassen!.
Diese Feststellung wird auch durch die Evangelien gedeckt. Der römische Historiker schreibt nüchtern:
„Durch Pontius Pilatus hingerichtet“. Das christliche Glaubensbekenntnis hat daraus später gemacht:
„ Unter Pontius Pilatus...“. Aber dies wäre nicht der einzige Fall, in dem fromme Überlieferung sich
die Geschichte zurechtbiegt.
- Es
entsprach allgemeiner römischer Gewohnheit, dass die zur
Kreuzigung Verurteilten ihr Kreuz selber
schleppen mussten,
dass sie gegeißelt wurden, dass der Grund für die Hinrichtung
durch eine Mitteilung
am Kreuz selbst
bekannt gegeben wurde, und dass man unter Umständen den
Leichnam bestatten durfte. In
all diesen Punkten stellt die Kreuzigung Christi also absolut keinen Ausnahmefall dar.
- Pontius
Pilatus ist ebenfalls eine historische Figur. Er wird bei
Tacitus und dem Historiker Flavius
Josephus erwähnt; in
Cäsarea, wo er zwischen 26 und 37 unserer Zeitrechnung amtiert
hat, hat man einen
Gedenkstein gefunden, der seinen Namen trägt. Die
bedenkenlose Grausamkeit dieses Pilatus war
dermaßen groß,
dass ihn Rom 36 oder 37 zurückrief. Er musste sich vor den
Heimatbehörden für seine
Vergehen
rechtfertigen und verschwindet daraufhin aus den Annalen.
-
Außerbiblische Quellen verweisen auf andere Personen, die auch
in den Evangelien erwähnt
werden: Kaiphas,
Hannas, Joseph von Arimathia, Simon aus Kyrene und „Jakobus,
der Bruder Jesu, des so
genannten ‚Christos’ „.
- Das
Verfahren gegen Jesus war kein ordentlicher Strafprozess, auf
den eh’ nur römische Staatsbürger
(wie wir bei Paulus
lesen können) einen Anspruch hatten. Es hat sich vielmehr um
eine ‚Polizeimaßnahme’
gehandelt, die die Römer ‚cognitio extra ordinem’
nannten. Und deshalb entsprach auch das
Todesurteil völlig den
gültigen Regeln; Jesus konnte ein ‚kurzer Prozess’ gemacht
werden. - Nach
gründlichen
Berechnungen ist Jesus am 7. April des Jahres 30 am Kreuz gestorben. Übrigens ist es
unwahrscheinlich, dass sehr viele Juden das Geschehen
beobachtet oder gar aktiv an ihm beteiligt waren. Dieser Tag
war in jenem Jahr der Tag vor dem Beginn des jüdischen
Pessachfestes, und da hatten die Juden genug mit der
Vorbereitung zu Hause zu tun.
Wichtig für unser Urteil ist es nun, sich das allgemeine Umfeld jener Jahre ins Gedächtnis zu rufen.
Mindestens seit einem Vierteljahrhundert hatte es in Palästina Unruhen gegeben, da viele fromme Juden die
Herrschaft der nichtjüdischen, idumäischen Nachfolger von Herodes dem Großen nicht ertragen konnten.
Der war 4 vor Christus gestorben. Zur politischen Unruhe kam die religiöse Gärung. Die Bibel berichtet
von mindestens den folgenden Glaubensrichtungen, die insbesondere über ihre Endzeiterwartungen
miteinander im Streit lagen: Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten und die Jünger von Johannes dem Täufer.
Später haben wir dann auch noch von den Essenern gehört. Und zudem kamen noch verschiedene messianische
Prediger mit ihrer Anhängerschaft hinzu. Jesus ist also zu jener Zeit kein Einzelfall gewesen.
Und zum Pessachfest strömte alles in Jerusalem zusammen; Tausende von Gläubigen aus aller Herren Länder
besuchten den Tempel. Was für eine Gelegenheit zu religiös inspirierten Unruhen! Wahrscheinlich war
die Luft ebenso geladen, wie sie es auch heute noch nach den muslimischen „Freitagsgebeten“ auf dem gleichen
Tempelberg ist. Es wundert deshalb nicht, dass Pontius Pilatus seine Residenz in Caesarea Maritima verließ,
mit römischen Truppen nach Jerusalem heraufzog und von seinem Hauptquartier, dem „Prätorium“, aus für
„Law and Order“ sorgte. Und dort begegnet ihm der Jude Jesus.
Der hatte bei vielen seiner Glaubensgenossen die Hoffnung auf eine Befreiung von den Römern und eine rasche
Wiederherstellung des von Salomon und David errichteten Königreichs geweckt. Jubelnd hatten sie ihn am
Stadttor empfangen. Sie hatten geschrieen: „Hilf’ doch (Hosianna), Sohn Davids!“ Und zu dieser Hoffnung
hatte Jesus wohl auch Anlass gegeben. Er hatte zwei seiner Jünger vorausgeschickt und ihnen folgendes
aufgetragen: „Saget Jerusalem (Tochter Zions): Siehe, Dein König kommt zu dir“. Natürlich wissen wir,
wie Jesus diese Aussage gemeint hat. Und zumindest die Hohenpriester sowie die Anführer der Pharisäer
und Sadduzäer werden seinen Hinweis „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“ gekannt haben. Aber
wusste das auch die Menge in den Straßen? Auf jeden Fall waren die Erwartungen hoch, auch bei denen,
die ihn „nur“ für einen Propheten hielten.
Die Führer der Juden waren in einer schwierigen Lage. Jesus als Messias, das verstieß voll
gegen ihre Glaubenssätze. Und dann hatte dieser Mann auch noch gewaltigen Zulauf! Sie kamen zu dem Entschluss,
Jesus aus dem Wege zu schaffen. Da dies aber auf gesetzlichem Wege zu geschehen hatte, musste man die
Staatsgewalt, also die Römer, einschalten. Die eigene richterliche Gewalt beschränkte sich auf
Zivilangelegenheiten. Die Römer aber machten sich aus den religiösen Streitigkeiten der Juden überhaupt
nichts, so lange Ruhe und Ordnung gewahrt blieben und die Steuern ordentlich bezahlt wurden. Es musste
also ein Grund gefunden werden, der auch für Pontius Pilatus Anlass zum Eingreifen war.
Jesus musste – und zwar im weltlichen Sinn – als jemand denunziert werden, der als „König der Juden“
eben jene Ordnung infrage stellte, an der den Römern so viel gelegen war.
Die jüdischen Führer lassen Jesus gefangen nehmen und vor den „Hohen Rat“ bringen, dem der Hohepriester
Kaiphas vorsitzt. Und jetzt kommt dessen entscheidende Frage: „Ich beschwöre dich...dass du uns sagst,
ob du seist Christus, der Sohn Gottes“. Jesus antwortet: „Du sagst es!“ Damit ist der Tatbestand der
offenen Gotteslästerung aus Sicht der Juden erfüllt. Sie überantworten Jesus dem „Landpfleger“ Pontius
Pilatus. Nach dem Evangelisten Lukas, dessen Bericht allerdings der späteste ist, denunzieren sie ihn wie folgt:
„Diesen haben wir gefunden, wie er unser Volk abwendig macht und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben,
und spricht, er sei Christus, ein König...Er wiegelt das Volk auf“. Das ist geschickt auf die römische
Interessenlage gezielt.
Pilatus fragt nun anders als Kaiphas: „Bist du der Juden König?“ Jesus bejaht. Jetzt hat der
„Landpfleger“ die Handhabe, die er benötigt. Es mag durchaus sein, dass er den jüdischen Führern einen
Gefallen tun wollte, zumal ihm an Menschenleben nicht viel lag, wie wir wohl wissen. Überall in ihrem
Reich haben sich die Römer mit der lokalen Oberschicht arrangiert, half es doch, Ruhe und Ordnung zu bewahren.
Ganz folgerichtig wird auf dem Kreuz Jesu denn auch nicht „Sohn Gottes“ sondern „König der Juden“ vermerkt.
Die berühmte Frage des Pilatus: „Wen wollt ihr? Barrabas oder Jesus?“ ist übrigens durch historische
Fakten nicht gedeckt. Es gibt keine Quelle, die auf eine derartige Tradition verweist. Aber – selbst
wenn sie erfunden ist, dann ist sie gut erfunden. Sie spiegelt den raschen Sinneswandel einer Gruppe von
Menschen wider, deren hemmungsloses Hoffen binnen weniger Tage zerstoben war.
So weit die belegbaren Fakten und einigermaßen sichere Schlussfolgerungen daraus. Jedoch, auch wenn wir
die Evangelien „beim Wort“ nehmen, hat Mel Gibson gefälscht. Er verschiebt die Ursachen von den Römern
und den Juden, so gut oder so „schlecht“ er gerade kann. Besonders deutlich wird dies in der
Schlüsselszene des Films, der Geißelung Jesu. Was sagen die Evangelisten?
- Matthäus und
Markus: „Pilatus ließ Jesus geißeln (von seinen Leuten) und
überantwortete ihn, dass er
gekreuzigt würde“
Genau diese Behandlung hat Jesus nach dem Neuen Testament vorausgesehen. Bei Lukas (10:33) sagt er: „
„Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und des Menschen Sohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern
und den Schriftgelehrten, und sie werden ihn verdammen zum Tode und überantworten den Heiden (also den Römern).
Die werden ihn verspotten und verspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen“.
Wie gesagt, Geißelung war eine durchaus gängige Maßnahme bei denen, die die Römer zum Tode verurteilt hatten.
Und was macht Mel Gibson aus diesen Angaben? Eine Szene brutaler, sadistischer und blinder Gewalt,
die ebenso unendlich wie unerträglich ist. In einem der gewalttätigsten Streifen der gesamten
Filmgeschichte wird an die niedrigsten Instinkte von Zuschauern appelliert – sonst nichts! Die Hohenpriester
werden als arrogant und bösartig, ja vom Satan besessen dargestellt, ohne dass der Film sich die Mühe macht,
auf die eigentlichen Motive und Ursachen einzugehen.
Das für mich Unerträglichste: Viermal (wenn ich richtig gezählt habe) taucht Satan „in Person“
in diesem Film auf – eine freie Erfindung Mel Gibsons, die in den Evangelien nicht die geringste Stütze findet.
Zweimal sieht man diese finstere, vermummte, menschenähnliche Verkörperung des Bösen, wie er sich unter die
jüdische Menge mischt, die als die eigentlichen Urheber des Todesurteils erscheinen. Es ist klar, was damit
gesagt werden soll: Die Juden sind des Teufels Volk.
Mit der historischen Wahrheit hat das wenig zu tun, mit Wort und Sinn der Evangelien auch nicht.
Gibson ist ein kalt kalkulierender Geschäftsmann, dem es an jedem inneren Kompass zu fehlen scheint.
Oder sollte er denjenigen seines Vaters übernommen haben, der zu den bekannteren Holocaust – Leugnern
in den USA gehört, ohne dass sich der Sohn jemals klar davon distanziert hätte. Und seine Behauptung,
er habe die Evangelien akkurat ins Bild gesetzt, soll ihn zusätzlich vor Angriffen schützen, immer
nach dem Motto: „Wer Gibson attackiert, attackiert das Neue Testament“.
Für das Thema „Antisemitismus“ ebenso wichtig aber sind die Reaktionen auf den Film und die Wirkungen,
die er ausgelöst hat.
Die erste Reaktion christlicher
Würdenträger war von gewohnter Unverbindlichkeit und Naivität.
Die Tageszeitung „Die Welt“ hat dazu am 15.3.2004 einige
Zitate veröffentlicht: - Wolfgang
Huber, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in
Deutschland, hat von einem „gewaltigen
Film mit eindrücklichen
Bildern gesprochen“. Es handle sich zugleich um einen
gewalttätigen Film mit „Szenen
unerträglicher Brutalität“, hat er allerdings
hinzugefügt. - Der Hamburger Erzbischof
Werner Thissen sagt: „Der
Film ist mir sehr nahegegangen. An manchen Stellen fühlte ich
mich an fromme und gute
Passionsbilder aus der
europäischen Kunstgeschichte erinnert, etwa an den Isenheimer
Altar von Matthias Grünewald. Die
dargestellte Grausamkeit hätte ich mir knapper gewünscht“.
Vor dem Hintergrund des tatsächlich Gezeigten sind diese Reaktionen
unglaublich. Matthias Grünewald mit Mel Gibson auf eine Stufe zu stellen, darauf muss man erst einmal kommen. Warum
verschweigt der Erzbischof das Zweite Vatikanische Konzil und all das, was zum Thema „Verhältnis Juden und Christen“
seither gesagt worden ist, nicht zuletzt auch von Papst Paul II ? Gibson verwirft in einem bedrückenden
Akt interreligiöser Aggression dieses Konzil in aller Offenheit!
Der Streifen passt in eine Landschaft, in der nach dem 11. September apokalyptische Schauern und Ängste
uns jeden Tag in den Abendnachrichten serviert werden. Ist nicht einmal die darin liegende Gefahr
dem Herrn Ratsvorsitzenden bewusst?
Nur Charlotte Knobloch, eine streitbare Stimme unter den deutschen Juden, trifft den wahren Sachverhalt,
wenn sie feststellt: „Nach jahrzehntelangen Dialogen mit den Kirchen wird hier der längst überwunden
geglaubte Antijudaismus wieder belebt“. Es aber ist noch schlimmer. Es geht nicht nur um Antijudaismus,
sondern um Antisemitismus. Und die offizielle Reaktion auf diese Herausforderung ist beschämend.
Nein – es handelt sich bei „Passion of Christ“ um ein Projekt, das antijüdische und antisemitische
Vorurteile mächtig befördert, selbst wenn das nicht beabsichtigt gewesen sein sollte. Der Film steht in
der unrühmlichen Tradition der Passionsspiele, die 1539 in Rom wegen der regelmäßig folgenden Überfälle
auf die Juden der Stadt verboten wurden und die in ihrer Oberammergauer Version ( 1934 und 1942 durch
Hitlers Besuch beehrt) erst nach heftigen Diskussionen von ihren antisemitischen Untertönen befreit
wurden. Er steht in der schlimmen Tradition von Filmen wie „Jud Süß“.
Er legt die Auffassung nahe, dass es die Juden waren, die das Gesetz des Handelns bei der Passion Christi
in den Händen hielten. Damit wird unter der Hand auf Texte wie die „Protokolle der Weisen von Zion“
verwiesen. Dieses krimininelle Machwerk, das die geheime Weltherrschaft einer kleinen Clique mächtiger
Juden behauptet, ist von der zaristischen Geheimpolizei erfunden und in Umlauf gebracht worden.
In den Basaren islamischer Länder findet es bis heute willige und gläubige Leser. Und noch 2003
hat sich der damalige Ministerpräsident von Malaysia, Mahathir, auf einer internationalen Konferenz
zu der Behauptung verstiegen: „Die Juden regieren die Welt über Stellvertreter“.
Ein „gewaltiger Film mit eindrücklichen
Bildern“? Danke für diese „Kritik“!
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