| Vergesst nicht den Glanz!
Sie wurden vertrieben, verfolgt, vernichtet. Pogrome säumen den Pfad ihrer Geschichte.
Das ist zutiefst schmerzliche Gewissheit. Ebenso gewiss ist aber: Juden haben in Europa
Großartiges geleistet, haben in blühenden Gemeinden gelebt, ja geradezu "Goldene Zeitalter" erlebt.
Sie haben entscheidend zur Geschichte und Identität Europas beigetragen als Wissenschaftler und
Philosophen, als Musiker, Minnesänger, Kaufleute, Berater an Höfen etc. Sicherlich wollen,
ja müssen die Schatten der Shoa wahrgenommen und ausgehalten werden, doch darf darüber das
in der Vergangenheit Geleistete, das Schöne und Gute nicht vergessen werden. Das Schwarz der
Trauer darf die bunte Vielfalt jüdischen Lebens in Europa nicht vollends überdecken.
Eine lebenswerte Zukunft haben wir alle miteinander nur dann, wenn die Kraft des Positiven
in der Geschichte zu neuer, vorwärts treibender Dynamik wird.
Das ist auch ein Impuls des hier zu besprechenden Buches "Der brennende Dornbusch. Glanz und Elend der
Juden in Europa", das Iris Pollatschek und Wolf-Rüdiger Schmidt herausgegeben haben und zu dem Michael
Brenner einen grundlegenden Essay über "Juden und Europa" beigesteuert hat.
Und, um es gleich zu sagen, der ist es allemal wert. Dem Verlag gebührt ein Kompliment: er hat dem
wertvollen Inhalt mit sparsamen, aber ästhetisch wohltuenden Mitteln eine angemessene Form gegeben.
Viele schwarz-weiße und bunte Illustrationen sind auf dem Hochglanzpapier des Buches qualitativ
hochwertig reproduziert. Sie fördern die Lust, dieses Buch zu lesen. Und auch, wenn es abgenutzt
und platt klingen mag: Wer dieses Buch in die Hand nimmt, wird es so schnell nicht fortlegen.
Er wird sich festlesen, so wie es dem Rezensenten selbst ergangen ist.
Das beginnt bei Michael Brenners Beitrag über das Verhältnis von Juden und Europa "zwischen den
beiden Polen von Verfolgung und Kreativität". Einfühlsam und reich an Details schildert der
Münchner Professor für "Jüdische Geschichte und Kultur" die widersprüchlichen Erfahrungen des
jüdischen Alltags, ausgehend von der Grundeinsicht: "Nähe und Distanz prägten das Verhältnis der
Juden zu ihrer Umwelt über Jahrhunderte" (S. 12).
Das setzt sich fort bei den sechs exemplarischen Lebensgeschichten, die Iris Pollatschek erzählt,
angefangen bei Flavius Josephus und endend bei Theodor Herzl. Und immer wieder entdeckt der Leser
Neues. Oder hätten Sie gewusst, dass der Protestant Gotthold Ephraim Lessing und der Jude Moses
Mendelssohn über Jahre hin miteinander Schach gespielt haben? Klar, dass sich diese beiden großen
Aufklärer gegenseitig beeinflusst haben.
Und schließlich werden Sie vermutlich, wie der Rezensent auch, mit Erkenntniszugewinn die Dokumente
studieren, die Wolf-Rüdiger Schmidt (der Fernsehjournalist ist u.a. Zweiter Vorsitzender der
Deutsch-israelischen Gesellschaft in Wiesbaden) aus zum Teil schwer zugänglichen Quellen ausgewählt
und kommentiert hat.
Dieses Buch ist ein überaus geeignetes Geschenk für Freunde jüdischen Glaubens und Lebens. Doch mehr
als das: eine Pflichtlektüre für alle, die über "Glanz und Elend der Juden in Europa" mitreden wollen.
Es begleitet überdies eine zweiteilige Fernsehdokumentation zum gleichen Thema, die am 8. und 10.
Mai d.J. im ZDF ausgestrahlt wird.
Otmar Schulz
Iris Pollatschek/Wolf-Rüdiger Schmidt, Der brennende Dornbusch. Glanz und Elend der Juden in Europa,
Gütersloher Verlagshaus, 182 Seiten, 19,80 EURO.
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